
SenLinYu veröffentlichte im vergangenen Jahr ihr erstes Buch „Alchemised“, doch für ihre Fans ist sie längst keine Unbekannte. Denn: viele attestieren bereits seit Jahren, dass sie ihr Handwerk versteht. Ursprünglich begann „Alchemised“ nämlich als „Manacled“, eine Harry-Potter-Fanfiction inspiriert von Margaret Atwoods „Der Report der Magd“, die von 2018 bis 2019 auf der Plattform Archive of Our Own veröffentlicht wurde.
Schon damals war die Fanfiction extrem populär: Neben zahlreichen Übersetzungen entstanden Fanarts und Fanmerchandise - Millionen Menschen lasen die Geschichte. Nachdem „Alchemised“ offiziell angekündigt wurde, verschwand „Manacled“ von allen Plattformen. Der Aufschrei war zunächst groß - doch bald nach der Ankündigung überwog die Vorfreude.
Helena Marino ist die letzte Überlebende des Widerstands - vergessen und gefangen. Sie fällt in die Hände von Kaine Ferron, dem gnadenlosen High Reeve. Auf seinem eisernen Anwesen eingeschlossen, kämpft Helena darum, die letzten Geheimnisse der Rebellen zu bewahren, während Kaine mit alchemistischer Macht versucht, ihre Erinnerungen zu brechen. Denn Helena weiß nichts über die entscheidenden Jahre des Krieges. War sie wirklich nur eine einfache Heilerin der Ewigen Flamme?
„Alchemised“
von SenLinYu
- übersetzt von Christiane Sipeer, Karen Gerwig, Lisa Kögeböhn, Sybille Uplegger
- 1232 Seiten
- Forever
- ISBN: 978-3-95818-819-8
- 34,99 Euro
Nach seiner Veröffentlichung schoss „Alchemised“ noch während seiner Debütwoche an die Spitze derSPIEGEL-Bestsellerliste.
Review ohne Spoiler: Wieso „Alchemised“ so gut ist
Doch will man sich über 1200 Seiten High Fantasy antun? Ist der Hype gerechtfertigt? Kurzum: ja. Und die vielen Seiten braucht es dafür auch. Denn: SenLinYus Welt wird über all diese Seiten hinweg sinnbildlich und intensiv beschrieben - gerade wegen ihrer Komplexität braucht sie Zeit. Wie ein Ouroboros entfaltet sich über Seiten hinweg die Zerstörungswut dieser Welt, Schicht für Schicht , sodass der Anfang zum Ende hin nicht nur einmal, sondern vielfach wirkt. „Alchemised“ ist daher ein unglaublich dicht gebauter, epischer Roman, der mehr als nur einmal gelesen werden kann und weit mehr bereithält als die Liebesgeschichte zwischen Helena und Kaine.
Der Roman handelt von Krieg, Leid, fanatischem Glauben und davon, was Außenseiter zu opfern bereit sind, um in einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden, die sie eigentlich nicht will. Und entgegen der Vermutungen vieler ist „Alchemised“ keinesfalls nur eine „Dark Romantasy“ - diese Bezeichnung würde die tatsächlichen Inhalte auf wenige Nuancen reduzieren, die jedoch in ihrer Gesamtheit betrachtet werden müssen. Nein, „Alchemised“ ist eine Kriegsgeschichte. Das verraten bereits die zahlreichen Triggerwarnungen.
Es ist ein harter Brocken voller Gewalt, mal mehr, mal weniger für die Erzählung notwendig. Insgesamt braucht es aber wohl genau dieses Setting, um die Geschichte von Helena und Kaine glaubwürdig erzählen zu können. Denn: Sie sind Kinder ihrer Zeit. Vernarbt, misstrauisch, brutal, aufopferungsvoll, hingebungsvoll und verzweifelt. Helena und Kaine handeln zwar im Namen der Liebe, doch die Fallhöhe jeder Entscheidung ist unglaublich hoch.
In dieser Kombination schmerzt ihre Liebe nicht nur die Figuren selbst, sondern auch beim Lesen. Obwohl die Liebesgeschichte nicht allein ausschlaggebend dafür sein sollte, ob das Buch etwas für einen ist, spielt sie im Roman selbst dennoch eine zentrale Rolle - allerdings stets im Schatten des Krieges.
Leid und Schmerz sind gewiss nicht für jede Leserin oder jeden Leser etwas, doch erschafft die Autorin eine unfassbar faszinierende Welt mit komplexen Charakteren und Systemen. Zugegeben: Die Komplexität überfordert anfangs - besonders ohne Glossar (wie es in der englischsprachigen Ausgabe der Fall ist; in der deutschen ist eins zu finden, keine Sorge!). Doch einmal hineingezogen, bleibt kaum eine Möglichkeit, sich von den Figuren und ihren Schicksalen zu lösen oder sich ihrer Wirkung zu entziehen. „Alchemised“ ist wunderschön tragisch und unglaublich schmerzhaft.


