Nürnberg - Die Feeds bei Instagram und TikTok sind derzeit voll mit nostalgischen Rückblicken aus 2016. Doch warum träumen sich gerade viele Menschen genau zehn Jahre zurück und wieso neigen wir dazu, Vergangenes zu verklären?

Wissen Sie es noch? Was waren die Highlights Ihres Jahres 2016? Was blieb besonders hängen aus dem Jahr, das nun genau eine Dekade zurückliegt?

In den Sozialen Medien ist es derzeit hoch im Trend, Erinnerungsfotos aus 2016 zu posten. Zahlreiche Promis machen mit, wie etwa Sänger Ed Sheeran oder Pop-Star Dua Lipa. Sogar der 1. FC Nürnberg hat jüngst nostalgische Fotos von damaligen und heutigen Spielern veröffentlicht. Immer wieder zu sehen auf den zahlreich ausgegrabenen Fotos, weil 2016 voll en vogue: Der ikonische Snapchat-Hundefilter, der Köpfen Ohren und eine Schnauze mit Zunge verpasst. Musikalisch gesehen war es die Zeit der Chainsmokers mit „Closer“ oder von DNCE mit „Cake by the Ocean“. Die Musikstreaming-Plattform Spotify verzeichnet laut dem Spiegel aktuell, dass die Nutzenden mit besonderer Vorliebe 2016er-Playlists erstellen. In der Mode dominierten Skinny Jeans, Federschmuck und starkes Make-up.

So postete Schauspielerin Lily Collins kürzlich bei Instagram Bilder aus dem Jahr 2016. Man sieht sie mit ihrem Buch, dessen Erscheinen damals kurz bevorstand. Dass die Bilder zehn Jahre alt sind, erkennt man am ehesten am Make-up. Dunkel geschminkte Smockey Eyes waren damals der Renner. Heute sind sie es nicht mehr. Im Postingtext schreibt sie: „Ich bin nicht sicher, warum wir entschieden haben, dass 2016 zurück ist, aber es ist ein vibe.“ Auch Grünen-Politikerin Ricarda Lang ist in einem Rückblick zu sehen mit sehr dichtem Pony. In der Caption schreibt sie: „Habe gehört, es ist eine strafbewährte Millenial-Pflicht, sowas zu posten.“

Klickt man sich durch diese vielfach geteilten Erinnerungen, dominiert ein positiver, unbeschwerter Blick auf 2016. Ist etwa völlig in Vergessenheit geraten, dass es auch das Jahr war, in dem Donald Trump erstmals zum US-Präsidenten gewählt wurde, in dem die Briten für den Brexit stimmten, in dem ein Weihnachtsmarkt in Berlin Tatort eines Anschlags mit zwölf Toten wurde oder in dem Sänger Prince starb? Die wichtigsten Schlagzeilen des Jahres haben wir hier zusammen getragen:

Was steckt dahinter?

Menschen neigen dazu, die Vergangenheit zu verklären. Das zeigen auch wissenschaftliche Studien. Rund 60 Prozent der Deutschen finden demnach, dass früher alles besser war. Jede Generation scheint so etwas wie eine „Happy Time“ zu haben - eine Zeit, in der alles irgendwie besser war. Für die Millennials ist das offenbar 2016. Damals waren die Menschen, die heute ihre Rückblicke posten, zumeist in ihren 20ern. Eine unbeschwerte Zeit im Leben, in der Verpflichtungen wie Job, Steuern und Versicherungen unabhängig von der Weltlage oftmals noch eine kleinere Rolle spielen.

2016 ist in den Sozialen Medien zurück: Flucht in eine vermeintlich bessere Vergangenheit?

Womöglich ist die Flucht in die schönen Erinnerungen auch eine Flucht vor der aktuellen Weltlage. All die tragischen Ereignisse, politischen Einschnitte und Promi-Todesfälle von vor zehn Jahren scheinen ein wenig zu verblassen im Vergleich zu den globalen Krisen und Kriegen, die uns aktuell begleiten. 2016 glaubte man spätestens nach Wahl Trumps es könne nicht mehr schlimmer werden – doch dann kam der Ukraine-Krieg, die Corona-Pandemie und eine zweite Amtszeit von Trump. Aus heutiger Sicht kann 2016 da vergleichsweise harmlos wirken.

Nostalgie und die Verklärung der Vergangenheit gehören zum Menschsein dazu. Berichten zufolge kann es dabei helfen, den optimistischen Blick in die Zukunft nicht zu verlieren, gemäß dem Motto: Wenn die Vergangenheit ganz gut war, dann wird schon auch die Zukunft irgendwie werden. Und auch in Sachen Evolution erweist die Verklärung der Vergangenheit der Menschheit einen Dienst. So erklärt Moderator Ralph Caspers in einer Folge quarks, ohne dieses Phänomen würden sich wohl nur wenige Mütter nach der ersten, oft schmerzhaften Geburt für ein zweites oder drittes Kind entscheiden. Aber die negativen Erinnerungen verblassen eben mit der Zeit, die schönen bleiben.

Genauso kann die Verklärung aber auch zu problematischen Entscheidungen führen, wenn man beispielsweise, wie auf der Webseite Psychology Today beschrieben, in eine toxische Beziehung zurückgeht, weil man sich statt an die schlechten nur noch an die guten Seiten erinnert. Lerneffekte, die man eigentlich aus Entscheidungen und Erlebnissen ziehen sollte, können so verloren gehen.

In der englischsprachigen Literatur ist das Phänomen bekannt unter dem Namen „rosy retrospection“, zu deutsch: „rosige Rückschau“. Letztendlich handelt es sich um eine Form der Verzerrung. Die Erinnerungen an ein Ereignis sind gespeichert, die Emotionen während des Ereignisses, insbesondere wenn sie negativ waren, verblassen mit der Zeit.

Wer profitiert davon?

Dieser Hang zur Nostalgie lässt sich ausnutzen. Wirtschaftlich versucht das beispielsweise gerade Unternehmerin Kylie Jenner. Sie verkauft einen Lip Gloss ihrer Marke King Kylie in einer Verpackung, die von einem Foto mit dem ikonischen Hunde-Filter geziert wird. Es ist eine klare Referenz auf die vergangene Dekade. Auch Snapchat will ein Stück vom Kuchen und bietet die Filter von 2016 wieder prominent in der App an, berichtet der Spiegel. Zuletzt war Snapchat hinter den anderen Social-Media-Plattformen eher in den Hintergrund getreten, könnte nun aber ein Nostalgie-Revival erleben.

Auch Modemarken versuchen, auf den Trend aufzuspringen. So zeigt die Bikini-Marke Triangl bei Instagram ein Design in Neon-Farben und aus Neopren-Stoff, präsentiert von Hailey Bieber. Schon vor zehn Jahren hatte es offenbar ähnliche Designs gegeben. Im Posting-Text zu dem Foto heißt es nämlich: „Wer erinnert sich an den Original Traingl? 2026 ist das neue 2016. Eine neue Neopren-Ära kommt bald.“ Der Retro-Trend wird immer wieder von Marken bewusst (aus)genutzt - so zum Beispiel als Fanta vor einigen Jahren eine Flasche mit nostalgischem Logo zurück auf den Markt brachte.

Auch Donald Trumps „Make America Great Again“-Bewegung fußt letztendlich auf dem Hang zur Nostalgie. Das „again“ impliziert eine bessere Vergangenheit. Das deckt sich offenbar mit der subjektiven Wahrnehmung vieler. Trumps Versprechen lautet: Diese vermeintlich bessere Vergangenheit könne man zurückholen. Auch der Brexit, der passenderweise 2016 beschlossen wurde, wurde den Briten mit dem Versprechen schmackhaft gemacht, vor dem Beitritt zur EU sei alles besser gewesen und man könne diesen Zustand zurückerlangen. Die Realität zeigt aber immer wieder: So viel besser war es früher gar nicht und der Schritt zurück ist nur selten eine gute Wahl.

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