Heidenheim - Streunende Katzen kennen viele von uns aus Urlauben in Italien, Griechenland und Co. Doch auch hier verschärft sich das Problem der Straßenkatzen. Ein Verein aus Mittelfranken kämpft dagegen und fordert eine Verordnung.

In Deutschland leben schätzungsweise 1,59 Millionen unkastriert gehaltenen Katzen. Haben diese Tiere unkontrollierten Freilauf können sie sich fortpflanzen und so zum weiteren Anwachsen der Straßenkatzenpopulation beitragen. Einige Vereine kümmern sich tagtäglich um Straßenkatzen, versorgen kranke und verletzte Tiere und lassen sie kastrieren. Einer von ihnen ist Pussy Kollektiv e.V. mit Sitz im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen. Aufgrund fehlenden Verordnung, die eine Kastration von Katzen zur Pflicht macht, stoßen Vereine dieser Art dabei finanziell, räumlich und personell oft an ihre Grenzen. „Aufnahmestopps gehören zum Alltag, immer mehr Kitten müssen aufgenommen werden, die Straßenkatzenpopulationen wachsen trotz großen Engagements weiter und die finanziellen Mittel fehlen“, schildern die Tierschutzvereine in einem gemeinsamen Brief.

Pussy Kollektiv e.V. klärt auf und will die Gesetzeslage ändern

Aufklären, Retten, Kastrieren: Das sind die drei Hauptziele von Pussy Kollektiv e.V., einem Katzenschutzverein im mittelfränkischen Heidenheim, der sich erst in diesem Sommer offiziell gegründet hat. Der Verein fordert eine gesetzliche Registrierungs- und Kastrationspflicht. Eins der Gründungsmitglieder ist Sabrina Rodehau. Viele kennen sie vielleicht als Betreiberin der Secondhandshops Lacola in Ansbach, Nürnberg und Fürth. Ihre Zeit investiert Rodehau inzwischen allerdings seltener in Vintage-Kleidung und dafür in Vollzeit in den Kampf gegen Tierleid und für eine gesetzliche Verordnung zum Schutz von Katzen.

„Zwei Katzen werden in fünf Jahren schnell zu 200 oder sogar noch mehr, sagt Sabrina Rodehau im Gespräch mit unserer Redaktion. Ihr Verein Pussy Kollektiv hat das Ziel Fundkatzen von der Straße zu holen, zu registrieren, zu kastrieren und schließlich zu vermitteln, entweder in Pflegestellen oder ein endgültiges Zuhause. Momentan wartet sie noch auf eine Vermittlungserlaubnis seitens des Veterinäramts.

Katze Milly machte auf das Problem aufmerksam - dank ihr gründete sich Pussy Kollektiv e.V.

Rodehau selbst kam durch das sogenannte „Katzenverteilungssystem“ (die scherzhafte Beschreibung für die Tatsache, dass sich Katzen ihre Menschen oft selbst aussuchen und dann einfach dort wohnen) zu ihrer Katze Milly - und in Berührung mit den Folgen von unkastrierten Freigängern. Kurz nachdem Rodehau und ihr Partner in ihr altes Bauernhaus zogen, saß Millie plötzlich vor dem Fenster und war fortan einfach da. Gechippt und registriert war sie nicht und auch in der Nachbarschaft vermisste niemand die Katzendame. Als diese sich irgendwann „komisch“ verhielt, lockten die beiden sie in eine Transportbox und brachten sie zum Tierarzt. Der Grund für das seltsame Verhalten war schnell gefunden: Millie war trächtig. 12 Wochen nach der Geburt von zwei Kitten war geplant die Streunerkatze kastrieren zu lassen. Der Plan scheiterte daran, dass sie erneut trächtig war. Dieses Mal kamen sechs Kitten zur Welt. „Das potenziert sich so hoch, es ist echt brutal“, so die Katzenschützerin.

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<p>Katze Milly am Fenster.</p> © Sabrina Rodehau

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<p>Kitten sind niedlich - wenn sie jedoch auf der Welt sind und niemand sie haben möchte, kann ihre Existenz schnell zur Qual werden.</p> © Sabine Ott

Schließlich stellte sich heraus, dass Milly doch zu einem Hof in der Gegend gehörte. Dort halte man allerdings nicht viel von Kastration, denn „die Natur würde das schon regeln“, erinnert sich Rodehau an das Gespräch. Durchsetzen konnte sich Rodehau glücklicherweise trotzdem und inzwischen kann Milly ihr Leben als „Rumzug“ genießen, ohne, dass dabei neue Kätzchen entstehen können.

Milly ist bei Weitem kein Einzelschicksal. Innerhalb eines Jahres zählte Pussy Kollektiv e.V. 53 Straßenkatzen allein im Kreis Heidenheim, davon rund 20 Kitten. Auf Franken oder gar ganz Deutschland hochgerechnet, sind das immens viele Tiere, Offizielle Zahlen gibt es aufgrund der fehlenden Registrierungspflicht nicht, es ist jedoch anzunehmen, dass eine hohe Dunkelziffer gibt. Etwa 90 Euro decken die Kosten einer Kastration eines Katers, für die Sterilisation einer Katze sind es rund 150 Euro. Das bedeutet eine große finanzielle Belastung für die Ehrenamtlichen, die dank der Vereinsgründung zum Teil nun auch über Spendengelder finanziert werden können. 50 Meschen sind inzwischen Mitglied bei Pussy Kollektiv.

Gemeinden entziehen sich oft der Verantwortung - eine Katzenschutzverordnung könnte Abhilfe schaffen

Eigentlich müsste die Gemeinde die Kosten für Unterbringung und tierärztlicher Erstversorgung tragen, denn gemäß den Vorschriften des BGB und der damit einhergehenden Verwaltungsgerichtsrechtsprechung, sind zunächst alle Haustiere, die innerhalb eines Gemeindegebietes aufgefunden werden, als sogenannte „Anscheinsfundsache“ zu behandeln. Konkret heißt das, dass die Kosten für Unterbringung und tierärztliche Erstversorgung einer Hauskatze von der jeweiligen Gemeinde übernommen werden müssen. Alternativ kann die Gemeinde eine Pauschale an das örtliche Tierheim entrichten. Das Fundrecht wird allerdings von vielen Verwaltungen falsch angewendet und Tierschützer und Tierschützerinnen wissen oft gar nicht, wie die Rechtslage im Bereich Fundtiere ist.

Am 12. November hat Pussy Kollektiv deshalb einen Termin mit dem Landratsamt, bei welchem das Thema Katzenschutzverordnung auf den Tisch soll. Das wäre auch eine Ersparnis für die Gemeinde: „Bislang haben wir nie eine Rechnung an die Gemeinde gestellt“, so Rodehau, „im Gegenzug wünschen wir uns aber eine Verordnung“. Diese würde Kosten für Verein und Gemeinde sparen, denn für registrierte Katzen müssen die Halter aufkommen. Je mehr Katzen kastriert sind, desto weniger streunende Katzen gibt es, der Kosten verursachen könnte. Begrüßenswert wäre laut Pussy Kollektiv e.V. eine bundesweite Regelung.

Katzenschutzverordnung: Brandbrief an die Bundesregierung und Forderung einer bundesweiten Regelung

In mehr als 3300 Gemeinden und Städten in Deutschland gilt bereits eine Katzenschutz- oder Kastrationsverordnung, so der Deutsche Tierschutzbund. Den größten Anteil daran stellt Schleswig-Holstein mit seiner flächendeckend im gesamten Bundesland geltenden Katzenschutzverordnung. Das heißt: Katzen mit unkontrolliertem Freigang müssen kastriert werden. In der Regel wird die Kastrationspflicht gemeinsam mit einer Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht erlassen – in diesem Fall müssen die Katzen auch gekennzeichnet und in einem Haustierregister wie Findefix oder Tasso registriert werden. Vereinzelt gilt auch nur eine Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht.

In einem Brandbrief an die Bundesregierung forderte der Deutsche Tierschutzbund zuletzt zusammen mit allen Landestierschutzverbänden und 775 Mitgliedsvereinen eine bundesweite Kastrationspflicht für Katzen mit unkontrolliertem Freilauf. Den Brandbrief übergaben die Tierschützer im Anfang September an die Bundestierschutzbeauftragte und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, Silvia Breher.

„Eine bundesweite Kastrationspflicht ist das Fundament für wirksamen Katzenschutz in Deutschland“, sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. „Ohne politisches Eingreifen nimmt das Leid der Katzen und die Verzweiflung der Vereine weiter zu. Wir erwarten von der Bundesregierung Verantwortung, entschlossenes Handeln für den Tierschutz und konsequente Prävention.“

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