
1976 in Nürnberg: Ein paar Kunststudentinnen und Kunststudenten nutzen gemeinsam eine Schreinerei im Hinterhof in der Hinteren Cramergasse 12, Stadtteil St. Peter/ Gleishammer. Zunächst sind es nur ein Atelier und künstlerischer Treffpunkt. Bald finden erste Konzerte und Feiern im Kunstverein (KV) statt, dessen spezieller Flair sich schnell herumspricht. Schon damals gab es in der Stadt viel zu wenig günstige Auftrittsmöglichkeiten für Bands, Theatergruppen und Veranstalter aus der subkulturellen Szene – ein Problem, das heute noch besteht. Zügig wandelte sich der Kunstverein zum Veranstaltungsort und zum Treffpunkt.
Nunmehr seit 50 Jahren kümmert sich der Verein um die Belange der modernen Subkultur und lokalen Musikszene. Es gibt wohl in Bayern wenig Vergleichbares.
Mit „Bühnenchaos und dazu Stände befreundeter Initiativen – zwischen Kunst, Krach und Kaltgetränk“ kündigt der KV nun denn seine große Geburtstagssause am Samstag, 18. April, im Nürnberger Z-Bau an, der bekanntlich in der Frankenstraße 200 liegt und in dem der KV schon eine Ewigkeit sein eigenes Domizil hat. Ab 16 Uhr beginnt der bunte Reigen. Musikalisch auf den Putz hauen werden dann:
- Pink Wonder (Feminism Scumfuck-Punk / Berlin)
- Gymmick (Liedermacher / Nürnberg)
- Bat Brats (HC-Punk / Köln)
- Guy Molton (Jazz Piano-Beats-Gitarrengewitter)
- Mess Of Mankind (Crusty HC-Punk / Nürnberg)
Außerdem gibt es Karaoke, verschiedene Stände, ein Kickerturnier, Cocktails, Workshops und DJing. Am Start sind dabei lauter „Freunde“ des KV: Radio Z, OA, Antifakneipe, Wagenplatz Park4Life, Hemdendienst, Kollektiv Jardin, Kombinat Weichensteller, Zentralcafé Kaya, Kartentausch für Geflüchtete, Wagenplatz Kristallpalast, Bela Lugosi, Beat Bitches und Z-Bräu, der Mikrobrauerei direkt im Z-Bau. Ab 23 Uhr steigt die Aftershow-Party im Kunstverein, dabei sind die Monsters of Jungle am Zug, die diesmal als Gäste das DJ-Geschwister-Duo Phibes aus dem Vereinigten Königreich ins Boot geholt haben. Der Eintritt ist frei, für die Aftershow-Party allerdings fallen Kosten an, liest man auf der Seite des Z-Baus.
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Die Anfänge des rührigen Kulturvereins Hintere Cramergasse
1976 wurde der KV in der Hinteren Cramergasse in Nürnberg gegründet, seither hat er diesen Namen, den der Verein auch mit dem Umzug zur Jahrtausendwende in den Z-Bau nie komplett abgelegt hat. In all den Jahren und Dekaden hat sich der KV als fester Bestandteil der Nürnberger Subkultur etabliert. „Zusammengeschlossen aus circa 50 aktiven, ausschließlich ehrenamtlichen Mitgliedern verschiedenster Altersgruppen, Musikrichtungen und Interessen, verbindet uns alle die gemeinsame Leidenschaft der geselligen Zusammenführung von Künstler*Innen und Publikum in all ihren Erscheinungsformen“, erklärt der Verein sein Selbstbild auf seiner Webseite.
Dementsprechend umfangreich ist die Bandbreite der Veranstaltungen, „die immer zu möglichst günstigen Eintrittspreisen gemeinschaftlich, basisdemokratisch und ehrenamtlich ohne kommerzielles Interesse auf die Beine gestellt werden“. Die Veranstaltungen reichen von HipHop, Punk-, Blues-, Rockabilly-, Hardcore-, Metal-, Reggae-, Ska- und Liedermacher-Konzerten über ein breites Spektrum der elektronischen Musik wie Drum’N’Bass, Dub, Jungle, Techno oder auch Wave. Informations- und Diskussionsabende, Filmvorführungen, Theater und Mottoparties runden das Angebot weiter ab.
„Unser anarchistisches Wohnzimmer soll allen Menschen offen stehen, die rassistisches, sexistisches, sowie queerophobes Gedankengut ablehnen und an einem respektvollen Miteinander interessiert sind“, verfestigt der KV sein Selbstbild.
Hoch und Tief: Die Geschichte des Kunstvereins Nürnberg
Das erste Gelände des KV in der Hinteren Cramersgasse 12 wurde ab 1986 von der Stadt Nürnberg vermietet. 1990 erhob die Stadt eine Räumungsklage gegen den Kunstverein, die der Verein verlor. Seitdem war der Kunstverein in der Hinteren Cramergasse lediglich geduldet und erhielt immer wieder kurzfristig eine Verlängerung des Räumungstermins. 1990 sollte der Kunstverein mit den unterschiedlichsten und „mitunter nicht nachvollziehbaren Begründungen geräumt werden“, darunter die Sanierung des Geländes Neubleiche, die Bebauung mit Sozialwohnungen oder Lärmbelästigung, erinnert der KV auf der Webseite an diese Phase. Überzeugungsarbeit unter anderem konnte die Räumung vorerst unterbinden.
Einige Mitglieder des Kunstvereins gründeten die AG Zwischennutz eV und bewirtschafteten zwischen 1992 und 1996 die Hallen der ehemaligen Landesgewerbeanstalt (LGA) und danach in der Burgerstraße die LGB bis zu deren Abriss 1998. Mit der Stadtteilsanierung St. Peter/Gleishammer folgte 1999 auch das Ende des Kunstvereins in der Hinteren Cramergasse. Knapp ein Jahr war der KV vorerst heimatlos.
Dann die Lösung: Ein altes Kasernengelände in der Südstadt sollte fürderhin die Heimat des Vereins sein - der heutige Z-Bau, der 2025 sein zehnjähriges Bestehen feierte.
Gebäudetechnik sei anfangs nicht vorhanden gewesen, erinnert sich der KV. „Die Räumlichkeiten befanden sich im „entkernten“ Zustand. Geheizt werden musste z.B. mit Heizstrahlern, natürlich erst nachdem der ehemalige Lagerraum verputzt, gefliest etc. war.“ Ziemlich schnell zeigte sich dann auch, dass der Kunstverein nicht in der Lage sein würde das gesamte leerstehende Kasernengelände einer kulturellen Nutzung zuzuführen. Auch die AG Zwischennutz fühlte sich dazu nicht in der Lage.
Es bildete sich eine Betreiber-GmbH, die Z-Bau GmbH, die größtenteils aus KV-Mitgliedern bestand und den Z-Bau steuerte die Sanierung und die Vermietung der Räumlichkeiten, darunter Ateliers für Kunstschaffende. Auch der KV wurde Mieter, aber einer mit „Sonderstatus“. Doch: „Leider zeigte sich mit der Zeit, dass die Vorstellungen eines selbstverwalteten Kulturbetriebs des Kunstvereins mit seiner nicht-kommerziellen Ausrichtung immer mehr von dem Konzept der Z-Bau GmbH abwichen.“
Schwierigkeiten für den Kunstverein im Z-Bau dauerten an
Nach knapp zehn Jahren am Platz, im Jahr 2008 und den Folgejahren, wurde immer offensichtlicher, dass die ehemalige Kaserne dringend sanierungsbedürftig war. Eigentlich hatte der Stadtrat bereits 2005 sich dazu bekannt, dass eine Sanierung für eine Dauernutzung notwendig war, passiert war allerdings wenig. Ein Raum nach dem anderen musste geschlossen werden. Die Z-Bau GmbH legte dem Stadtrat für die Zukunft des Areals drei Vorschläge vor: Zwei schlossen den KV aus, eine sah eine absolute Autarkie vor. Man interpretierte diesen Vorstoß als Angriff auf die Existenz des Vereins, der KV startete Gegenmaßnahmen und erhielt viel Zuspruch. Der Stadtrat setzte einen Vermittler ein, der die Betreiber_innen GmbH und den Kunstverein versöhnen und die Bedingungen für einen weiteren Betrieb aushandeln sollte. Nach rund sechs Monaten der Verhandlungen und auf den Druck der GmbH hin, sollte der KV wieder komplett abgetrennt werden.
Ratlos stand die Stadt Nürnberg den verhärteten Fronten gegenüber. Und doch sollte mehr mit dem Areal passieren. Die Stadt schrieb einen Kompetenzwettbewerb aus, der Ideen für die Zukunft der ehemaligen US-Kaserne zutage fördern sollte. Delegierte aus MUZ, KV und anderen Freiwilligen kamen zusammen, um zu planen. Der KV beteiligte sich also nicht nur an der Organisation des Hauses, sondern ist seither auch zu 20 Prozent an der damals neu gegründeten „Gesellschaft für kulturelle Freiräume GmbH“ beteiligt, die die Geschicke des Z-Baus verantwortet.
2012 zog der KV aus dem Z-Bau aus, damit die Renovierung beginnen konnte. Und fand, etwas verzögert, auf dem Geyergelände in der Nimrodstraße eine vorübergehende Bleibe. Drei Jahre voller harter Arbeit später zog der KV 2015 wieder in die ehemalige Kaserne. Der Z-Bau, wie wir ihn heute kennen, war aus der Taufe gehoben. Am 2. Oktober 2015 wurde die Eröffnung des einmaligen Kulturorts in Nürnberg dick gefeiert.
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