
Morton Grady Zimmerman hatte sich keine leichte Aufgabe ausgesucht: Ende der 1950er-Jahre sollte er das Drehbuch für eine rund dreistündige Zeichentrickfilm-Adaption von J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ schreiben. Der Verleger und Literaturagent Forrest J. Ackerman hatte Tolkiens Zustimmung für das Projekt erhalten, die Ambitionen waren groß. Doch als der Tolkien das fertige Skript in den Händen hielt, war er - zurückhaltend formuliert - nicht sonderlich begeistert.
In einem nach seinem Tod veröffentlichten Briefwechsel mit den Produzenten des geplanten Films fiel Tolkiens Urteil vernichtend aus, wie das Filmportal AlloCiné berichtet. Sein Werk sei „regelrecht ermordet“ worden, schrieb er. Zimmerman sei „hastig, unsensibel und unverschämt“ - und habe „Der Herr der Ringe“ offenbar „nur im Schnellverfahren überflogen und dann auf der Grundlage teilweise verworrener Erinnerungen“ ein Skript verfasst. Sein Fazit: „Ich bin sehr unzufrieden mit der extremen Dummheit und Inkompetenz sowie seinem völligen Mangel an Respekt gegenüber dem Original.“
Tolkien begnügte sich nicht mit allgemeinen Vorwürfen, sondern unterzog das Drehbuch einer seitenlangen Detailkritik. Konkret störten ihn unter anderem Orks, die mit Schnäbeln und Federn versehen werden sollten, ein sprechender und lachender Balrog sowie Elben, die zu kleinen, feenhaften Wesen degradiert wurden. Das Ende des geplanten Films nannte er eine „Verwirrung, die beinahe ins Delirium abgleitet“. Das Projekt wurde nie realisiert.
Dabei war sich Tolkien der Schärfe seiner Worte durchaus bewusst. Er schrieb, die Beteiligten könnten sich durch seinen Ton „verärgert oder beleidigt fühlen“ und bat sie, „genügend Vorstellungskraft aufzubringen, um den Ärger eines Autors nachzuempfinden, der beim Lesen feststellt, dass sein Werk insgesamt nachlässig behandelt wurde - ohne das geringste erkennbare Zeichen von Verständnis für das, wovon es handelt.“
Paul McCartney als Frodo?
Rund zehn Jahre später, Anfang 1968, stand Tolkien dann übrigens erneut vor der Frage, wem er sein Werk anvertrauen wollte. Diesmal kamen die Interessenten aus einer völlig anderen Richtung: die Beatles. Laut einem Bericht der BBC hatte Produzent Denis O‘Dell der Band während ihrer Zeit in Indien Tolkiens Bücher zukommen lassen, um sie für eine Verfilmung zu begeistern. Die vier Musiker waren sofort Feuer und Flamme, die Rollenverteilung stand schnell fest: Paul McCartney sollte Frodo spielen, Ringo Starr dessen besten Freund Sam, George Harrison den Gandalf-Part übernehmen - und John Lennon, der sich persönlich für das Projekt einsetzte, die Rolle des Gollum.
Als Regisseur hatte Lennon Stanley Kubrick im Sinn, der damals gerade mit „2001: Odyssee im Weltraum“ Filmgeschichte schrieb. Doch Kubrick lehnte ab, denn er hielt Tolkiens Werk für unverfilmbar, wie mehrere Quellen übereinstimmend berichten. Auch David Lean, Michelangelo Antonioni und Richard Lester sollen laut Variety als Alternativen in Betracht gezogen worden sein.
Am Ende scheiterte das Projekt aber nicht am Regisseur, sondern wieder am Autor selbst. Da Tolkien die Rechte an seinem Werk persönlich hielt und nicht sein Verlag, hatte er das letzte Wort - und das fiel erneut eindeutig aus: Er verweigerte der Band die Rechte, weil ihm die Vorstellung, dass eine Popgruppe seine Geschichte verfilmen würde, schlicht nicht gefiel. Gegenüber der BBC bestätigte Peter Jackson später, dass er bei den Dreharbeiten zu seinem Beatles-Dokumentarfilm „Get Back“ mit Paul McCartney über das gescheiterte Projekt gesprochen habe.
Stattdessen wandten sich die Beatles dem Animationsfilm „Yellow Submarine“ zu - und Tolkiens Mittelerde blieb noch Jahrzehnte lang unverfilmt. Erst 1979 wagte sich Zeichentrick-Regisseur Ralph Bakshi an eine Adaption, die zumindest fertiggestellt wurde, aber ebenfalls hinter den Erwartungen zurückblieb. Peter Jackson brachte die Trilogie schließlich zwischen 2001 und 2003 auf die Leinwand, gewann damit 17 Oscars und spielte fast drei Milliarden US-Dollar ein. Tolkien erlebte das nicht mehr, denn er starb bereits 1973. Wie er über Jacksons Version gedacht hätte, lässt sich nur spekulieren. Angesichts seiner Reaktion auf frühere Entwürfe wäre wohl zumindest eine ausführliche Kritik zu erwarten gewesen.