
Unvergessen ist die 2018 von AfD-Politiker Alexander Gauland getätigte Aussage, die NS-Zeit sei ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte. Es ist ein Tenor, den die AfD immer wieder setzt. So erklärt etwa Partei-Kollege Maximilian Krah in einem Video bei TikTok, unsere Vorfahren seien keine Verbrecher gewesen. Er spricht von Stolz, von deutschen Liedern und deutscher Wertarbeit. Zu den Verbrechen der Vergangenheit – kein Wort. Und das genau auf der Plattform, auf der sich Jugendliche und junge Erwachsene tummeln und die ihnen als wesentliche Informationsquelle dient.
Eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung zeigt: Die meisten der Befragten finden es praktisch, dass sie via TikTok vermeintlich ganz nebenbei auf dem Laufenden bleiben können. Doch es existiert ein Spannungsfeld zwischen vermittelten Inhalten und historischen Fakten – bezogen auf viele Themen und eben auch auf die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945.
Eine Studie von UNESCO und den Vereinten Nationen (UN) aus dem Jahr 2023 ergab, dass 17 Prozent der Inhalte zum Holocaust bei TikTok die Vergangenheit entweder verzerrt darstellen oder verleugnen. Bei Telegram sind es gar 49 Prozent. Plattformübergreifend findet die Verzerrung und Verleugnung bei gut 16 Prozent der Beiträge mit Holocaust-Bezug statt.
Dies zeigt sich exemplarisch an Anne Frank. Sie ist eine der zentralen Figuren in der Erinnerungskultur an die NS-Verbrechen. In einem TikTok-Video erzählt eine KI-generierte Anne Frank, sie sei gemeinsam mit ihrer Familie in Auschwitz ermordet worden. Doch das ist falsch. Anne Frank und ihre Schwester Margot starben im Konzentrationslager Bergen-Belsen vermutlich an Typhus. Man kann das als historische Spitzfindigkeit abtun, aber es bleibt ein inhaltlicher Fehler in der Wiedergabe der Geschichte – und das ist kein Einzelfall.
Lügen verbreiten sich in den Sozialen Medien: Experte aus Nürnberg spricht von „absolut gravierendem“ Problem
Christian Schicha ist Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Im Gespräch mit nordbayern.de sagt er: „Soziale Medien werden genutzt, um Lügen, Polemik, Propaganda und Verschwörungserzählungen zu teilen. Ich halte das Problem für absolut gravierend.“ Er appelliert, man dürfe den Kommunikationsraum nicht nur einer Gruppe überlassen, wie das lange Zeit bezogen auf die AfD der Fall gewesen sei. Man müsse den kursierenden Unwahrheiten fundierte Inhalte entgegensetzen. Diesen Auftrag hätten Parteien, Bildungsinstitutionen und die Zivilgesellschaft. Sie sollten Aufklärung betreiben und damit falsche Aussagen bekämpfen.
Im Strafgesetzbuch §130 heißt es, die Billigung, Verherrlichung oder Rechtfertigung der nationalsozialistischen Gewalt- und Willkürherrschaft sei strafbar, wenn dadurch die Opfer verletzt und der öffentliche Frieden gestört werde. Der Straftatbestand kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden. Dem gegenüber steht das hohe Gut der Meinungsfreiheit. Christian Schicha sieht darin eine Gratwanderung: „Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Kunstfreiheit und das Zensurverbot – all diese Dinge sind zurecht durch Artikel 5 des Grundgesetzes geschützt.“ Gleichzeitig müsse auch reguliert und juristisch vorgegangen werden gegen Menschen, die andere im Netz diskreditieren oder Unwahrheiten verbreiten, betont der Medienethiker.
Bericht zeigt: Geschichtsverzerrung in den Sozialen Medien ist teilweise nur schwer zu entlarven
Die Bildungsstätte Anne Frank veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Report, in dem Beispiele dafür gesammelt sind, wie die Geschichte in den digitalen Räumen immer wieder umgedeutet wird. Und das geht weit über eine KI-generierte Anne Frank, die ihre eigene Geschichte falsch erzählt, hinaus. Der Report thematisiert beispielsweise einen TikTok-Trend, bei dem sich Influencer mit Schminke oder mit einem Filter optisch an deportierte Juden anzunähern versuchen. Im Bericht heißt es hierzu: „Sicherlich werden viele Beiträge mit den besten Absichten erstellt, entfalten jedoch eine problematische Wirkung, indem die Leidensgeschichten angeeignet und trivialisiert werden.“
Manchmal steckt der Teufel auch im Detail. So findet Geschichtsverzerrung in den Sozialen Medien beispielsweise auch unter dem Hashtag „#271k“ statt. Dahinter steckt die Theorie, dass während der NS-Zeit 271.000 Jüdinnen und Juden ermordet wurden - und nicht wie tatsächlich rund sechs Millionen. Diese Verklausulierung macht es nicht nur für User und Userinnen schwer, die Intention hinter den Posts zu durchschauen, sondern führt auch dazu, dass sie nicht immer gemäß der Moderationsregeln auffallen.
Zwar gebe es den Versuch, über rechtliche Regelungen, wie den Digital Services Act, sicherzustellen, dass Falschmeldungen und Diskreditierungen von den Plattformen verschwinden, aber „offensichtlich funktioniert das so gar nicht“, sagt Medienethiker Schicha. Ursächlich dafür seien wohl die großen Datenmengen, die auch die Plattformbetreiber offenbar kaum überblicken und kontrollieren könnten. Zudem hätten die Betreiber auch ein gewisses Interesse an Zank, weil dies zu Klicks und Anschlussdiskussionen führe. „Diese Plattformen sind nicht dem Gemeinwohl verpflichtet, sondern wollen ihren Gewinn maximieren. Das sind Wirtschaftsunternehmen“, sagt Schicha. Es müsse ein Bewusstsein dafür entstehen, dass die Plattformen kein primäres Interesse an Demokratie, Wahrheitsorientierung, Aufklärung und historischen Zusammenhängen hätten.
Die Studie von UNESCO und UN besagt, Aufklärung über den Holocaust sei der beste Weg gegen Verzerrung und Verleugnung der historischen Gegebenheiten. Medienethiker Schicha stellt die Frage: „Wann ist dafür der richtige Zeitpunkt?“ Kinder und Jugendliche werden in den Sozialen Medien schon früh mit Themen wie dem Holocaust oder der NS-Zeit konfrontiert – womöglich früher, als es der Lehrplan in der Schule vorsieht. Nun aber die Lehrinhalte in die niedrigen Klassen vorzuziehen, hält Schicha nicht für eine geeignete Lösung: „Man muss das dosieren, indem man Zusammenhänge darlegt und Aufklärung betreibt, aber ohne die Kinder zu verschrecken.“ Wichtig sei auch die Medienbildung, um ein Verständnis dafür zu entwickeln, was seriöse von unseriösen Nachrichten unterscheidet. Unter der Maßgabe einer angemessenen Medienerziehung sieht Schicha durchaus Chancen in der digitalen Vermittlung von Inhalten.
Susanne Siegert gilt mit ihrem Kanal „keine.erinnerungskultur“ als Best-Practice-Beispiel unter der Geschichtsvermittlung in den Sozialen Medien. Ihre Posts kommen an. Knapp 230.000 Menschen verfolgen, was Siegert bei TikTok über die NS-Zeit erklärt. Einen ganz besonderen Einblick in die Vergangenheit liefern darüber hinaus Zeitzeugen und -zeuginnen. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2024 und im Alter von 100 Jahren teilte etwa die Überlebende Lily Ebert ihre Erinnerungen an das Konzentrationslager Auschwitz mit der Unterstützung ihres Urenkels, Dov Forman, in den Sozialen Medien. Heute betreibt Forman den TikTok-Kanal in Erinnerung an seine Urgroßmutter weiter. Hier erfahren die zwei Millionen Follower und Followerinnen, wie es damals wirklich war – als Jüdin im sogenannten Dritten Reich.


