Nürnberg - Kurz nach der Netflix-Verfilmung von „The Woman in Cabin 10“ legt Autorin Ruth Ware eine Fortsetzung nach. Und erneut findet sich Laura Blacklock in einer gefährlichen Situation wieder.

Bei der Verfilmung von Ruth Wares Thriller „The Woman in Cabin 10“ zeigte sich nicht zum ersten Mal, dass die Meinungen von Kritikern und dem Publikum auseinandergehen können. Denn obwohl die Kritiken eher gemischt ausfielen („Hitchcock auf Sparflamme“ - filmpluskritik.com) konnte der Film einen erfolgreichen Start auf Netflix hinlegen. Nach dem Release landete er direkt auf Platz 1 der Charts in mehreren Ländern. Das dürfte nicht nur an der hervorragenden Besetzung mit internationalen Stars wie Keira Knightley und Guy Pearce liegen.

Klar erinnert die Geschichte einer verschwundenen Person, deren Existenz von fast allen verleugnet wird, an andere Werke, allen voran „The Lady Vanishes“ von Alfred Hitchcock. Dennoch ist schon die Buchvorlage eine gelungene Neuinterpretation dieses Motivs, die allen Fans klassischer Krimis und Thriller zugesagt haben dürfte.

Und jetzt, fast zehn Jahre, nachdem der Thriller „The Woman in Cabin 10“ von Ruth Ware veröffentlicht wurde, lässt die britische Autorin eine Fortsetzung folgen.

„The Woman in Suite 11“: Laura Blacklock ist zurück

Auch für Laura Blacklock sind rund 10 Jahre vergangen, seit sie die furchtbaren Erlebnisse in Norwegen überstanden hat. Seitdem hat sich für die Reisejournalistin viel verändert. Mittlerweile lebt sie in New York, ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne. Über die Ereignisse auf der Aurora hat sie ein Buch geschrieben, der Erfolg sorgte für ein komfortables Polster.

Doch langsam wird es für Laura „Lo“ Blacklock wieder Zeit, in den Sattel zu steigen. Seit zehn Jahren hat sie nicht mehr als Reisejournalistin gearbeitet, die traumatischen Erlebnisse ihrer letzten Pressereise hat sie noch nicht wirklich verarbeitet, aber sie will nicht ewig vor diesem Leben davonlaufen. Und während sie sich um neue Engagements bei verschiedenen Verlagen bemüht, flattert eine Einladung herein: zu einer Luxushoteleröffnung in der Schweiz.

2025 - The Woman in Cabin 10 - Movie Set
Keira Knightley verkörperte Laura Blacklock in der Netflix-Verfilmung von „The Woman in Cabin 10“. © Netflix/picture alliance / ZUMAPRESS.com

Nach reiflicher Überlegung nimmt Lo die Einladung an. Nicht zuletzt wegen Marcus Leidmann. Der exzentrische und schwerreiche Hotelbesitzer ist einer der großen Finanzplayer in Europa, Interviews mit ihm gibt es aber nur wenige - und die Chance auf ein solches bringt die Aussicht auf eine gut bezahlte Veröffentlichung.

Am Genfer See erwartet Lo ein traumhaftes Luxushotel. Und bekannte Gesichter, mit denen sie nicht gerechnet hat. Denn Ben Howard ist nicht nur ihr Ex, sondern war auch Passagier auf der Aurora - und er wird nicht der einzige bleiben, den Laura hier wiedersieht.

Lo versucht, sich auf ihren Auftrag zu konzentrieren. Der scheint sich in die richtige Richtung zu entwickeln, als sie mitten in der Nacht in eine Suite zitiert wird, die Marcus Leidmann bewohnt. Doch dort erwartet sie nicht etwa ein schwerreicher Manager, sondern eine Frau. Die Geliebte von Marcus Leidmann bittet Lo, ihr bei der Flucht zu helfen, denn er hat sie in seiner Hand.

Lo kann nicht anders: Wider besseren Wissens willigt sie ein, der Frau zu helfen. Dass sich daraus ein Katz-und-Maus-Spiel entwickelt, das sie bis nach England verfolgt und Laura fast ins Gefängnis bringt, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

„The Woman in Suite 11“: Ein altes Thriller-Problem gut gelöst

Schon in „Der Nachbar“ von Sebastian Fitzek stolperten wir über ein kleines Problem im Plot. Was kann ein Mensch alles ertragen? Beziehungsweise: Wie wahrscheinlich ist es, dass einer Person ein extremes, traumatisches Erlebnis mehr als einmal passiert?

Doch anders als Fitzeks Hauptfigur Sarah Wolff, die von ihm mit Traumata regelrecht überschüttet wurde, manövriert Ruth Ware geschickt um dieses Problem herum. Das gelingt ihr durch zahlreiche Querverweise auf den Vorgänger. Ohne zu viel verraten zu wollen: Außer Ben Howard tauchen noch weitere Figuren aus „The Woman in Cabin 10“ auf.

So gelingt Ruth Ware ein gewagter Spagat: „The Woman in Suite 11“ ist eine wirkliche Fortsetzung des Vorgängers, nicht einfach nur ein neuer Thriller mit der gleichen Hauptperson. Und gleichzeitig hat er eine ganz andere Dynamik als sein Vorgänger.

Hitchcock light oder gelungene Neuinterpretation?

Zuletzt müssen wir den Vorwurf, die Thriller um Laura Blacklock seien „Hitchcock auf Sparflamme“, entschieden zurückweisen. Nicht nur, dass es sich im Grunde um ein anderes Genre handelt, da Hitchcock eine humoristische Note in die Handlung bringt, die bei Ruth Ware überhaupt keine Rolle spielt.

Was Ruth Ware in beiden Thrillern auch zusätzlich thematisiert, ist die Macht, die reiche Männer über andere Menschen, vor allem Frauen, ausüben. Diese Dynamik und ihre Ungerechtigkeit sind entscheidend für die Motivation unserer Hauptfigur, die trotz der eigenen Unsicherheit nicht einfach vor diesem Problem davonlaufen kann. Das macht sie als Figur besonders glaubwürdig.

Dementsprechend behandelt Ruth Ware noch weitere Themen, die bei anderen Thrillern, die ein ähnliches Grundmotiv haben, fehlen. Wer also ernsthaft behaupten will, das Buch sei nur eine schwache Nachahmung Alfred Hitchcocks, hat es wohl nicht besonders aufmerksam gelesen.