Nürnberg - Müll und Lärm, zugeparkte Straßen und kein Platz vor der eigenen Haustür: In den Wohngebieten rund um den Nürnberger Flughafen ist die Geduld der Anwohner am Ende. Eine Bürgerinitiative kämpft – doch die Stadt bremst.

Ratternde Reisekoffer, zugeschmetterte Autotüren und Männer, die in Vorgärten pinkeln. Dazu immer weniger Parkplätze für die Anwohnerinnen und Anwohner. Stattdessen Kennzeichen aus Würzburg, Lauf und Leipzig. Von Buch über Almoshof bis nach Ziegelstein: In den Wohngebieten rund um den Flughafen steigt der Frust und auch das Unverständnis über die seit Jahren zunehmenden Urlaubsparker.

Als Reaktion darauf hat sich die Initiative „Stopp-Flughafenparker Nürnberg-Nord“ gegründet und zu Jahresbeginn eine Petition gestartet. Die Initiatoren wollen die Urlaubsparker aus den Wohngebieten rund um den Flughafen fernhalten. „Anwohner finden kaum noch Parkplätze in ihrer eigenen Straße. Müll, Lärm und nächtliche An- und Abfahrten belasten das Wohnumfeld“, heißt es von den Initiatoren, die bereits über 1700 Unterschriften (Stand: Montag, 7. September) für ihre Petition gesammelt haben.

Anwohner fühlen sich im Stich gelassen

Dass die Frustration groß ist, zeigen auch die Kommentare auf der Petitionsseite, auf der Hunderte Unterstützerinnen und Unterstützer ihre Erfahrungen schildern. „Als Anwohner fühle ich mich persönlich im Stich gelassen und nicht ernst genommen von der Stadt“, schreibt ein Kommentator. Ein anderer beschreibt, was viele Anwohnende kennen: „Flughafenparker stören bei der An- und Abreise vor allem nachts durch Lärm der Kofferrollen, durch das x-fache Zuschlagen der Autotüren und rücksichtsloses Verhalten wie Wildpinkeln und Müllentsorgung in die Vorgärten.“ Besonders stört viele, dass die Wohngebiete für Wochen zugeparkt bleiben. „Was mehr stört, ist, dass diese Autos wochenlang da bleiben“, bringt es ein weiterer Kommentator auf den Punkt. Der Tenor ist eindeutig: Wer sich einen Flug leiste, solle auch für einen Parkplatz am Flughafen zahlen.

Nach Angaben der Initiative hat sich die Situation zuletzt weiter verschärft. Inzwischen gebe es von März bis Oktober regelmäßig Schwierigkeiten, freie Parkplätze zu finden. Als einen Grund nennen die Organisatoren der Initiative das Wachstum des Flugverkehrs am Airport Nürnberg.

Das Memminger Modell: Parkscheibe statt Chaos

Die Bürgerinitiative fordert ein Modell wie in Memmingen. Konkret geht es um eine großflächige Haltverbotszone in den betroffenen Wohngebieten mit Parkscheibenpflicht. Mit Parkscheibe dürfe demnach bis zu zehn Stunden geparkt werden, genug Zeit für Lieferverkehr, Handwerker, Pflegedienste und Besucherinnen. Mehrtägiges oder wochenlanges Parken wäre damit nicht mehr möglich. Die Begrenzung soll dabei nicht für die Anwohnenden gelten. Sie sollen eine Ausnahmegenehmigung beantragen können, die sie von der Parkscheibenpflicht befreit – unabhängig davon, ob sie eine eigene Garage oder Einfahrt besitzen. Diese Befreiung soll laut Bürgerinitiative etwa 30 Euro pro Jahr kosten und lediglich den Verwaltungsaufwand decken.

Auswärtige Kennzeichen in der Überzahl

Mitglieder der Initiative führen mittlerweile regelmäßig Verkehrszählungen in betroffenen Straßen durch. Dabei zählen sie Fahrzeuge mit Nürnberger und mit auswärtigen Kennzeichen. Nach Angaben der Initiative erfassen ihre Helferinnen und Helfer bei den wöchentlichen Zählungen je nach Umfang zwischen 700 und 1000 abgestellte Fahrzeuge. Seit Anfang Mai werden die Ergebnisse online dokumentiert. Seitdem hat es nur eine Zählung gegeben, bei der der Anteil der Pkw mit einem auswärtigen Kennzeichen knapp unter 50 Prozent lag. In allen anderen Wochen sind die fremden Autos in der Überzahl. Ende Juli stieg der Wert auf über 60 Prozent, am 1. August stieg er auf 68,1 Prozent. Viele auswärtige Autos blieben nach Beobachtung der Anwohnerinnen und Anwohner gleich sieben, zehn, 14 oder 21 Tage am selben Platz stehen. Doch warum parken so viele Urlauber überhaupt in den Wohngebieten und nicht am Flughafen?

Am mangelnden Platz liegt es auf jeden Fall nicht. Rund 10.400 Parkplätze gibt es am Albrecht-Dürer-Airport. Ein Sprecher bestätigt auf Nachfrage unserer Redaktion, dass der Flughafen auch in nachfragestarken Wochen ausreichend Kapazitäten habe. Während es also keine Frage des Platzes ist, ist es sehr wohl aber eine Frage des Geldes. Wer mehrere Tage oder gar Wochen direkt am Flughafen parken möchte, ist schnell im dreistelligen Bereich. Wer beispielsweise vom 1. Oktober bis 8. Oktober am Flughafen parken möchte, zahlt bei einer Onlinebuchung derzeit zwischen 142 Euro und 205 Euro. Zu Parkvorgängen und möglichen Entwicklungen in angrenzenden Wohngebieten konnte der Flughafensprecher keine belastbaren Aussagen treffen, diese seien außerhalb des eigenen Einflussbereiches.

Politik unter Druck: Stadtrat soll liefern – nicht nur prüfen

Das Thema fällt in den Einflussbereich des Nürnberger Stadtrats. Eine Überprüfung haben die Nürnberger CSU und SPD in ihrem Kooperationsvertrag Ende April festgehalten. Dort versprachen die Parteien, Maßnahmen zur Begrenzung des längerfristigen Parkens von Fluggästen in Wohngebieten nach dem Vorbild des Memminger Modells zu überprüfen.

Die Bürgerinitiative zeigt sich von der Formulierung im Kooperationsvertrag wenig begeistert. In einem Appell an den Verkehrsausschuss vom 1. September kritisiert sie, dass sowohl in den Anträgen von CSU und SPD als auch im Kooperationsvertrag lediglich von „prüfen“ die Rede sei. Die Geschichte der vergangenen 15 Jahre zeige ein klares Muster: Reine Prüfaufträge hätten in Nürnberg ausnahmslos zu jahrelangen Verzögerungen geführt – während der Parkdruck in den Wohngebieten weiter gestiegen sei.

Ebenfalls wenig begeistert zeigte sich die Initiative über ein Interview in der BR-Sendung Frankenschau aktuell am 31. August. Dort erteilte Frank Jülich, Leiter des Verkehrsplanungsamts der Stadt, dem Memminger Modell eine Absage. „Der Stadtrat hat uns beauftragt, eine Lösung zu finden und wir überlegen uns schon etwas, aber es wird sicherlich nicht in Richtung Memminger Modell gehen“, sagte der Verkehrsplaner. Erst Mitte August habe man wieder eine Erhebung vor Ort gemacht und die Daten zeigten eine Auslastung von 70 bis 80 Prozent. „20 Prozent sind freie Parkplätze in diesem Gebiet.“ Als mögliche Lösung brachte Jülich stattdessen den Airport ins Spiel, ohne dabei konkret zu werden. „Wir sind im Gespräch mit dem Flughafen, um möglicherweise eine gute Lösung zu finden.“ Jülich betonte aber auch: „Am Ende entscheidet der Stadtrat.“