
Gemeinsam einen Schatz heben, ein Dorf aufbauen, ein schräges Rätsel lösen oder zusammen an einem Quiz tüfteln. In Zeiten von wachsender Einsamkeit und schwindendem sozialem Zusammenhalt wird das Miteinander am Spieltisch zum Trumpf. Mit fantasievollen Karten, bunten Spielfiguren, Würfeln - und eben analog.
Gesellschaftsspiele boomen, behaupten sich in einer digitalen Lebenswelt, wie sich auch zur weltgrößten Brettspielmesse „Spiel Essen 2026“ deutlich zeigt. Dort wird an vier Tagen bis Sonntag mit Rekordzahlen bei Besuchern und Ausstellern gerechnet. Was macht Spielen attraktiv, welche Funktion hat es?
Expertin: Am Spieltisch können Menschen zu Freunden werden
„Menschen spielen unabhängig von Alter, Herkunft, Geschlecht und Religionszugehörigkeit, mit Spaß und Leidenschaft“, sagt Expertin Christina Valentiner-Branth. Analoges Spielen werde von vielen als beziehungsstiftend und wohltuend empfunden. Immer mehr Brettspielcafés entstehen, Spiele-Vereine organisieren regelmäßige Brettspieltreffen, beobachtet die Gründerin der Brettspielakademie und der Bildungsinitiative Spielstarke Schule.
„Ich gehe davon aus, dass in Zukunft das Interesse an analogen Brettspielen noch wachsen und der gesellschaftliche Wert zunehmen wird“, meint sie. Das Spielen helfe auch, Respekt vor den Mitmenschen zu entwickeln. Und: „An Spieltischen können Menschen zu Freunden werden.“
Mit Blick auf die Jugend betont Valentiner-Branth: „Kinder und Jugendliche lieben Gesellschaftsspiele.“ Schülerinnen und Schülern profitierten „ganz nebenbei in Bezug auf Lernkompetenzen“. Brettspiele sollten auf den Stundenplan. „Weil es schlau macht. Weil es Spaß macht. Weil es Sinn macht.“
Regeln beachten, kooperieren und sich selbst regulieren
„Der Hype um Brettspiele ist kein Zufall und hängt auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zusammen“, ist Soziologe Paul Eisewicht überzeugt. „Brettspiele schaffen eine soziale Ordnung, weil Menschen Regeln anerkennen, sich selbst regulieren, engagieren und sich in der Gruppe kooperativ verhalten.“ Im geschützten Raum könne man sich austesten, in Wettbewerb treten, Anerkennung bei Erfolg gewinnen und verlieren lernen.
Das Gesellschaftsspiel schafft Beziehungen, stabilisiert sie, wie der Wissenschaftler von der Uni Münster unterstreicht. „Der Opa spielt mit dem Enkelkind, Jungen und Mädchen spielen zusammen, Zugewanderte mit Einheimischen.“ Man könne auch in Brettspielcafés gehen, ohne dort jemanden zu kennen. „Das wirkt gegen Einsamkeit und zeigt die soziale Komponente.“
Weitere Benefits aus Sicht des Forschers: Beim Agieren mit Würfeln, Spielfiguren und Karten kommen Gefühle wie Frust und Freude direkter auf. Man könne gemeinsam sinnliche Erfahrungen machen, die Fantasie werde angeregt, emotionales und soziales Lernen sei ebenso möglich wie Wissenserweiterung.
Die Spielebranche nimmt junge Erwachsene in den Blick
Eine starke Zielgruppe aus Sicht der Spielebranche sind junge Leute so zwischen 15 und 35 Jahren, schildert Hermann Hutter, Vorstandsvorsitzender der Spieleverlage im Verband der Deutschen Spielwarenindustrie. „Die jungen Erwachsenen spielen überall, es gibt auch Spielnächte. Die Kommunikations- und Partyspiele laufen vor allem wegen dieser Altersgruppe so gut.“
Hutter glaubt: „Gerade die jungen Erwachsenen schätzen es, dass man auch mal was ohne Handy spielen kann.“ Generell gelte: „Was die Menschen suchen, ist das Miteinander, zusammen aktiv zu sein. Und da haben Gesellschaftsspiele einen Vorteil gegenüber Computerspielen.“
„Je mehr digital läuft, desto wertvoller wird analoges Spielen“
Gesellschaftsspiele sind gerade in einer immer digitaleren Welt zunehmend wichtig, sagt Pädagoge und Spielexperte Sebastian Schwägele. „Je mehr Zeit wir mit Smartphones, Social Media, KI-Anwendungen oder anderen digitalen Angeboten verbringen, desto wertvoller werden Momente, in denen Menschen bewusst zusammenkommen.“
Gegenüber dem Online-Gaming müssten sich Gesellschaftsspiele „überhaupt nicht verstecken“. Im Gegenteil: Gesellschaftsspiele haben große Stärken, eine davon: „Ich kann Dinge anfassen, bewegen, aufbauen und verändern.“ Also mal kein Bildschirm vor der Nase oder Smartphone in der Hand. Für Schule, Erwachsenenbildung wie auch Unternehmen könnten Gesellschaftsspiele lehrreich sein.
Schwägele weist darauf hin, dass unterschiedliche Interessen und Vorstellungen zusammenzubringen sind. Konkret: „Am Spieltisch muss ich andere Menschen auch mal aushalten.“ Denn das Gegenüber reagiere vielleicht anders als erwartet, nicht alle wollten dasselbe. Man lache, ärgere und freue sich gemeinsam, diskutiere wohl auch mitunter energisch, müsse auf jeden Fall miteinander klarkommen. „Einfach wegklicken geht nicht.“
Besonders bei kooperativen Gesellschaftsspielen könnten Menschen nur gemeinsam erfolgreich sein, unterstreicht Schwägele. Spiele könnten zwar keine gesellschaftlichen Probleme lösen. Aber: Wenn Menschen häufiger mit anderen spielen, die anders denken und anders handeln als sie selbst, können dabei wichtige Erfahrungen entstehen. „Und die sind auch für das Zusammenleben außerhalb des Spiels wertvoll.“




