Nürnberg - Ein preisgekrönter Krimi schwingt sich nach der Veröffentlichung direkt an die Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste. Aber was taugt „Die Witwe“ von M. W. Craven?

Im Grunde ist es nicht besonders verwunderlich, dass „Die Witwe“ schon bald nach Erscheinung direkt auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste Paperback gesprungen ist. Das englischsprachige Original erschien bereits 2021 und wurde im darauffolgenden Jahr mit dem renommierten „Steel Dagger“-Award der Crime Writer‘s Association ausgezeichnet. Hier hielt er sich in der Woche vom 12. bis 18. Februar an der Spitze der Bestsellerliste.

Ein bisschen hat es gedauert, bis der britische Autor auch im deutschsprachigen Raum angekommen ist, doch auch hier gehen seine Krimis weg wie warme Semmeln. Und das gilt insbesondere auch für den vierten Band, in dem Poe und Bradshaw ermitteln.

SPIEGEL Platz 1-Bestseller: „Die Witwe“ von M. W. Craven

Eigentlich arbeiten Washington Poe und Mathilda „Tilly“ Bradshaw bei einer Einheit, die sich mit Serienmördern beschäftigt. Die National Crime Agency, kurz NCA, ist das britische, weit weniger bekannte Pendant zum amerikanischen FBI. Hier gehören Poe und Bradshaw der Serious Crime Analysis Section (SCAS) an.

Doch wenn das MI5, der britische Inlandsgeheimdienst, vor der Tür steht, kann man auch mal eine Ausnahme machen. Ein grausiger Mord in einem Bordell muss aufgeklärt werden, denn ein wichtiger Handelsgipfel hängt von den Ermittlungen ab.

Und die Verantwortlichen wollen das Ermittlerteam Poe und Bradshaw. Allen voran Alastor Locke („Ist das Ihr richtiger Name?“, wollte Poe wissen. „Um Himmels willen, nein.“), ein hohes Tier, über dessen genaue Position wir nicht mehr erfahren. Der MI5 will sich schließlich geheimnisvoll geben.

In diese Atmosphäre der Geheimniskrämerei werden Poe und Bradshaw gemeinsam mit der bereits aus einem früheren Fall bekannten FBI-Agentin Melody Lee geworfen, um die Wahrheit über einen Mord herauszufinden - eine Wahrheit, von der scheinbar nicht alle Beteiligten wollen, dass sie ans Licht kommt. Denn dem Zugrunde liegt nicht nur eine Verschwörung, die über einen einzelnen Mordfall hinausgeht und bis nach Afghanistan führt. Sondern auch die Frage, ob das Grundverständnis zwischen dem Vereinigten Königreich und den USA überdacht werden muss.

„Die Witwe“

von M. W. Craven

  • übersetzt von Marie-Luise Bezzenberger
  • 512 Seiten
  • Droemer
  • ISBN: 978-3-426-28460-5
  • 16,99 Euro

„Die Witwe“ von M. W. Craven: Was taugt der 4. Fall von Poe und Bradshaw?

Gerade, wenn ein Buch so bald nach der Veröffentlichung auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste landet, muss man sich schon die Frage stellen, ob das Buch wirklich gut ist, oder ob der Name der Autorin oder des Autors einfach eine große Signalwirkung hat. Denn was, wenn M. W. Craven mit „Die Witwe“ ein vergleichsweise schwaches Buch geschrieben hätte?

In diesem Fall können wir Entwarnung geben: „Die Witwe“ ist wirklich ein hervorragend gelungener Krimi. Ein Gespann aus einem eher raubeinigen Ermittler und einer nerdigen Figur, die am Computer wahre Wunder vollbringt, ist zwar nicht unbedingt originell, aber Poe und Bradshaw funktionieren einfach.

Wenn wir an einen Briten denken, fallen uns im Normalfall zwei sehr gegensätzliche Klischees ein: In einem Fall tragen sie Monokel, spielen Krocket, trinken vom Butler servierte Limonade und tragen Namen wie Lord William Farnsworth Shilly-Shally of Hemmingshire (oder auch Alastor Locke). Im anderen Klischee trinken sie zu viel Bier, sind Westham United Fans, tragen Klappmesser und pöbeln sich gegenseitig freitagabends mit dem Ausruf „U WOOT MATE?“ vor einem Pub an.

Dass diese Klischees völlig überspitzt sind, erklärt sich von selbst. Washington Poe würden wir aber eher in die zweite Kategorie einordnen. Dementsprechend ist der Umgangston in „Die Witwe“ etwas rauer, was die Figuren aber nur sympathischer und authentischer wirken lässt. Poe ist die Art Ermittler, der immer in die Richtung arbeitet, die ihm Vorgesetzte verbieten wollen - sehr zum Leidwesen der eher schüchternen Bradshaw, die aber immer vorbehaltlos zu ihm hält. Zumindest fast immer.

„Die Witwe“ ist ein echterPageturner. Das liegt nicht nur an der interessanten, spannenden Geschichte, bei der man nie weiß, wem man gerade über den Weg trauen kann. Auch die Schreibweise von M. W. Craven und die gelungene Übersetzung von Marie-Luise Bezzenberger tun ihr Übriges. Denn der Krimi unterteilt sich in 110 sehr kurze Kapitel, die wirklich ausnahmslos in Cliffhangern enden.

Nehmt euch also Zeit, wenn ihr „Die Witwe“ lesen wollt - denn dieses Buch ist extrem schwer aus der Hand zu legen.