
Knapp sechs Monate ist es her, dass Julian Justvan das Nürnberger Gastspiel im Holstein-Stadion für seine Farben entschied. Mit 3:2 setzte sich der latent abstiegsbedrohte Club im hohen Norden durch. Justvan hatte die Franken mit seinem Doppelpack früh auf Kurs gebracht. Spätestens nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich drohte der FCN von diesem abzukommen, ehe Mohamed Zoma die Partie zugunsten der Klose-Elf entschied.
Fast ein halbes Jahr später sind die Vorzeichen andere - zumindest beim Club, der bekanntlich vom Spitzenplatz grüßt. Die Kieler allerdings gingen damals wie auch heute als Tabellenvorletzter ins Duell der beiden Altmeister. Allerdings greift die naheliegende Folgerung, dass es sich damit um eines der Kellerkinder in Liga zwei handeln muss, zu kurz. Schließlich setzte Holstein im Anschluss an die Partie noch zu einem beachtlichen Schlussspurt an, an dessen Ende immerhin Rang zwölf stand.
Kiel legt Stotterstart hin
Auch die zurzeit junge Tabelle ist kein Abbild der KSV-Leistungen. Zum Auftakt verspielte man in Darmstadt unglücklich einen Zwei-Tore-Vorsprung. Gegen Absteiger St. Pauli sprang erneut nur ein Zähler heraus, ehe Kiel ein bitteres, weil vermeidbares 0:2 in Magdeburg hinnehmen musste. Trainer Tim Walter, der Mitte Februar zurückkehrte und sich mit seinen Störchen beträchtlicher Abstiegssorgen entledigte, konnte dem Gezeigten dennoch etwas abgewinnen: „Wir brauchen noch etwas mehr Konsequenz in beiden Strafräumen. Im Großen und Ganzen bin ich aber mit den Auftritten der Jungs zufrieden.“
In allen drei Ligapartien setzte es bislang zwei Gegentore. „Wir haben in der Defensive kein strukturelles Problem“, versichert Walter trotzdem und betont: „Es waren einzelne Fehler, aber kein Problem im Verteidigungsverhalten.“ Beides jedoch schließt sich nicht zwangsläufig aus. Schon auf seinen vorherigen Stationen wurden Walters Mannschaften häufig von Problemen in der Konterabsicherung eingeholt. Diese sind ein Stück weit auch im Spielstil des Coaches eingepreist, der mit den hohen Positionierungen seiner gesamten Elf - inklusive der Abwehrleute - ein gewisses Risiko einkalkuliert. Die charakteristische Herangehensweise minimiert die Fehlertoleranz allerdings. Auch zuletzt in Magdeburg wurde die KSV in einer defensiven Umschaltbewegung kalt erwischt und geriet in Rückstand.
Variabilität pur: Das Mittel gegen den FCN?
Im Spiel mit Ball aber treten die Stärken der Herangehensweise zum Vorschein. Walters Elf verzeichnet mit 59 Prozent erneut den höchsten Ballbesitzwert der Liga. Zudem greift das Gegenpressing der Kieler bestens - kein anderer Verein erlaubt dem Gegner weniger Pässe pro Ballbesitzphase, ehe man das Rund wieder selbst erobert. Die Balldominanz der Nordlichter kann den Kontrahenten folglich vor handfeste Probleme stellen und zu eigener Passivität beitragen. Zumal häufige Positionsrochaden klar der Handschrift Walters zuzuordnen sind. Besonders gegen mannorientiert verteidigende Mannschaften, zu denen inzwischen auch der FCN zählt, hat sich dieses Rezept bewährt. Ob Club-Trainer Miroslav Klose an seinem bewährten Defensivansatz festhält, wird daher spannend zu beobachten sein.
Trotz diverser Stärken und interessanter Abläufe ist Kiel freilich keine Übermannschaft, wie die jüngsten Ergebnisse unterstreichen. Der FCN jedenfalls hat allen Grund, mit breiter Brust in Richtung Förde zu reisen. „Der, der weniger Fehler macht, wird voraussichtlich gewinnen“, prophezeite Walter im Vorfeld der Begegnung - gemessen an den vergangenen Partien ein gutes Omen für den Club.