
Der 27. Januar ist ein historischer Tag - damals wie heute. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen die Gefangenen des Konzentrationslagers Ausschwitz. Seit 2005 ist der 27. Januar der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Im Rahmen dieses Gedenkens sprach die Überlebende Tova Friedmann am 28. Januar 2026 vor dem Deutschen Bundestag. Als kleines Mädchen überlebte sie das Konzentrationslager Ausschwitz. Ihre Mutter hatte sie in einer der Baracken unter einer Leiche versteckt, um nicht auf die Todesmärsche, die der Befreiung vorangingen, geschickt zu werden, erzählte Friedmann kürzlich dem Spiegel. Ihre Rede im Bundestag schloss sie mit den Worten: „Lassen Sie es nicht zu, dass Antisemitismus wieder aufwächst.“
Ebenfalls am 27. Januar diesen Jahres sendete RTL nach der Folge des Dschungelcamps eine Live-Sendung mit Moderator-Legende Stefan Raab. „Seine Sprüche sind scharf wie australische Pfefferschoten, sein Auge für witzige TV-Ausschnitte ist so unerbittlich wie die Sonne über dem Outback“ - So bewirbt der Sender Raabs Show, in der der Moderator eine halbe Stunde lang ein „satirisches Resümee“ der vorangegangenen Dschungelsendung ziehe. Insgesamt sechs Termine sind für die Live-Show geplant. Die erste Ausgabe lief am Dienstag (27. Januar) über die Bildschirme. Genau eine Woche später kündigt der Sender an, den Beitrag wieder offline zu nehmen. Der Grund: Es waren Antisemitismus-Vorwürfe laut geworden.
Zuerst berichtet hatte die Journalistin Anja Rützel in ihrer Spiegel-Kolumne. Influencerin Susanne Siegert griff den Fall dann auf ihrem Instagram-Channel „keine.erinnerungskultur“, auf dem sie Aufklärung über die Verbrechen der NS-Zeit betreibt, auf. Es geht um einen Einspieler zu Dschungel-Kandidat und Sänger Gil Ofarim, den Siegert auch auf ihrem Kanal zeigt. Eine verzehrte Stimme aus dem Off sagt, Gil habe sein musikalisches Talent von seinem Vater Abi (der ebenfalls Musiker war) und sein Betrüger-Gen von seinem Onkel Samuel.
Antisemitismus-Vorwürfe gegen RTL und Stefan Raab: Community in den Sozialen Medien reagiert mit Fassungslosigkeit
Gil Ofarim ist Jude. Susanne Siegert spricht mit Blick auf den Einspieler von Antisemitismus: „Witze über Juden als Betrüger sind keine Witze, sondern Nazi-Propaganda“, sagt die Influencerin. Tatsächlich war es ein verbreitetes Narrativ während der NS-Zeit, dass Juden betrügen und damit anderen Geld stehlen würden. So schürte die Diktatur Hass vor einer bestimmten Bevölkerungsgruppe.
Ein Großteil der Kommentare unter Siegerts Video zeugt von Fassungslosigkeit: „Solche Sprüche gehen gar nicht. Ich hatte eigentlich geglaubt, dass diese Zeiten vorbei sind. Aber leider nicht“, schreibt ein User. An anderer Stelle heißt es schlicht: „Bodenlos!“
Auf Anfrage dieser Redaktion reagiert der Sender RTL nun auf die Vorwürfe. Von einem Sprecher heißt es: „Wir nehmen die Kritik an dem Einspieler über Gil Ofarim in der „Stefan Raab Show“-Spezialausgabe vom 27. Januar sehr ernst und ordnen ihn klar ein. Der Beitrag setzt sich mit der Person Gil Ofarim und seinem öffentlichen Auftreten im Kontext der bekannten Betrugsvorwürfe auseinander, insbesondere mit der von ihm selbst erhobenen und später widerlegten Behauptung eines antisemitischen Vorfalls. Anlass für die humoristisch überspitzte Befassung mit seiner Person war ausschließlich dieses Verhalten und die mediale Inszenierung der eigenen Person.“
@keine.erinnerungskultur (und EGAL wie sehr gil ofarim reingeschissen hat, das geht gar nicht)
♬ Originalton - keine.erinnerungskultur ✊🏻
Zum Hintergrund: Im Jahr 2021 postete der Sänger Ofarim in den Sozialen Medien Videos, in denen er angab, dass er in einem Leipziger Hotel wegen seiner David-Stern-Kette antisemitisch beleidigt worden sei. Später aber gab der Sänger zu, die Beleidigungen hatte es nicht gegeben. Ofarim hatte sich den Vorfall ausgedacht.
In dem Kommentaren bei Instagram stellt Susanne Siegert wiederum klar: Auch Menschen, die einen Fehler gemacht haben, „werden nicht antisemitisch/rassistisch/sexistisch/ableistisch beleidigt. Und trotzdem kann man gleichzeitig anerkennen wie schlimm seine [Ofarims] Lüge gegen den Hotel-Mitarbeiter war.“
Von RTL heißt es mit Blick auf den Einspieler weiter: „Im Rahmen der Sendung wurden alle Dschungelcamp-Teilnehmenden dem Zuschauer satirisch nähergebracht; hierzu kamen bewusst überzeichnete, fiktionale und teils absurde Bilder und Geschichten zum Einsatz. RTL weist jede Form von Antisemitismus entschieden zurück.“ Zugleich sehe der Sender ein, dass der Einspieler zu Missverständnissen führen konnte. Vor diesem Hintergrund werde der Beitrag offline genommen. Künftige Inhalte sollen noch sensibler daraufhin geprüft werden, welche Deutungen sie ermöglichen. Dass der Beitrag ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag gesendet wurde, darauf geht der Sender in seiner Stellungnahme nicht explizit ein.
