
Wenn man an Literatur aus Japan denkt, werden wohl viele an Mangas denken. Die illustrierten Bücher gibt es für ein breites Publikum. Entgegen vieler Vorurteile sind Mangas nicht nur für Kinder und Jugendliche geeignet. Doch auch aus Japan gibt es Romane, die augenscheinlich ähnlich sind, wie unsere westliche Literatur.
Natürlich gibt es Probleme und Themen, die Menschen auf der ganzen Welt gleichermaßen beschäftigen. Andere sind in bestimmten Kulturkreisen aber anders stark präsent. Doch auch der Schreibstil ist einfach ein bisschen anders, als was wir von der westlichen Literatur gewohnt sind.
Wir haben drei Romane aus Japan für Sie ausgewählt, von denen eine besondere Faszination ausgeht.
Bücher aus Japan: „Die Frau im lila Rock“ von Natsuko Imamura
Wir blicken durch die Augen der Frau in der gelben Strickjacke. Sie schwärmt von der Frau im lila Rock, sammelt akribisch Notizen über sie und träumt von einer Freundschaft, bleibt aber passiv und unbeholfen.
Einziger Weg zur Nähe: Kolleginnen werden. Mit sanfter Manipulation, ohne jeden direkten Kontakt, sorgt sie dafür, dass die Frau im lila Rock im selben Hotel als Zimmermädchen anfängt. Doch auch dort bleibt es beim Beobachten.
Die Frau im lila Rock macht Eindruck. Schon nach fünf Tagen darf sie eigenständig arbeiten, ein ungewöhnliches Privileg. Doch der anfängliche Aufstieg kippt rasch. Eine Affäre mit dem Facility-Manager und das giftige Geflecht aus Klatsch und Tratsch unter den erfahrenen Kolleginnen lassen die Stimmung brüchig werden - und wir spüren, wie schnell Bewunderung in Argwohn umschlagen kann.
Das Faszinierende an diesem Roman ist die lückenhafte und selektive Schilderung der Frau in der gelben Strickjacke. Bis zum Ende ist nicht ganz klar, wer sie eigentlich ist und in welchem Verhältnis sie zur anderen Frau im Buch steht.
Durch die Schreibweise ermöglicht uns Natsuko Imamura verschiedene Interpretationsmöglichkeiten und Lesarten dieses eigentlich relativ kurzen Romans. Eine tiefere Analyse finden Sie in unserer Einzelrezension:
Faszinierende Verwirrung: Dieser Roman wird Sie nicht mehr loslassen
„Die Frau im lila Rock“
von Natsuko Imamura
- übersetzt von Katja Busson
- 128 Seiten
- btb Verlag
- ISBN: 978-3-442-77486-9
- 13 Euro (Buch und Kindle-Book bei Amazon )
„Die Gabe“ von Suzumi Suzuki: Buchtipps aus Japan
Die namenlose Ich-Erzählerin lebt und arbeitet als Hostess im Rotlichtviertel von Tokio. In dieses Leben platzt der Einzug ihrer krebskranken Mutter, einer früheren Sängerin und Dichterin. Die Mutter möchte noch ein letztes Gedicht verfassen, doch die Kraft reicht kaum. Nach nur neun Tagen kehrt sie ins Krankenhaus zurück.
Nüchtern und ohne Pathos schildert die Erzählerin das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Beiläufig berichtet sie von den Brandnarben an ihrem Arm, die die Mutter ihr einst mit Zigarette und Feuerzeug zufügte. Für die Erzählerin lag darin eine verdrehte Fürsorge: Ein gezeichneter Körper sei weniger „verkäuflich“. Ein Schutz vor jenem Leben, das sie nun doch führt. Ausgesprochen haben sich die beiden Frauen darüber nie.
Parallel ringt die Erzählerin mit weiteren Verlusten. Zwei enge Freundinnen sind verschwunden, die eine durch Suizid, die andere durch einen Neuanfang fernab. Besonders bemerkenswert ist, dass Eri, die sich selbst umgebracht hat, die einzige Figur im ganzen Roman ist, die einen Namen bekommt. Alle anderen werden durch ihre Beziehungen benannt.
Am Ende, nach dem Tod der Mutter, scheint ein neuer Abschnitt für unsere Protagonistin möglich. Sie hat ihre Arbeit gekündigt und ein großzügiges Geldgeschenk von einem alten Verehrer der Mutter erhalten. Als sie ein letztes Mal über ihre Narbe streicht, spürt sie diese kaum noch. Ganz, als sei auch ihr eigenes Leben im Begriff, eine neue Form anzunehmen. Doch so richtig können wir das beim Lesen noch nicht glauben.
Auch dieser Roman fasziniert durch die vielen Lücken, die er offenlässt, und überlässt es uns beim Lesen, eine eigene Interpretation der Geschehnisse und einer möglichen Zukunft der Protagonistin zu erdenken. Mehr dazu lesen Sie in unserem Beitrag:
„Die Gabe“ von Suzumi Suzuki - Ein düsterer Kurzroman und zwischen Schuld, Tod und Rotlicht
„Die Gabe“
von Suzumi Suzuki
- übersetzt von Katja Busson
- 112 Seiten
- S. FISCHER
- ISBN: 978-3-10-397547-5
- 22 Euro (Buch und Kindle-Book bei Amazon )
„Die zehn Lieben des Nishiro“ von Hiromi Kawakami: Roman oder Kurzgeschichtensammlung?
Dieser Roman wirkt zunächst wie eine Sammlung von Kurzgeschichten. Jedes Kapitel steht für sich, jede Geschichte ist in sich geschlossen. Doch zusammen ergeben sie ein komplexeres Bild von Yukihiko Nishino. Im Grunde zu komplex, um ihn zu begreifen, denn in jedem Kapitel erfahren wir eine Episode aus Nishinos Leben, allerdings immer aus der Sicht der Frau, die gerade in seinem Leben war.
Jede dieser Ich-Erzählerinnen begegnet einem anderen Nishino. Einmal wird er als charmant und feinfühlig beschrieben, ein anderes Mal als grausam. Nie wirkt es so, als würde er sich verstellen, vielmehr spiegeln die Perspektiven die Erwartungen und Erfahrungen der Frauen. So bleibt Nishino bis zuletzt ein Rätsel.
„Die zehn Lieben des Nishino“ liest sich leicht, droht in der Mitte allerdings kurz zu zerfasern. Gegen Ende schließt sich der Kreis aber zu einer gelungenen Form. Bis zuletzt bleibt Nishino geheimnisvoll. Und wir müssen uns selbst die Frage stellen, wie viele Versionen von uns eigentlich auf der Welt herumlaufen. Wie viele Menschen unterschiedliche Geschichten mit unterschiedlichen Varianten von uns selbst erzählen könnten.
Noch tiefere Einblicke in diesen Roman liefert unsere Einzelkritik:
„Die zehn Lieben des Nishino“: Wie viele Versionen von einer Figur kann es geben? Buchtipp
„Die zehn Lieben des Nishino“
von Hiromi Kawakami
- übersetzt von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler
- 192 Seiten
- Hanser Verlag
- ISBN: 978-3-446-26169-3
- 20 Euro (Buch und Kindle-Book bei Amazon )


