Nürnberg - Gerade Frischfleisch ist in den vergangenen Jahren teurer geworden. 2026 legen die Discounter und Supermärkte nun nach, was den Preis ordentlich nach oben schrauben könnte. Ein Trend?

Immer mehr Supermärkte und Discounter verabschieden sich von Frischfleisch aus der niedrigsten Haltungsform. Die Maßnahmen bedeuten jedoch nicht nur Veränderungen in den Regalen, sondern werfen auch Fragen zur zukünftigen Preisentwicklung auf.

Unter anderem Aldi Süd hatte bekannt gegeben, dass seit Mitte Januar 2026 kein Frischfleisch mehr aus der Haltungsform 1 verkauft werde. Innerhalb von vier Jahren wolle der Discounter ausschließlich Produkte aus den höheren Haltungsformen 3, 4 und 5 anbieten.

Für die Kundinnen und Kunden ist die Umstellung natürlich mit höheren Kosten verbunden, betont ein Unternehmenssprecher gegenüber der Redaktion: „Tierwohlware kann es nicht zum Preis von konventioneller Ware geben.“ Die Zukunftsaussichten müssen deswegen jedoch keineswegs trüb sein: Denn trotz höherer Preise steigt die Nachfrage, was unter anderem durch Entwicklungen wie die Umstellung bei Aldi Süd belegt wird.

Wenn Discounter an diesen Produkten festhalten, könnten sie durch langfristige Vertragsbeziehungen möglicherweise Preisvorteile erzielen und an ihre Kundschaft weitergeben. Aldi-Süd wolle das unter anderem auch durch Fokus auf Eigenmarken umsetzen.

Einer forsa-Umfrage nach unterstützt eine Mehrheit der Bevölkerung das Konzept der fünfstufigen Kennzeichnungssystem der Haltungsform, das der Initiative Tierwohl wird demnach mit 88% als gut oder sehr gut bewertet.

Verbraucherschützer weisen darauf hin, dass der Begriff Tierwohl von Institutionen häufig jedoch unterschiedlich bewertet wird. Fachkreise sind sich zwar einig, dass Tierwohl die Gesundheit der Tiere, die Möglichkeit zur Ausübung natürlicher Verhaltensweisen und positive emotionale Zustände umfasst, doch dienen diese Eckpunkte lediglich der groben Orientierung und lassen viel Raum für Interpretation.

Auch Rewe, Penny und Lidl setzen auf höhere Haltungsformen

Auch die Rewe Group hatte angekündigt, bis Ende 2030 im gesamten Eigenmarken-Frischfleischsortiment der Marken Rewe und Penny (Schwein, Rind und Geflügel) ausschließlich Produkte ab der Haltungsformstufe 3 anbieten zu wollen. Die Discounterkette Lidl teilt ebenfalls mit, dass bis 2030 - „bei ausreichender Warenverfügbarkeit“ - sämtliche Frischfleisch- und Wurstartikel der Eigenmarke mindestens der Haltungsformstufe 3 entsprechen sollen.

Ob und in welchem Umfang diese Kosten an Verbraucherinnen und Verbraucher weitergegeben werden, bleibt offen. Grundsätzlich gilt jedoch auch hier: Bio-Produkte und Artikel der Haltungsform 3 sind naturgemäß teurer als konventionelle Ware, da mehr Platz und Zugang ins Freie in der Tierhaltung erforderlich sind.

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßt die Maßnahme, betont jedoch, dass diese fachlich fundiert und kontrollierbar sein müssen. Zwar vergeben die Handelsunternehmen derzeit entsprechende Siegel, doch müssten diese sorgfältig und kritisch geprüft und verliehen werden.

Viele Verpackungen ziert derweil das „Haltungsform“-Label der Lebensmittelwirtschaft. Nach Definition der Initiative beschreibt die Stufe 1 „Stallhaltung“ den gesetzlichen Mindeststandard. Für den Erhalt dieses Labels müssen alle Betriebe, mit Ausnahme derjenigen mit Milchviehhaltung und Kaninchenmast, „durch neutrale Zertifizierungsstellen nach QS-Prüfsystematik“ kontrolliert werden. Eine deutliche Verbesserung der Tierhaltungsbedingungen zeigt sich erst ab Stufe 3, erklärt die Verbraucherzentrale. Ab dieser Stufe kommen die Tiere in Kontakt mit dem Außenklima, etwa durch offene Stallseiten. Außerdem sollen die Tiere, außer Enten, mehr Platz im Stall haben.

Im Grundsatz also ein Gewinn für den Tierschutz. Doch auch diese Labels stehen in der Kritik.

Kritik: Tierwohl ist nicht gleich Haltungsform

Die besseren Haltungsformen garantieren kein Tierwohl, betont die Verbraucherzentrale. „Für eine verlässliche Beurteilung des Tierwohls müssten verhaltens- und gesundheitsbezogene Kriterien, etwa Lahmheit, Verletzungen oder Organbefunde, systematisch in den Betrieben und Schlachthöfen erhoben, ausgewertet und bei Bedarf nachgebessert werden.“ Sowohl die „Haltungsform“-Kennzeichnung als auch das geplante staatliche Tierhaltungslabel berücksichtigen diese Aspekte nur unzureichend.

„Die Realität widerspricht diametral den Werbeversprechen“

Animal Rights Watch (ARIWA) hatte im vergangenen Jahr zudem kritisiert, dass „Tierwohl“-Programme wie „Hofglück“ und „Strohwohl“ von EDEKA und REWE, die mit höheren Haltungsbedingungen werben, kaum dem gesetzlichen Mindeststandard entsprechen: „Die Schweine bleiben weiterhin eingepfercht auf Betonspaltenböden, mit minimalem Platz und kaum Möglichkeiten für arttypisches Verhalten.“ Für ihre Stichprobe hatten die Aktivisten Videoaufnahmen aus 21 zufällig ausgewählten Schweinemast- und Zuchtbetrieben gesammelt.

Nach Angaben der Organisation wurden in 12 der 21 Betriebe sogar gesetzliche Mindeststandards verletzt. Holger Vogel, Präsident der Bundestierärztekammer, bestätigt gegenüber dem ZDF, dass auf den Videoaufnahmen Verstoße zu erkennen sind.

„Statt gesunder Tiere auf frischem Stroh sehen wir regelmäßig kranke, tote Ferkel, Gewalt und Verwahrlosung. In allen Betrieben vegetieren die Tiere in kleinen Betonbuchten vor sich hin. Die Realität widerspricht diametral den Werbeversprechen“, betonen die Tierschützer mit Blick auf ihre Aufnahmen.

Gegenüber dem ZDF erklärten die gezeigten Betriebe, dass die Zustände etwa aufgrund von Umbauten oder personellen Einschränkungen entstanden seien. Bei den von den Aktivisten veröffentlichten Aufnahmen handele es sich um Einzelfälle. Anna Schubert von ARIWA erklärt im Gespräch mit dem Fernsehsender, dass die Recherche zeige, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handele und dass sowohl Marktwirtschaft als auch Politik einen Trend zum Tierwohl für sich nutzten. Die Verbraucher würden jedoch getäuscht, betont die Aktivistin.