Nürnberg - Was passiert, wenn eine Stadt plötzlich von Elefanten wimmelt? Sasha Filipenko stellt eine scheinbar absurde Frage - und wirft die Erzählregeln für Romane über Bord.

Eigentlich kennt man Sasha Filipenko für seine politisch engagierte Literatur, in der er auf die politische Lage in den ehemaligen sowjetischen Staaten in Osteuropa aufmerksam macht. Der aus Belarus stammende Journalist und Schriftsteller lebt im Exil, von wo aus er das dortige Regime um Alexander Lukaschenko (seit 1994 Präsident) öffentlich kritisiert.

Seinen lakonischen, satirischen Stil behält er auch in seinem neuen Roman bei. Doch „Die Elefanten“ sind weniger eine direkte Kritik an der politischen Schicht, sondern auch eine Gesellschaftskritik.

Denn was passiert mit einer Gesellschaft, wenn plötzlich aus dem Nichts Unmengen an Elefanten mitten in einer Stadt auftauchen?

Wer sich jetzt an „Das Geschenk“ von Gaea Schoeters erinnert, dem geht es genauso wie mir. Doch eins schon mal vorweg: Die Ausgangssituation mag sehr ähnlich sein, doch die weitere Entwicklung ist völliganders.

„Die Elefanten“ von Sasha Filipenko: Die Handlung

Alles in der Stadt, in der Pawel und Anna leben, ist eigentlich alles ganz normal - bis plötzlich Elefanten auftauchen. Ohne jede Erklärung, niemand kann eine befriedigende Begründung liefern, doch jetzt sind die Dickhäuter nun mal da.

Was anfangs als absolute Sensation empfunden wird, verliert schnell das öffentlicheInteresse. Die meisten Menschen sind überzeugt davon, dass die grauen Riesen genauso plötzlich verschwinden werden, wie sie aufgetaucht sind.

Bis dahin versinkt die Stadt zunehmend im Chaos. Autos und Züge können nicht mehr fahren, da die Elefanten die Verkehrswege versperren. Das gleiche gilt für Handelswege. Und nicht zuletzt sorgen auch die Hinterlassenschaften der Elefanten für Probleme. Trotzdem nehmen die meisten Menschen die Situation mit stoischer Gelassenheit hin, die Regierung verkündet neue Regelungen für den Umgang mit den Dickhäutern und versichert, dass sie sich um das Problem kümmern wird. Es gibt zwar immer wieder Geschichten von Unfällen, in denen Menschen wegen der Elefanten verletzt werden, doch so richtige Nachweise fehlen, und im Fernsehen wird ja auch nichts weiter darüber berichtet.

Nach und nach finden sich so ziemlich alle Menschen damit ab, dass sie von nun an ihre Stadt mit den großen grauen Säugetieren teilen. Nicht so aber Pawel. Der Stand-up-Comedian und Philosophieprofessor weigert sich, die Elefanten nicht als Problem anzuerkennen. Er ruft wiederholt dazu auf, sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

Dabei nimmt er keine Rücksicht auf seine persönlichen Risiken. Und dieses Risiko wird immer mehr zu seiner Realität. Pawel verliert alles: seine Beziehung, seine Glaubwürdigkeit, seine Arbeit, sein Engagement als Comedian. Ihm wird die Schuld dafür gegeben, als die Elefanten nach dem grausamen Tod ihrer Matriarchin Amok laufen. Und am Ende wird ihm sogar auf grausameWeise die Menschlichkeit weggenommen.

Für Pawel ist also das schlimmstmögliche Ende des Romans eingetreten. Und wie geht es allen anderen? Eigentlich haben sie alle bekommen, was sie wollten. Sogar die Elefanten sind wieder weg.

„Die Elefanten“: eine Satire mit Unhappy End

Happy ist das End definitiv nicht. Aber was können wir aus dem neuen Roman von Sasha Filipenko herauslesen?

Das Buch dürfte ein gefundenes Fressen sein für Universitätsangehörige, die in ihren Seminaren über Bücher diskutieren. Denn „Die Elefanten“ hat so viele Lesarten und Easter Eggs, dass dem Literaturwissenschaftler in mir beim Lesen ganz schwindlig wurde.

Fangen wir mal dabei an, dass die Handlung anachronisch beschrieben wird. Wir steigen im Grunde in der Mitte des Romans ein, bevor wir dann die Hintergrundgeschichte erfahren und den Moment, der die Anfangsszene darstellt, wieder einholen. Dazu läuft nicht einfach nur die Geschichte ab, sie ist unterbrochen von geheimdienstlichen Papieren des Innenministeriums, von Annas Kreuzworträtsel und von augenscheinlichen Forumskommentaren, die während der Handlung bereits das Buch kommentieren.

Annas Vater ist ein „berühmter Schriftsteller“ namens Alexander, der unzählige Ideen hat, aber selbst keine Bücher schreiben will. Diese handwerkliche Arbeit stehe nur der Kreativität im Wege. Im Buch kommt er nicht gerade gut weg, dabei könnte er durchaus eine autobiografische Figur sein, zumindest dem Namen und Beruf nach. Denn Sasha ist ein russischer Kosename für Alexander.

Verschiedene Lesarten: Wofür stehen „Die Elefanten“?

Und wofür stehen eigentlich die Elefanten? Verschiedene Lesarten sind möglich, es könnte einerseits eine Analogie für die politische Rechte sein, die seit einigen Jahren in Europa immer stärker wird. Genauso könnte man es als eine etwas subtilere Hommage an Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ lesen. 2015 erschien der Titel des französischen Schriftstellers, in dem er ein Frankreich zeichnete, in dem ein islamischer Präsident an die Macht kommt und die Scharia im Land einführt.

Das Buch sorgte, zu Recht, für Empörung, schürte es unbegründete Ressentiments und Vorurteile gegenüber Muslimen. „Die Elefanten“ von Sasha Filipenko ist in dieser Hinsicht subtiler, schließlich nennt er keineReligion beim Namen. Die Elefanten könnten demnach eine Versinnbildlichung sein für alle Religionen, die zu tief in die freiheitliche Ordnung einer Gesellschaft eingreifen. Was passiert, wenn sich alle plötzlich nach religiösen Extremisten richten? Das wäre in einer säkularen Gesellschaftsordnung bei jeder Religion mehr als problematisch.

Man könnte die Elefanten aber auch auf eine ganz andere Art verstehen, nämlich als Versinnbildlichung des Klimawandels. Nachdem wir Menschen jahrzehntelang die Natur ausgebeutet haben, fällt uns eben diese Natur auf die Füße. Und dann gibt es eben diejenigen, die eine Veränderung gar nicht erst anerkennen wollen, diejenigen, die sich der Veränderung entgegenstellen wollen, und jene, die sich mit der Veränderung arrangieren und anpassen wollen und versuchen, es nicht noch schlimmer zu machen.

Zugegeben, alle diese Lesarten hinken etwas, sie funktionieren nicht direkt über die gesamte Länge des Buchs. Insbesondere am Ende der Handlung, als Pawel aufs grausamste gefoltert wird (mit einer detaillierten Beschreibung, die nicht für jedes Gemüt geeignet ist), kommen diese Lesarten weniger zur Geltung.

Wer in dieser Rezension bis jetzt so gut wie gar nicht zur Sprache kam, ist der unstrittige Antagonist des Buchs, ein skrupelloser Regierungsbeamter. Er ist verantwortlich für Pawels Qualen. Und am Ende sind es nicht wirklich alle außer Pawel, die das bekommen, was sie wollen. Eigentlich ist es nur er, der Regierungsbeamte. Somit drängt sich am Ende die Frage auf, ob die Elefanten im Grunde nur ein Ablenkungsmanöver waren, damit sich jemand anderes im Hintergrund den persönlichen Vorteil erschleichen kann.

Und für wen benutzt Sasha Filipenko dann die Elefanten als Sinnbild und vor wem will er warnen?