Nürnberg - Die internationale Zeitmessung steht vor einer historischen Reform: Ab Mai 2027 wird die Schaltsekunde abgeschafft. Um IT-Chaos und Ausfälle in Stromnetzen zu verhindern, gilt künftig eine fortlaufende Weltzeit.

Es ist eine Entscheidung die im Alltag der meisten Menschen zunächst unbemerkt bleiben dürfte: Ab dem 20. Mai 2027 wird die Schaltsekunde schrittweise abgeschafft. Das hat die internationale Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) beschlossen. Künftig soll die fortlaufende Koordinierte Weltzeit ohne künstliche Korrekturen durchlaufen. Wie unter anderem das Portal Merkur.de berichtet, wollen Expertinnen und Experten damit für maximale Stabilität in digitalen Systemen sorgen.

Hintergrund der Reform ist ein technisches Problem: Bisher existieren zwei Zeitmessungen parallel. Die von Atomuhren exakt gemessene Koordinierte Weltzeit und die astronomische Zeit, die sich an der tatsächlichen Drehung der Erde orientiert. Da die Erde mal schneller und mal langsamer rotiert, drifteten beide Zeiten im Laufe der Jahre auseinander. Um die Abweichung unter 0,9 Sekunden zu halten, wurde seit 1972 insgesamt 27 Mal eine Schaltsekunde eingefügt.

Gefahr einer „negativen Schaltsekunde“ beschleunigt Reform

Dass die Entscheidung nun zügig umgesetzt wird, liegt an einer unvorhergesehenen Entwicklung: Die Erdrotation hat sich in den vergangenen Jahren beschleunigt - unter anderem beeinflusst durch Strömungen im flüssigen Erdkern. Fachleuten zufolge drohte deshalb erstmals in der Geschichte eine „negative Schaltsekunde“: Statt eine Sekunde hinzuzufügen, hätte den Uhren eine Sekunde abgezogen werden müssen.

Ein solches Szenario barg nach Einschätzungen von IT-Experten massive Risiken. Viele globale Computer-Netzwerke, Telekommunikationsanbieter, Flugverkehrssysteme und Stromnetze sind technisch nur darauf programmiert, Sekunden hinzuzufügen - nicht aber, Zeit zu überspringen. Bereits bei früheren positiven Schaltsekunden kam es zu Serverausfällen bei Tech-Konzernen und Störungen im Hochfrequenzhandel.

Mehr Spielraum für die Weltzeit

Um drohende Chaos-Szenarien und hohe Anpassungskosten für die Industrie abzuwenden, wird die starre Koppelung an die Erddrehung gelockert. Künftig darf die atomare Weltzeit bis zu 3600 Sekunden, also eine ganze Stunde, von der astronomischen Sonnenzeit abweichen. Fachleute gehen davon aus, dass die Zeiterfassung dadurch für mehrere Jahrhunderte ohne künstliche Eingriffe auskommt.

Während die IT-Branche die Neuerung begrüßt, forderten Länder wie Russland sowie Teile der Astronomie eine längere Übergangszeit, da beispielsweise Navigationssysteme wie GLONASS und Teleskop-Steuerungen auf die astronomische Zeit angewiesen sind.

Was das für Verbraucher bedeutet

Für Verbraucherinnen und Verbraucher ändert sich im Alltag rein gar nichts. Weder Uhren müssen umgestellt werden, noch hat das Ende der Schaltsekunde Auswirkungen auf die reguläre Sommer- und Winterzeit. Vielmehr schützt die Reform den Alltag unbemerkt im Hintergrund: Indem überraschende Systemfehler bei Banken, Online-Diensten, Flugbuchungen oder Mobilfunknetzen verhindert werden, sorgt das Ende der Schaltsekunde für mehr Stabilität im digitalen Alltag. Erst in mehreren Tausend Jahren würde sich die Abweichung zwischen Sonnenstand und Atomuhr für Menschen spürbar bemerkbar machen.