
Die Chancenverwertung, die man beim 1. FC Nürnberg im Laufe dieser Saison schon oft zu beklagen hatte, ist mittlerweile nicht mehr das Problem. Nicht, weil der Club und seine Offensivkräfte plötzlich kaltschnäuzig und treffsicher agieren. Sondern: Weil die Mannschaft von Miroslav Klose inzwischen nicht einmal mehr zu Chancen kommt, in denen man einen Treffer erwarten könnte. Ein Musterexempel für diese besorgniserregende Entwicklung lieferte die 0:1-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf – der vorläufige Tiefpunkt einer Formdelle, die sich zunehmend in eine Krise verfestigt.
Die Fakten: Der 1. FC Nürnberg gab sechs seiner neun Schüsse in diesem Spiel von außerhalb des Strafraums ab und traf nur in zwei Fällen überhaupt das Tor. Im Schnitt schossen die Club-Spieler im fränkisch-rheinländischen Duell aus einer Distanz von 23 Metern – ein markantes Indiz für die fehlenden Lösungen und Ideen im letzten Drittel. Wenig überraschend steht damit ein schwacher Wert von 0,64 Expected Goals zu Buche.
Klose steht in der Kritik
Dabei lässt sich die Harmlosigkeit nicht allein am Ausfall von Topscorer Mohamed Ali Zoma erklären. Ja, der Italiener ist mit seine elf Torbeteiligungen die offensive Lebensversicherung des 1. FC Nürnberg, der zudem immer mindestens punktete, wenn der italienische Tempo-Stürmer netzte. Aber das Problem liegt beim Club derzeit nicht an der Chancenverwertung und der Abschlussqualität der Stürmer, sondern an der Chancenkreation – und damit am Spielaufbau und im Übergangsspiel.
Das Gros der Fans, das geht aus Kommentaren in unserem Forum sowie auf den sozialen Medien hervor, macht Cheftrainer Miroslav Klose für die gegenwärtige Harmlosigkeit verantwortlich. Die fehlende Spielidee und Entwicklung wird seit Wochen und Monaten beklagt. Tatsächlich zeigt aber die Partie gegen Düsseldorf, woran es beim Club eigentlich krankt.
Denn: Sowohl im eigenen Spielaufbau als auch bei Abstößen – also in vergleichsweise statischen und häufig wiederkehrenden Situationen, die sich gut planen lassen und deshalb für Trainer besonders geeignet sind, um bestimmte Abläufe einzustudieren – und im Übergangsspiel zeigte der 1. FC Nürnberg eine Vielzahl unterschiedlicher Strukturen und Ideen. Das ließ sich zum Beispiel an Sechser Adam Markhiev und dessen verschiedenen Positionierungen im Aufbau als auch an den möglichen Zielräumen und anvisierten Überzahlsituationen bei Torabstößen erkennen.
Drei Gründe, warum Kloses Ideen nicht fruchteten
Es gab Ideen mit erkennbarem Potenzial – wie auch die überraschende Aussage von Gästetrainer Markus Anfang zeigt: „In der zweiten Halbzeit hat Nürnberg dann seine Qualität gezeigt und richtig gut gespielt.“ Nun ja. Der Club zeigte aber zumindest vereinzelt ordentliche Abläufe und Ballstaffetten. Doch diese klappten nur selten und scheiterten, wenn sie funktionierten, meist direkt im Anschluss. Die Gründe dafür nannten die Club-Verantwortlichen nach dem Spiel selbst.
Erstens: die Statik. Miroslav Klose spricht seit seinem Amtsantritt in Nürnberg regelmäßig davon, man dürfe „nicht greifbar“ sein. Das erfordert Positionswechsel, bewegliche Laufwege ohne Ball und stetige Aktivität. So soll der Gegner in Bewegung gebracht, Fehler in der Ballübergabe provoziert und schwierige Ausgangslagen für Zweikämpfe geschaffen werden – zum Beispiel, wenn nach einem Richtungswechsel gegen einen bereits im Tempo laufenden Spieler verteidigt werden muss. So zumindest der Plan. Nach der Pleite gegen die Fortuna bemängelte der 47-Jährige aber: „Wir hatten viel zu wenig Bewegung in unserem Spiel. Wir haben uns versteckt und wollten den Ball nicht haben. So kenne ich meine Mannschaft nicht.“
Zweitens: technische Unsauberkeiten. Der 1. FC Nürnberg agierte am Ball extrem fahrig, Trainer Klose sah „viel zu viele technische Fehler“. Durch fehlende Präzision im Passspiel und schwache Ballannahmen gelang es dem Club nur selten, die mühsam freigezogenen und freigespielten Räume zu bespielen – oder, wenn es doch einmal glückte, dadurch auch zu Torchancen zu kommen. In der Tat bot die Fortuna laut Julian Justvan sogar „viele Räume“ an, sein Team schöpfte daraus wegen eigener Nachlässigkeiten am Ball aber kaum einen Vorteil.
Und drittens: Timing und Abstimmung. Gegen Düsseldorf haperte es in allen Bereichen des Spielfelds an der Entscheidungsfindung. Offensivkräfte kamen kurz, wenn sich der tiefe Laufweg angeboten hätte, und gingen tief, wenn ihre Mitspieler eine kurze Anspieloption gebraucht hätten. „Es hat vieles nicht gepasst. Es haben einfache Dinge nicht funktioniert, wie Läufe in die Tiefe, die Bälle festmachen oder den letzten Pass finden“, analysierte Torhüter Jan Reichert dementsprechend. So fehlte den Angreifern Noah Maboulou und Adriano Grimaldi sämtliche Bindung sowohl zum jeweiligen Sturmpartner als auch zum Rest des Teams – das Duo kam zusammen nur auf 32 Ballkontakte. Zum Vergleich: Allein Fortuna-Neuner Cedric Itten hatte in diesem Spiel 38 Aktionen.
Nun stellt sich die Frage: Was sind die Gründe für diese Gründe? Warum fehlt die Aktivität, warum fehlt die technische Sauberkeit, warum fehlt die Abstimmung? Erklärungsansätze gäbe es viele und manche lassen sich tatsächlich mit dem Cheftrainer in Verbindung bringen. Argumentiert man beispielsweise mit der fehlenden individuellen, fußballerischen Qualität der Einzelspieler, ist die kritische Frage zulässig, warum Klose trotz der Unzulänglichkeiten einen spielerischen Ansatz verfolgt, der eben hohe Spielstärke und Ballsicherheit erfordert. Allerdings ist die individuelle Qualität der Einzelspieler gegeben – zumindest für einen Abschluss im Mittelfeld der 2. Bundesliga. Und das ist aktuell – ernüchternd, aber wahr – das Maximalziel des 1. FC Nürnberg für diese Saison.
Richtungsweisende Duelle stehen bevor
Vier Punkte trennen den Club vom Relegationsrang, fünf Punkte vom ersten Abstiegsplatz. An den verbleibenden neun Spieltagen trifft die Klose-Elf noch auf die vier aktuell schlechtesten Teams der Liga. Drei dieser vier Sechs-Punkte-Spiele finden allerdings in der Fremde statt. Und: Bereits am kommenden Samstag steht das richtungsweise Duell mit Holstein Kiel an, das aktuell auf Platz 17 steht.
War im Hinspiel noch die fehlende Chancenverwertung ursächlich für das unbefriedigende 1:1-Heimremis, geht es im Rückspiel gegen Holstein Kiel angesichts der aktuellen Situation vor allem darum, überhaupt wieder Torchancen zu kreieren. Entscheidend wird sein, dass die Club-Spieler endlich die spielerische Qualität aufs Feld bringen, die sie – das haben sie immer wieder angedeutet – besitzen. Nur so lassen sich Kloses Ideen erfolgreich umsetzen und der aktuellen Krise ein Ende setzen.


