Nürnberg - Selfies in Verbrennungsöfen und dabei die Hand zum Hitlergruß erhoben: Immer mehr Jugendliche fallen durch respektloses Verhalten in KZs auf. Doch es gibt bekannte Influencer, die versuchen mit „Trend-Rechten“ zu reden.

Erst im September ist die AFD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt die deutlich stärkste Kraft geworden. Jetzt berichten immer mehr KZ-Gedenkstäten von Vorfällen, bei denen sich Jugendliche respektlos benehmen. Manche berichten sogar von Hitlergrüßen und Selfies im Verbrennungsofen. Wer sind die sogenannten „trendrechten“ Jugendlichen?

Der SPIEGEL hat eine Schulklasse aus Sachsen-Anhalt bei ihrem Ausflug in das KZ Ravensbrück begleitet. Um respektloses Verhalten zu vermeiden ist zwei Schülern, offen rechtsradikal, die Teilnahme an der Reise verwehrt worden. Die Schulklasse redet bei den zuhause gebliebenen Schülern von ihren „kleinen Faschos“. Dennoch ist Ravensbrück bisher nicht von rechten Vorfällen verschont geblieben: Während andere Schüler mit Rosen den Opfern des Nationalsozialismus gedachten, schlichen sich laut dem SPIEGEL zwei 15-jährige Schülerinnen davon und machten im Verbrennungsofen ein Foto, auf dem sie offen den Hitlergruß zeigten.

Rechte Parolen im KZ - Lange kein Einzelfall mehr

Jedoch berichten mehrere Konzentrationslager von zunehmenden Provokationen, nicht nur in Ravensbück. Das KZ Bergen-Belsen berichtet von einer Schülergruppe, die während ihres Besuchs „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ sang. Auch in Buchenwald machen immer mehr Jugendliche Selfies im Verbrennungsofen, heißt es auf Gedenkstätenfahrten.de.

Was bedeutet „Trend-Rechts“?

Viele dieser Jugendlichen, die sich mit Hitlergruß und anderen, ähnlichen Gesten in KZ-Gedenkorten zeigen, lassen sich mit dem Begriff „Trend-Rechts“ beschreiben. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung sind soziale Medien wie TikTok oft schuld an der Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen. „Heranwachsende sind im Netz längst zu einer sehr wichtigen Zielgruppe rechtsextremistischer Propaganda geworden.“, heißt es auf der Internetseite der Landeszentrale. Da diese noch heranwachsen und sich ihre politische Meinung erst bilden müssen, sind die Jüngeren besonders anfällig, heißt es weiter auf der Seite der Landeszentrale.

Marcant - Umkehrung von „Trend-Rechten“ Jugendlichen

Ein Influencer, der sich die politische Aufklärung über die NS-Zeit und Rechtsradikalismus zur Aufgabe gemacht hat, nennt sich Marcant. Dieser zeigt sich in Videos offen auf rechten Demos und interviewt die Teilnehmer, stellt sie zur Rede und versucht Aufklärungsarbeit zu leisten. Besonders bei jungen Teilnehmern, den sogenannt „Trend-Rechten“ ist er bemüht, diesen die Verbrechen der NS-Zeit zu erklären. Erst im Sommer/Herbst diesen Jahres startete er mit seinem Team die sogenannte „Ost-Tour“. Hierfür war Marcant einen Monat in Ostdeutschland unterwegs, war auf rechten Demonstrationen sowie CSDs und hat ein Stimmungsbild eingefangen.

Kundgebung Die Heimat und Deutsche Jugend Voran (D
<p>Marcant ist ein deutscher Influencer und auf Demonstrationen versucht, die „Trend-Rechten“ Jugendlichen umzustimmen.</p> © Joerg CARSTENSEN, Jörg Carstens/IMAGO/Funke Foto Services

Manche Gedenkstätten bieten bereits Ideen zur Vor- und Nachbereitung für den Ausflug in das Konzentrationslager an. Buchenwald empfiehlt zum Beispiel die Förderung eines kritischen Geschichtsbewusstseins ohne Prüfungsdruck. Jede Person muss sich freiwillig auf den Besuch einlassen und deshalb hält das Konzentrationslager Buchenwald Arbeitsaufträge, die das Abfragen von historischen Wissen als Ziel haben, für ungeeignet. Ist für die Nachbereitung des Ausflug nur wenig Zeit vorgesehen, empfiehlt das KZ Buchenwald mindestens die Äußerung individueller Gedanken und eventuell die Raumgebung von enttäuschten Erwartungen.