
Gleis drei, ich warte am Nürnberger Hauptbahnhof auf die S-Bahn. Der Regen geht schräg, die Kapuze habe ich mir über die Ohren gezogen, die Hände tief in die Anoraktaschen vergraben. Da plingt mein Handy. Ein Mitreisender, ebenfalls gerade in der Heimat angekommen, hat einen Link an die Gruppe geschickt. Ich klicke, lausche, schließe die Augen. „I’m going back to the Seychelles, Isles of paradise“, singt Mickey Mancham.
24 Stunden vorher stecken meine Füße noch in weißem Sand. Der Wind peitscht die Wellen auf, auf Mahé, der größten Insel der Seychellen, wechselt Ende Oktober das Wetter. Hinter uns liegen ereignisreiche Tage. Wir haben riesengroßen Landschildkröten die faltigen Hälse gekrault, auf einem Katamaran Garnelenschwänze gegessen, uns am Rücken liegend vom Wasser des indischen Ozeans tragen lassen. Wir haben in der Hauptstadt Victoria - angeblich die kleinste der Welt - im Museum viel über die zunächst französische und später englische Kolonialgeschichte gelernt. Und uns, versteht sich, an kreolischem Oktopus-Curry und vom Feuer geküsstem Thunfisch gelabt.
Vor allem aber haben wir Menschen kennengelernt. Denn das traumhaft gelegene Avani+ Seychelles Barbarons Resort & Spa, das erst vor wenigen Monaten nach aufwändiger Renovierung neu eröffnet hat, bietet seinen Gästen auf Wunsch auch Einblicke, die über die typischen Sehenswürdigkeiten und Schönheiten der Insel hinausgehen.
„Welcome to Paradise“, sagt Marco Kastner und öffnet die Arme weit. Hinter dem 34-Jährigen fällt ein üppig bewachsener Hang dem Tal zu, hinten glitzert das Meer. Vor Marco stehen, aufgereiht auf einem langen Bananenblatt, „FruitShis“. Bananenstücke, auf denen sich Kokos-, Mango, Ananas- und Avocadoscheibchen mit einer Spur Honig zu einem kleinen Kunstwerk türmen. „All made by myself, all made by nature“, sagt er.
Marco ist das, was man unter einem Self-Made-Man versteht. Kind eines deutschen Vaters und einer seychellischen Mutter hat er sich eher schlecht als recht durch die Schulzeit geschleppt, sich herumgetrieben, zwischendrin Autos hergerichtet und vermietet - und im Jahr 2016 dieses Fleckchen Erde in der Mitte der Insel entdeckt. Wo früher wucherte, was wollte, hängen heute auf 59.000 Quadratmetern grünglänzende Passionsfrüchte aus zwischen Holzpflocken gespannten Fischernetzen, krabbeln Seidenspinnen (Marco: „my friends“) über üppige Ananaspflanzen, reifen sattgelbe Bananen.
Früchte vom Buffet aus Thailand?
Dass viele Hotels die Früchte ihrer reichhaltigen Frühstücksbuffets aus Thailand oder sonst wo her importieren, empört Marco. Man habe hier die Vegetation, um all das wachsen zu lassen, nur wollten viele den Preis nicht zahlen. Mit seinem „Vallée Des Fruits“, der seiner Aussage nach ersten Bio-Fruchtfarm für Agrotourismus auf der Insel, will er das ändern - und auf das Problem aufmerksam machen. Schließlich stünde es exemplarisch für viele auf Mahé.
Denn es sind allem ausländische Investoren, die auf der Insel mit ihren Ressorts reich werden. Die Bevölkerung, sagt Marco, partizipiere viel zu wenig. Der Anteil jener, die in vom Tourismus abhängigen Jobs arbeiten, steige, während die Zahl derer, die in einst traditionellen Berufen wie Landwirtschaft und Fischerei arbeiten, sinkt. Entsprechend reduziere sich der Anteil dessen, was auf der Insel produziert wird - die Abhängigkeit vom Export steigt. Marcos Credo: „Give it to the people!“ Heißt im übertragenen Sinn: Lasst die Wertschöpfung auf der Insel und bei den Leuten!
Der gleiche Gedanke ist auch Antrieb für das Geschäft, das Hendrick Herminie und seine Frau Myra führen. Im malerischen Dorf Val Dan D‘or haben sich die beiden mit ihrer „HH Cassava Farm“ auf eine fast verlorene Tradition, den Anbau von Maniok und das Backen der „Galet“-Kekse aus dessen Wurzelknollenbrei, spezialisiert.
Die im Jahr 1770 von Siedlern aus Mauritius auf die Seychellen gebrachten Knollen waren lange wichtigste Nahrungsquelle der Seychellois. Als kleiner Junge hat Hendrick auf der Farm seines Großvaters mit angepackt. Er hat gelernt, wie die stärkehaltigen Wurzeln von Hand geschält, mit einer schlichten Maschine gerieben, mit Hilfe eines Presssteins entwässert - und anschließend als Brei in runde Formen gepresst und in verschiedenen Temperaturstufen auf einem aus Ziegeln gemauerten Ofen gebacken werden.
„Unser Schatz ist nicht nur der Strand. Unser Schatz ist der Wald“
Nach dem Tod des Großvaters lagen die vorher dicht mit hohen Sträuchern bewachsenen Hügel brach. Die meisten Leute, sagt Myra, arbeiten im Tourismus, hart anpacken mögen viele nicht mehr. Dabei „ist unser Schatz nicht nur der Strand. Unser Schatz ist der Wald.“
Vom Verkauf ihrer Galets, die die Seychellos einem Taco ähnlich mit Süßem wie Herzhaftem bepacken, könnten die Herminies den kleinen Betrieb nicht finanzieren. Deshalb - und weil die laut lachende Frau einfach viel Freude am Zeigen, Erklären und Bewirten hat - führt Myra fast täglich Besucher aus dem In- und Ausland durch die Hänge. Sie beschreibt die Vegetation, die richtige Schneidetechnik, zeigt den zur Düngung verwendeten Hühnerdreck und lässt alle, die mögen, Löcher hacken und ihre eigenen künftigen Sträucher aus zuvor geschnittenen Ästen pflanzen.
Wenn die neue Regierung es bewillige, erzählt sie, will sie das Geschäft bald erweitern. Denn aus dem Maniok-Pflanzen lasse sich Baby-Puder, Kosmetik und noch vieles mehr herstellen. Ihr eigenes Geschäft, das wäre ihr Traum, sagt Myra. So, findet sie, könne man den perfekten Spagat schaffen zwischen Tourismus, einem bewussten Umgang mit der Natur und lokaler Wertschöpfung.
„Don‘t forget us“, vergesst uns nicht, sagt sie zum Abschied. Und meint damit alles: Die herrlichen Strände, das glitzernde Meer, vor allem aber die vielen freundlichen und besonderen Menschen, die uns auf der Reise nach Mahé begegnet sind.
„Isles of Paradise“: Das schrille Bremsen der S-Bahn übertönt das Lied von Mickey Mancham, der Zug hält am Gleis drei des Nürnberger Hauptbahnhofs. Ich greife meinen Koffer und steige ein. Mit noch immer kalten Händen - doch ein wenig gewärmt von den Erinnerungen.
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Die Seychellen sind ein Archipel aus 115 Inseln im Indischen Ozean vor der Ostküste Afrikas. Im Jahr 1976 erlangten sie ihre Unabhängigkeit von Großbritannien. In der Inselrepublik spricht man Kreolisch, Französisch und Englisch. Auf Mahé, der größten der Inseln, leben mit 72.000 Menschen fast 90 Prozent der gesamten Republik.
Eine Empfehlung ist das Hotel Avani + Barbarons Seychelles. Frisch renoviert, wunderschön eingerichtet und traumhaft gelegen: www.avanihotels.com/de/seychelles-barbarons
Redaktioneller Hinweis: Die Recherche für manche Artikel in dieser Ausgabe wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt.
Informationen des Umweltbundesamts über die Möglichkeit, den CO₂-Ausstoß Ihrer Reise zu kompensieren: www.umweltbundesamt.de/themen/freiwillige-co2-kompensation



