
Schiefer die Glocken nie klangen … Der Verkehr steht … Das Herz rast … Überall dringt grauenvolle Musik an dein Ohr … Weihnachtsflüstern, verhängnisvolle Verheißung … Hast du schon deine Geschenke gekauft? Tick tack. Tick tack. Die Turmuhr schlägt 13 und man möchte ihr entgegenschreien: NEIN! Gottverdammt, NEIN!
Aber natürlich lässt man das bleiben. Schließlich steht man auf der Rolltreppe. Schließlich würde kein halbwegs zivilisierter Mensch auf diesem Planeten sich so verhalten. Noch dazu an Weihnachten. Himmel! Wie ist man nur in diese Situation geraten, fragt man sich – und weiß es eigentlich ganz genau. Weil man faul und fahrlässig war und bar jeder Vernunft gehandelt hat. Man hat’s mal wieder versäumt: Die Weihnachtsgeschenke für die Familie sind noch nicht gekauft, ja – sind noch nicht einmal erdacht. Vier Kerzen, die brennen und mit ihnen das schlechte Gewissen im Wissen, dass die wenige Zeit bis zur vermeintlich schönsten Zeit wie im Zeitraffer verrinnt.
Für alle, denen es da ähnlich ergeht wie dem stressgebeutelten Autor, hier ein paar persönliche Gedanken und Ideen: Vier Vorschläge, wie Sie dem Weihnachtskoller entgehen - und Ihren Liebsten dennoch eine Freude machen können.
1. Essen
Nein, nicht bei Lieferando oder Flink. Warum nicht? Weil Sie das auch noch die restlichen 365 Tage des kommenden Jahres machen können. Liebe soll ja bekanntlich durch den Magen gehen – und wer die Mägen seiner Liebsten liebt … der sollte sich bisweilen nicht unbedingt selbst als Koch aufspielen, das ist wahr. Allerdings gibt es ausgezeichnete Kochbücher und inzwischen auch jede Menge Tutorials auf Youtube, mit deren Hilfe es selbst dem Autor in seiner Studienzeit gelang, abseits von Käse/Salami-Toast und Fertigpizza nicht zu verhungern. Trauen Sie sich was! Probieren Sie was Neues aus – und wenn‘s am Ende nicht schmeckt? Schwamm drüber – immerhin ist Ihre gesamte Familie bereits vor Ort; Sie können Sie also nachher immerhin noch zum Abspülen einspannen. Gemeinsame Aktivitäten schaffen Verbundenheit.
Wem dieser Ansatz zu mutig ist, dem steht selbstredend auch die Flucht in den öffentlichen Raum zur Verfügung: Überraschen Sie Kind und Kegel bei einem mörderisch appetitlichen Krimidinner oder anderer Erlebnisgastronomie – vielleicht mit einem Essen in kompletter Finsternis? So können Sie sich ganz und gar auf den Geschmack konzentrieren.
Rezepte für selbstgemachte kulinarische Geschenke wie Kartoffel-Lebkuchen, Vanille-Kipferl mit Eierlikör oder selbstgemachte Zartbitter-Pralinen finden Sie hier.
2. Aus Alt mach Neu
Heiliger Himmel – Sie haben jetzt hoffentlich nicht an Ihre Eltern gedacht, oder? Nein. Natürlich nicht. Herrgott … Nur eine infantile Amöbe ohne jeglichen Pietätssinn würde solch krude Assoziationen heraufbeschwören, aber bestimmt kein vernünftiger Mitbürger und Mensch – ganz besonders nicht im Widerschein glänzender Christbaumkugeln an Heiligabend. Das wäre einfach zu grotesk.
Nein ... Im Moment der Bescherung, wenn die Geschenke unter dem Christbaum liegen, dann, ja dann herrscht freudige Spannung … Knisternde Erwartung erfüllt die Luft mit süßlichem Duft und kurz vor dem finalen Moment, wenn Kinderaugen glühen und selbst Erwachsenenherzen höher schlagen, sollte man sich besser sicher sein, dass keine Enttäuschung fein verpackt im Schatten der Tannenzweige wartet. Für viele, besonders jene mit klammen Kassen, kann das Fest der Liebe so schnell zum Fest des Ungemachs, des Drucks und eines Gefühls sozialer Unzulänglichkeit verkommen.
Dabei kann die Not durchaus eine Tugend sein. Wer braucht schon all den Kram, den er über sein Leben hinweg angehäuft hat? „Ihr Geschäft ist unser täglich Brot“, lautet der Slogan einer Firma für Baustellentoiletten. Ebenso kann des einen „Müll“ des anderen Freud‘ sein. Ob Bücher, Musikinstrumente oder ungenutzte Sportgeräte, die auf den Speicher verdammt wurden - es geht hier keinesfalls darum, Unliebsames bauernschlau zu verramschen, sondern wertigen Gegenständen ein neues Zuhause zu suchen; mit Herz und Hirn.
3. Zeit
Schenken Sie Ihren Liebsten Ihr kostbarstes Gut: Zeit.
Nehmen Sie sich Zeit. Lassen Sie sich Zeit. Gehen Sie gemeinsam auf ein Konzert, eine Veranstaltung, gehen Sie in eine Galerie, auf einen Markt oder legen Sie bei gutem Wein, Bier, Whiskey oder einer Tasse Sojamacchiato ein paar alte Platten auf. Hören Sie die Musik und hören Sie aufeinander. Lassen Sie Ihre Liebsten ausreden und reden Sie selbst nicht nur, um sich selbst reden zu hören. Sie werden staunen, was Ihnen dabei so alles zu Ohren kommt. Und vielleicht vergessen Sie dabei die Zeit. Denn wie heißt es doch so schön? Die schönste Zeit ist die, in der wir nicht über die Zeit nachdenken.
4. -
„Nord, Süd, Ost und West, nicht mal ein kleiner Rest … Das große Ungenie ... Der Meister der Amnesie … Oh yeah … Habe die Ehre … Ich bin der Sohn der absoluten Leere.“ Diese denkwürdige Aussage brachte einst ein gewisser Rod zu Papier. Nicht irgendein Rod, nein, sondern DER Rod – Bassist, Gitarrist, Sänger und ewig neuer Universalversierter der Besten Band der Welt: Die Ärzte.
Nun könnten Kenner der Materie völlig zu Recht bemängeln: Ein Bassist an Weihnachten – das ist ja noch schlimmer als ein Bass zu Weihnachten. Nur ein echtes Monster würde einem geliebten Menschen solch ein Danaergeschenk unter den Baum legen. Oder: Was hat denn Punkrock bitte mit christlichem Brauchtum zu tun?
Nun, eine Menge. Erstens sind Bassisten auch nur Menschen – und Bässe legitime, ja sogar unverzichtbare Instrumente im Soundkonzept populärer Gegenwartskultur. Und zweitens steckt in den Worten dieses speziellen Punk-Bassisten eine ganze Menge Wahrheit. Wie wäre es - nur mal so als Beispiel -, wenn wir uns an Weihnachten darauf rückbesinnen würden, was uns in dieser schnelllebigen Welt mit rasend wummerndem Grundrauschen nicht selten abhandenkommt? Die kurze Pause zwischen zwei Atemzügen. Das Luftholen zwischen einander jagenden Schlagzeilen. Den Moment der Stille im Auge des Sturms.
Machen wir uns diese Stille zu Nutze! Lassen wir unsere Freunde und unsere Familie daran teilhaben! Quälen wir einander nicht mit zwanghafter Tradition. Lassen wir Schenken nicht zur Pflicht verkommen. Lassen wir diesen kleinen Augenblick der Ruhe im Auge des Sturms aufblitzen, ohne Not und ohne Ziel. Einfach Sie mit sich selbst und Ihren Liebsten. Vielleicht ist das weniger als erwartet, aber vielleicht doch mehr als genug. Schenken Sie sich dieses Jahr einfach mal - nichts. Schlagen Sie dem Materialismus ein Schnippchen. Ihr Paketbote wird es Ihnen danken. Seien Sie Punk!
PS: Sprechen Sie diese Form der immateriellen Selbstverwirklichung unbedingt vorher mit Ihrer Familie ab. Falls Sie dies nicht tun, könnte es beim nächsten Fest für Sie sonst sehr einsam werden. Und dafür möchte der Autor keinesfalls die Verantwortung tragen.
In diesem Sinne ...
Friede, Freude, einen Topf voll dampfenden Glühweins, der nie leer wird - und ein beschauliches Fest!