Brescia - Kajak statt Liege, Höhenweg statt Promenade: Am Westufer des Gardasees zeigt sich der See von seiner wilden Seite. Zwischen Bergpanorama, Römergeschichte und Käse-Alm wartet eine Region, die weit mehr kann als Dolce Vita am Strand.

Vier Perspektiven, ein See: Wer das Westufer des Gardasees in der Provinz Brescia einmal abseits der Uferpromenade erlebt hat – ob vom Kajak aus, auf einem Höhenweg, in Brescia oder beim Käse-Verkosten – kommt mit einem ganz anderen Bild nach Hause. Vier Menschen, die diese Gegend gut kennen, nehmen uns mit.

Per Kajak oder Sup um die Isola del Garda paddeln

Für Wasserfans: Die Gegend vom Boot aus erkunden: Stefano Roversi steht vor seiner Paddel-Academy gleich am kleinen Hafen von San Felice del Benaco und weist seine Kunden ein: wie man unfallfrei in das gelbe Doppelkajak einsteigt oder aufs Sup steigt, wie man die Paddel hält.

Und dann geht es los, gemächlich an der grünen Küstenlinie entlang nach Norden, hinüber zur Isola del Garda – der größten Insel des Sees, einem Privatbesitz mit schlossähnlichem Anwesen und einem prächtigen botanischen Garten. Anlanden ist nicht erlaubt, das bleibt angemeldeten Besuchern vorbehalten. Aber die Insel umrunden, von außen auf die Fassaden schauen, das darf jeder, der hier vorbeipaddelt.

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<p>Vom Boot aus bekommt man einen ganz anderen Eindruck von den Orten am Gardasee-Westunfer.</p> © Clara Grau

Der Gardasee hat aus wassersportlicher Sicht mehrere Gesichter: Da sind einmal die berühmten Winde Pelèr und Ora, die Surfer aus halb Europa anlocken. Stefano hat sich aber für die leisere Variante entschieden. „Beim Paddeln hat man Zeit, die Landschaft anzuschauen und Buchten zu entdecken, die man von der Straße aus nie sehen würde.“

Von den Römern bis in die Neuzeit: Brescia ist wie ein Geschichtsbuch aus Stein

Für Kulturbeflissene: Brescia und die Spuren der Römer: Luisa Botticini bleibt vor einer Ausgrabungsstelle stehen und erzählt: In Brescia könne man eigentlich nirgends graben, ohne auf Geschichte zu stoßen. Die Gästeführerin besitzt diese seltene Gabe, von 2000 Jahre alten Mauerresten so zu erzählen, als wäre sie selbst dabei gewesen – mit einer Begeisterung, die vor allem dann aufflammt, wenn die Rede auf die Römer kommt.

Brescia, mit rund 200.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Lombardei nach Mailand, hat ein Image-Problem, das so gar nicht zu ihr passt: Sie gilt als Industriestadt – und genau deshalb ist sie noch nicht von Touristenmassen überrannt.

Luisa führt gern über drei Plätze, die zusammen wie ein Geschichtsbuch aus Stein funktionieren. Da ist zunächst das Forum mit seinen freigelegten Tempel- und Theaterresten, dem Zentrum der antiken Stadt. Dann die Piazza della Loggia mit ihrem eleganten Marmorbau im venezianischen Stil, samt Kuppeldach und einem Uhrturm, auf dem zwei Bronzefiguren jede Stunde die Glocke. Und schließlich die Piazza della Vittoria, deren strenge, klare Architektur unverkennbar aus der Zeit des italienischen Faschismus stammt.

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<p>Die Provinzhauptstadt Brescia ist einen Besuch wert: Unter anderem für die Bauwerke aus römischer Zeit bekam die Stadt den Weltkulturerbe-Titel.</p> © Clara Grau

Das eigentliche Herzstück ist für Luisa aber die Vittoria Alata, eine geflügelte Siegesgöttin aus Bronze, die aus dem ersten Jahrhundert stammt und über anderthalb Jahrtausende unter Schutt und Erde verborgen lag. Bis 1821 ragten an dieser Stelle nur ein paar Säulenstümpfe aus dem Boden – der Legende nach soll sogar jemand sie als Gartentisch genutzt haben, „beweisen kann das aber niemand“, fügt Luisa mit einem Augenzwinkern hinzu.

Erst danach begannen Archäologen mit systematischen Grabungen, und 1826 kam die Statue beinahe unversehrt zum Vorschein. Heute steht die Figur im neuen, sehr modern gestalteten archäologischen Museum, das einen Besuch unbedingt wert ist.

Nicht weniger eindrucksvoll ist das Stadtmuseum im ehemaligen Kloster Santa Giulia, das der langobardische König Desiderius einst gründete. Unter den gut erhaltenen Klostermauern fanden Archäologen römische Villen und Wohnhäuser, sodass man hier auf engem Raum durch mehrere Jahrhunderte wandert. Wegen genau dieser einzigartigen Schichtung – Römer und Langobarden, übereinandergelegt und beide bestens erhalten – zählen das Forum und der Klosterkomplex heute zum UNESCO-Welterbe.

In einer anderen Welt: Die Bassa Via del Garda führt ins wunderschöne Hinterland

Für Wanderfreunde: Hoch über dem See auf der Bassa Via del Garda: Andrea Pagliari führt zu einem Felsen und zeigt eine atemberaubende Landschaft: Tief unten glitzert der See in der Sonne, rundherum breitet sich ein spektakuläres Bergpanorama aus. Die Stille wird nur durch Vogelgezwitscher durchbrochen. „Hier“, sagt der Bergwanderführer vom Outdoor-Veranstalter Millemonti, „sieht man, warum dieser Weg so besonders ist. Man ist nur ein paar hundert Höhenmeter über dem Ufer – und trotzdem in einer komplett anderen Welt.“

Diese andere Welt heißt Bassa Via del Garda, ein rund 70 Kilometer langer Höhenwanderweg, der sich von Salò bis nach Limone sul Garda zieht, aufgeteilt in fünf Etappen. Der Weg verläuft mitten durch den Naturpark Alto Garda Bresciano und führt durch Olivenhaine, Wälder und kleine historische Bergdörfer, immer mit Blick auf den See und, an klaren Tagen, auf den markanten Monte Baldo am gegenüberliegenden Ufer.

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<p>Wanderführer Andrea Pagliari zeigt die Weitwanderstrecke Bassa Via del Garda in der Provinz Brescia. Sie ist hervorragend ausgeschildert und bietet fantastische Ausblicke auf den Gardasee und die Umgebung.</p> © Clara Grau

Andrea ist selbst Ultratrail-Läufer und Triathlet, und auf die Frage, wie schnell man den ganzen Weg schaffen könnte, lacht er nur. „Theoretisch an einem Tag. Aber dann verpasst man alles, wofür man eigentlich gekommen ist.“ Die schönsten Aussichtspunkte, die Schluchten, die kleinen versteckten Wasserfälle, die gemütlichen Cafés mit Terrasse in den Dörfern – all das will man sich Zeit nehmen zu erleben, findet er, am liebsten über mehrere Tage verteilt.

Hunderte Käselaibe reifen auf der Alpe del Garda. Die Sorten kann man vor Ort probieren.

Für Käse-Liebhaber: Monica öffnet die schwere Tür zum Reifelager, als würde sie einen Schatz zeigen – was, genau genommen, gar nicht so übertrieben ist. Vor uns liegen in schier endlosen Regalreihen Hunderte Käselaibe, manche erst wenige Wochen, andere schon Monate alt. „Hier unten ist es immer kühl und konstant“, erklärt die Mitarbeiterin der Genossenschaft Alpe del Garda, während wir mit blauen Plastiküberziehern über den Schuhen durch die Produktionshalle laufen.

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<p>Hunderte Käselaibe reifen in der Genossenschaft Alpe del Garda - man kann alle Sorten probieren und vor Ort kaufen.</p> © Clara Grau

Die Genossenschaft sitzt auf der Hochebene von Tremosine sul Garda. Der Star des Hauses heißt Formagella di Tremosine, ein halbfester, mindestens 40 Tage gereifter Käse mit weicher Konsistenz und feinem, leicht würzigem Geschmack. Erkennbar ist das Original an einem eingeprägten Kreuz auf jedem Laib. „Probieren Sie ruhig mehrere Sorten“, schlägt Monica vor und reicht eine Platte herum. Es gibt die klassische Variante, aber auch aromatisierte Versionen mit Bärlauch, Trüffel, mit Oliven vom Gardasee oder, für alle, die es schärfer mögen, mit Chili und Pfeffer.


Mehr Informationen

www.visitbrescia.it
Anreise: Ab Nürnberg mit der Bahn in 8 Stunden, mit dem Auto rund 650 km und 7 Stunden.

Die Recherche für manche Artikel in dieser Ausgabe wurden von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt.