
„Die Gabe“ von Suzumi Suzuki handelt von einer jungen Frau, die in Tokio im Rotlichtmilieu arbeitet. Wir begleiten sie über die letzten Tage ihrer Mutter, die an einer Krebserkrankung stirbt.
Es ist bereits das siebte Buch von Suzumi Suzuki, aber dennoch ihr literarisches Debüt. Vorangegangen waren Studien und ihre Autobiografie, die sogar verfilmt wurde. Denn Suzuki kennt das Hostessengewerbe um Begleitdamen und Gigolos aus erster Hand, auch als Pornodarstellerin hat sie schon gearbeitet.
Diese Erfahrungen geben ihren Texten eine besondere Authentizität, denn sie hat sie immer wieder in ihre Arbeit einfließen lassen.
„Die Gabe“ von Suzumi Suzuki: Darum geht‘s
Wir steigen in die Handlung ein, als die krebskranke Mutter bei unserer Protagonistin einzieht. Die frühere Sängerin und Dichterin will noch ein letztes Gedicht verfassen, was ihr im Krankhaus aber unmöglich sei. Doch es bleibt ein kurzer Besuch, nach nur neun Tagen muss sie notgedrungen ins Krankenhaus zurückkehren.
Die Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, berichtet und erstaunlich nüchtern über die toxische Beziehung mit ihrer Mutter. Beinahe beiläufig erzählt sie, wie ihre alleinerziehende Mutter ihr mit einer Zigarette und einem Feuerzeug Brandwunden zufügte, deren Narben sie bis zur Handlung des Romans körperlich wie seelisch zeichnen. Diese Tat der Mutter ist in ihrer Gewaltsamkeit einzigartig und hat laut unserer Erzählerin dennoch einen sinnvollen Grund. Denn ein gezeichneter Körper lässt sich schlecht verkaufen, die Mutter wollte sie eigentlich vor dem Leben beschützen, das sie jetzt lebt. Ob das wirklich stimmt, hat sie allerdings nie mit ihrer Mutter abgeklärt.
Nicht nur mit dem nahenden Verlust der Mutter hat unsere Protagonistin zu kämpfen. Sie hat auch kürzlich zwei Freundinnenverloren. Eine der beiden hat sich kurz zuvor umgebracht. Die andere hat sich ein neues Leben gesucht. Diese Ambivalenz des Verlassenwerdens ist ebenso interessant zu beobachten wie die Tatsache, dass die Freundin, die Suizid begangen hatte, die einzige Figur im Roman ist, die einen eigenen Namen hat.
Im Ende dieses kurzen Romans bleibt vieles ungewiss. Unsere Protagonistin hat ihren Job als Hostess gekündigt, zudem hat sie ein großzügiges Geldgeschenk von einem früheren Verehrer ihrer Mutter erhalten. Nach dem Tod ihrer Mutter, der das Ende der Handlung markiert, könnte also ihr Leben in geordnete Bahnen laufen, zumindest die Voraussetzungen wären in diesem Moment da. Noch einmal fährt sie mit den Fingern über die Brandnarbe an ihrem Arm. Sie kann sie kaum mehr finden.
„Die Gabe“
von Suzumi Suzuki
- übersetzt von Katja Busson
- 112 Seiten
- S. FISCHER
- ISBN: 978-3-10-397547-5
- 22 Euro (Buch und Kindle-Book bei Amazon )
„Die Gabe“: Mut zur Lücke - Buchtipp
Diese Lückenhaftigkeit, die vielen Leerstellen, machen diesen Roman so faszinierend. So wissen wir auch nicht, wie es im Leben unserer Protagonistin weitergehen wird. Betrachtet man die Fakten am Ende der Handlung, könnte man meinen, sie könnte den Weg aus ihrem alkoholvernebelten Dasein im Rotlichtviertel finden. Doch die Stimmung des Romans lässt einen schwer daran zweifeln.
Die Handlung verläuft fragmentarisch, mit vielen Rückblenden: Kindheitserinnerungen an den verwehrten Vater, die Brandverletzung, die Narben hinterlässt, und an Freundinnen, die verschwinden oder sterben. Parallel zeichnet der Roman das Milieu der Hostess-Clubs. Den Körper als Ware, permanente Objektifizierung und ein ständiges Schwanken zwischen Stolz und Scham.
Autorin Suzumi Suzuki bringt dabei eine besondere Authentizität in diese Welt, denn sie kennt das Rotlichtviertel Tokios aus ihrer eigenen Vergangenheit. Ohne jeden Pathos erzeugt die knappe Erzählweise eine große Intensität der Handlung, die der nüchternen Schilderung unserer Protagonistin entgegensteht
Wer ist Eri? - Fragen über Fragen in „Die Gabe“ von Suzumi Suzuki
Bei all der schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung, die hier augenscheinlich im Vordergrund steht, aber bereits in vielen Romanen thematisiert wurde, sowie der Kritik an einer Gesellschaft, in der einem menschlichen Körper ein klarer wirtschaftlicher Wert beigemessen wird, stellt sich eine andere Frage zwar hintergründig aber deutlich.
Warum hat nur eine einzige Person im Roman einen eigenen Namen bekommen?
Eri war eine Freundin der Ich-Erzählerin, die ebenfalls als Hostess gearbeitet hatte und Suizid beging. Sie war nicht die einzige, die unglücklich in ihrem Leben war. Immer wieder erfahren wir, dass sie schon öfter davon gesprochen hatte, ihr Leben zu beenden. So auch an dem Tag, als sie dann vom Dach eines Hochhauses sprang.
Jedes Mal, wenn die Sprache auf dieses Thema kommt, relativiert sich sofort die Verantwortung unserer Protagonistin. Viele Mädchen im Viertel machten immer wieder ähnliche Aussagen, ohne Taten folgen zu lassen.
Dennoch ist es unverkennbar, dass die Ich-Erzählerin sich schuldig fühlt. Und so stellt sich am Ende eine zusätzliche Frage, mit der uns dieser faszinierende Roman zurücklässt. Ist die ganze Episode um den Tod ihrer Mutter, von der sich unsere Protagonistin vielleicht innerlich bereits distanziert hatte, womöglich nur eine Ablenkung von der inneren Schuld, die sie gegenüber ihrer Freundin Eri verspürt?
Natürlich ist das nur Spekulation. Am Ende muss man diesen kurzen, aber gehaltvollen Roman von Suzumi Suzuki eben selbst lesen, um sich ein eigenes Bild machen zu können.
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