Nürnberg - Ein gewonnener oder zwei verlorene Punkte? Nach dem wilden Nürnberger Remis gegen Wolfsburg gibt es Argumente für beide Lesarten. Vielmehr aber muss die eindrucksvolle Energieleistung nach der Pause hervorgehoben werden.

Nach den ersten 45 Minuten hätte Julian Justvan den Punktgewinn noch unterschrieben, wie der Nürnberger Kreativspieler im Anschluss an das wilde 4:4-Remis gegen Wolfsburg einräumte. Erstmals in der noch jungen Saison schien der FCN, der mit der intensiven Gangart des Bundesliga-Absteigers seine Probleme hatte, die eigenen Grenzen aufgezeigt zu bekommen. Im Spiel nach vorne wollte die Klose-Elf zu häufig mit dem Kopf durch die Wand. Obendrauf gewährte man den Wölfen zahlreiche hochkarätige Einschusschancen. Zwar hätte auch der Club in Hälfte eins schon treffen können, vielmehr aber mussten die Franken froh darüber sein, „nur“ zwei Gegentreffer hingenommen zu haben. Gut und gerne hätten es bereits drei oder vier sein können.

In der Pause allerdings ging ein Ruck durch die Heimmannschaft - oder schon zuvor? „Ein bisschen hitzig“ wurde es nämlich unmittelbar vor dem Seitenwechsel, wie Justvan richtigerweise anmerkte: „Natürlich auch durch die Jubel von Wolfsburg vor unserer Kurve. Das sehen wir natürlich nicht gerne.“ So gerieten beide Mannschaften mit dem Halbzeitpfiff noch einmal aneinander. Sogar Chefcoach Klose lieferte sich eine intensive, jedoch respektvolle „Meinungsverschiedenheit“ mit VfL-Sportdirektor Pirmin Schwegler, wie der Weltmeister von 2014 nach der Begegnung klarstellte. „Wir haben uns gesagt, dass wir keine zwei Tore schlechter als Wolfsburg sind“, gab Justvan einen Einblick in die Nürnberger Kabine. „Genau so sind wir auch in die zweite Halbzeit gegangen.“

Club kommt hungrig aus der Pause

Nach dem Seitenwechsel war es dann zunehmend der Club, der den Gästen den Schneid abkaufte. Startelf-Debütant Rayan Ghrieb scheiterte mit seinem Rechtsschuss noch am Wolfsburger Torwart, Mittelstürmer Scobel machte es kurz darauf besser. Erst traf der 21-Jährige wuchtig ins kurze Eck, nachdem er die Kugel mustergültig behauptet hatte, dann veredelte er freistehend ein feines Zuspiel von Ghrieb - Ausgleich. Plötzlich hatten sich die Vorzeichen der Begegnung gedreht und der FCN merklich Oberwasser. Spätestens als Stürmer-Star Mohamed Ali Zoma kurze Zeit später auch noch das 3:2 markierte, drohte das sanierungsbedürftige Max-Morlock-Stadion endgültig abzuheben. „Wenn du dann in dieser Situation das Spiel drehst, ist so viel Energie in einem drin. Wir haben auch gemerkt, wir fressen die gerade auf“, brachte es Justvan auf den Punkt.

Dass nach rund 100 Minuten Fußballspektakel dennoch nur ein Punkt auf das Nürnberger Konto wanderte, lag in den völlig verrückten Schlussminuten begründet. Erst wurde den Niedersachsen ein Strafstoß verwehrt, nachdem der Ball kurz zuvor bereits im Seitenaus war. Dann glichen die Gäste - wohlgemerkt schon in der Nachspielzeit - im Anschluss an eine Ecke tatsächlich zum 3:3 aus. Schluss war aber noch lange nicht. Nun waren es die Franken, die nach eigenem Eckstoß den vermeintlichen Lucky Punch setzten. Eine letzte, aus Nürnberger Sicht schmerzliche Pointe hielt die Partie allerdings noch bereit. Abermals war es ein Eckball, den der Club nicht final aus der Gefahrenzone befördern konnte. Wölfe-Doppelpacker Alessio Besio nahm das Geschenk dankend an. „Bei so einem Spiel musste es wahrscheinlich so kommen“, kommentierte Klose ein wenig fatalistisch.

Das Nürnberger Glas ist halb voll

Was überwiegt also nach dem 4:4-Schlagabtausch? Die Enttäuschung über den ganz späten Nackenschlag oder der Stolz, den Aufstiegsfavoriten aus Wolfsburg phasenweise klar dominiert und einen Zwei-Tore-Rückstand gedreht zu haben? Eher Letzteres, wenn es nach Justvan geht: „Insgesamt sehe ich es trotzdem sehr positiv“, bilanzierte der 28-Jährige, der zudem die Reaktion nach der Pause hervorhob. Direkt nach Abpfiff tat der Punktverlust allerdings auch dem Feingeist noch „extrem weh“. Unterm Strich hat der Club jedoch einmal mehr bewiesen, dass er nur äußerst schwer zu schlagen ist. Inzwischen sind sechs Monate seit der letzten Niederlage ins Land gezogen. Mehr noch: Wer in der Lage ist, ein 0:2 gegen Wolfsburg zu drehen, der scheint bestens gewappnet für die kommenden Aufgaben.