
Zehn Punkte in vier Spielen, 13 Tore und der Einzug in die zweite Runde des DFB-Pokals: Der 1. FC Nürnberg sorgt mit seinem Start für Freude beim Anhang und steigert nebenbei die Erwartungen. Vom Aufstieg möchte man so früh in der Saison - zumindest öffentlich - noch nicht reden. Und doch muss die Frage erlaubt sein: Was gibt dieser Kader her? Nach zwei großen Umbrüchen in den vorherigen Transferfenstern hat der Club es diesmal geschafft, einen großen Teil des Stammpersonals zu halten. „In der Vergangenheit musste ich immer verkaufen. Jetzt bin ich ganz froh, mal nein sagen zu können“, hat Sportvorstand Joti Chatzialexiou jüngst bei Sky erklärt.
Neu zusammengewürfelte Viererkette
Abgänge hat es dennoch gegeben. Die Innenverteidigung ist nach dem Total-Ausverkauf der Viererkette die wohl größte Unbekannte im Konstrukt. Im Abwehrzentrum verrichten Fynn Otto und Alexios Kalogeropoulos bisher souverän ihren Dienst, leichte Abstimmungsprobleme und Unsicherheiten sind in die Entwicklung einkalkuliert. Dahinter will auch Eigengewächs Kristian Mandic beweisen, dass auf ihn Verlass ist. Das gelang bei seinem Zweitligadebüt am Samstagabend erstaunlich gut. Ob der von Stades Rennes ausgeliehene Mikayil Faye eine Verstärkung sein kann, muss sich noch zeigen.
Für die Außenpositionen sind mit Giannis Masouras und Andrea Ceresoli zwei Profis aus dem Ausland gekommen, müssen sich aber aktuell hinter den Youngstern Eric Porstner und Tim Janisch anstellen. Letztere agieren zwar nicht immer sattelfest, angesichts ihres jungen Alters schlummert in beiden aber wohl noch reichlich Entwicklungspotenzial. Im Tor hat Jan Reichert seine Klasse über die letzten Jahre bewiesen. Er ist die unangefochtene Nummer eins und Kapitän der Mannschaft. Daneben stehen mit Robin Lisewski und Routinier Christian Mathenia fähige Alternativen bereit.
Mittelfeld als Prunkstück
Das Mittelfeld des „Ruhmreichen“ scheint die große Stärke - auch ohne einen klassischen, körperlichen Abräumer. Den Job vor der Abwehr teilen sich Adam Markhiev und Javier Fernández als Taktgeber und Freigeist. Davor orchestriert Finn Becker die Angriffe im Stile des klassischen Zehners. Sollte einer der drei ausfallen, droht dem Club ein Qualitätsverlust, den jeder Zweitligist nur schwer auffangen könnte. Immerhin steht mit Rafael Lubach ein valides Backup im Kader. Dahinter lauern mit Marc Kornwachs Barjuan und Marko Soldic zwei hochveranlagte wie blutjunge Kicker auf ihre Chance.
Offensivabteilung: Zoma-Verbleib ein „Signal“
Auch die Abteilung Attacke sticht heraus. Immerhin stellt der FCN mit elf Saisontoren den derzeit gefährlichsten Offensivapparat in Liga zwei. Auch in der Breite verfügt Miroslav Klose über einige interessante Optionen - insbesondere nach der Ankunft des flexiblen William Bøving. Dieser muss sich jedoch vorerst hinter dem famos gestarteten Dreizack einreihen: Von rechts zieht Kreativkopf Julian Justvan, der im eigenen Ballbesitz meist in der Halbspur weilt, die Fäden. Im Sturmzentrum scheint Blondschopf Piet Scobel mindestens einen Schritt weiter als noch in der Vorsaison. „Zu Beginn des Transferfensters ist die Stürmerthematik aufgeploppt, aber wir haben unser Vertrauen in Piet Scobel gesetzt und er zahlt es uns jetzt zurück“, gibt sich Chatzialexiou auf der vereinseigenen Website zufrieden.
Scobels Marke von bereits drei Pflichtspieltreffern toppt teamintern nur einer: Mohamed Zoma. Halb Europa hatte es auf den pfeilschnellen wie abschlussstarken Italiener abgesehen, der Club blieb dennoch - anders als in den Vorjahren - standhaft in der Personalie. Dass der 22-Jährige gerne in höhere Gefilde aufgebrochen wäre, ist kein Geheimnis. Seinen Verbleib bezeichnet Chatzialexiou zurecht als „Signal an die Mannschaft und das Umfeld“. Will heißen: Mit Zoma an Bord hat der FCN merklich bessere Karten, seine sportlichen Ziele zu erreichen.
Abzüge in der B-Note?
Wie hoch diese gesteckt sind, damit rücken die Verantwortlichen nur zögerlich heraus. Hinter - mal mehr, mal weniger - vorgehaltener Hand rechnet man sich durchaus Chancen aus, bis zuletzt um die Bundesliga-Rückkehr mitzumischen. Der Bilderbuchstart inklusive Platz an der Sonne tut diesem Vorhaben selbstredend keinen Abbruch.
Vereinzelte Fragezeichen personeller Natur bestehen dennoch fort. Ob die mitunter wackelig gestartete Außenverteidigung um Porstner und Janisch schon konstant das erforderliche Niveau abrufen kann, wird sich zeigen. Zudem ist bestens verbrieft, dass der Altmeister noch einen defensivstarken Sechser hinzuholen wollte. Sowohl beim Ungarn Rajmund Toth als auch bei Felipe Obradovich aus Argentinien sind die Bemühungen letztlich ins Leere gelaufen. Dennoch bilanziert Chatzialexiou: „Übergeordnet kann man sagen, dass wir unsere Transferziele nahezu zu 100 Prozent erreicht haben. Wir haben aus der wirtschaftlichen, personellen und sportlichen Sicht nahezu eine Punktlandung erzielt.“
Ob nun Punktlandung oder nicht - das Fazit der zurückliegenden Transferperiode kann nur positiv ausfallen. Anders als im Vorjahr hat das Grundgerüst diesmal bereits frühzeitig gestanden. Zudem kann sich der Kader quantitativ wie qualitativ sehen lassen. Im Zweitliga-Vergleich jedenfalls scheint einzig der VfL Wolfsburg eindeutig besser aufgestellt als die Klose-Elf. Daraus ergibt sich freilich noch keine Aufstiegsgarantie, sehr wohl aber eine reelle Chance - trotz der ein oder anderen Baustelle. „Das Bessere ist der Feind des Guten“, hat schon Voltaire gewusst. Und gut genug scheint der Club allemal.