
Wenn der September anbricht, beginnt in Bayern die wohl hochoffizielle Ausnahmesaison für das gepflegte Beisammensein. Ob auf dem Nürnberger Altstadtfest, der Münchner Wiesn, der Michaelis-Kirchweih in Fürth oder der kleinsten Dorfkerwa: Ein Möbelstück darf unter keinen Umständen fehlen. Es hat feuerrote bis knallorangene Holzplatten, grüne oder schwarze Metallbeine und verwandelt selbst den kahlsten Asphalt blitzschnell in eine Festmeile. Die Bierzeltgarnitur ist bis heute der heimliche Star jedes Volksfestes - und nebenbei eines der erfolgreichsten Serienmöbelstücke der ganzen Welt.
Doch wer in diesen Tagen etwa auf dem Altstadtfest unterwegs ist und genauer hinschaut, bemerkt vor allem eins: Wo sie stehen, strahlen sie im unverkennbaren Knallorange. Aber warum ist das eigentlich so? War die Farbwahl damals reine Geschmacksverirrung der Fünfzigerjahre oder steckt ein ausgefuchster Plan dahinter?
Ein Erfinder aus dem Schwabenland
Laut Berichten des Bayerischen Rundfunks und der Süddeutschen Zeitung verdanken wir das Phänomen einem schwäbischen Tüftler. Der Holzunternehmer Rudolf Kurz aus dem bayerisch-schwäbischen Illertissen meldete im Jahr 1952 das Patent für die Bierzeltgarnitur an. Er erfand das Klappmöbelschloss, welches die Tischplatte stabil mit den Beinen verband und ein platzsparendes Stapeln ermöglicht.
600 Kilo Traglast und ein optischer Trick
Dass die Wahl bei der Lackierung damals auf den auffälligen Orangeton fiel, war keineswegs Zufall. Der Erfinder verfolgte eine ganz bestimmte Absicht: Das auf dem Tisch abgestellte, goldgelbe Bier sollte durch den Farbkontrast der orangefarbenen Platte besonders gut zur Geltung kommen und förmlich leuchten.
Zudem muss eine echte Garnitur im Alltag extrem robust sein. Bei Härtetests muss eine Bank mindestens 600 Kilogramm über 15 Minuten lang problemlos tragen können - wilde Hüpfeinlagen zu Festzelt-Klassikern inklusive.
Kiefer und Natur verdrängen das klassische Orange
Über Jahrzehnte hat sich das Design zwar stetig weiterentwickelt, Untergestelle aus Flachstahl wurden leichter und stabiler, und neben dem traditionellen Grün der Metallbeine hat sich mittlerweile auch Schwarz etabliert. Auch beim Holz zeigt sich ein Wandel: Das schrille Orange wird heutzutage immer häufiger von gedeckteren Tönen wie Kiefer oder Naturholz abgelöst. Wer also auf dem Altstadtfest in Nürnberg sein Festbier genießt, sitzt vielleicht nicht immer auf dem feurigen Klassiker von 1952.