Kals - Ein Streit am Großglockner sorgt für Aufsehen: Nach einer verbalen und handgreiflichen Eskalation legte ein Bergführer seine Lizenz nieder. DAV-Experte Thomas Wanner ordnet den Vorfall und das Verhalten am Berg ein.

Ein Vorfall am Großglockner beschäftigt derzeit die Bergsport-Szene und die Justiz. Nach Veröffentlichung eines Social-Media-Videos ermittelte die Polizei Matrei in Osttirol wegen des Verdachts der Gefährdung der körperlichen Sicherheit gegen einen Bergführer.

Das Video zeigt, wie der Bergführer mit seiner Seilschaft an einer ausgesetzten Stelle an einem polnischen Bergsteiger-Paar vorbeiziehen wollte. Ein verbaler Streit entbrannte, bei dem Beschimpfungen wie „Ich bin Bergführer, halt‘s Maul!“ fielen. Nachdem der filmende Bergsteiger den Mittelfinger zeigte, ging der Bergführer zurück und rüttelte den Mann am Arm. Einer Entscheidung des Disziplinarausschusses des steirischen Bergsportführerverbandes kam der Mann schließlich zuvor, wie die Oberösterreichischen Nachrichten berichten: Er legte seine Lizenz freiwillig zurück und darf künftig nicht mehr als Berg- und Skiführer arbeiten.

DAV-Experte Thomas Wanner im Interview

Thomas Wanner vom Deutschen Alpenverein (DAV) nimmt Stellung zu dem Vorfall, der derzeit für hohe Wellen sorgt.

Der Vorfall am Großglockner sorgt aktuell für viel Aufsehen. Wie erleben Sie die Reaktionen darauf?

Thomas Wanner: Der Vorfall am Großglockner erhält aktuell sehr viel Aufmerksamkeit und ist äußerst unangenehm für den gesamten Berufsstand. In meiner Anfangszeit als hauptberuflicher Bergführer habe ich viele Tage im Glocknergebiet verbracht.

Wie ist die Situation am Großglockner-Normalweg generell? Ist dort viel los?

Wanner: Der Normalweg auf den Glockner ist sehr frequentiert. An starken Tagen sprechen wir da von 50 geführten Gruppen pro Tag. Dazu kommen noch private Bergsteiger mit zum Teil schlechter Ausrüstung bzw. mangelnder Seiltechnik. Überholmanöver sind am Großglockner unumgänglich, alleine schon deshalb, weil alle Seilschaften denselben Weg rauf und runter nehmen.

Worauf kommt es bei solchen Manövern an – und was lief im Video schief?

Wanner: Wichtig ist für alle Beteiligte, dass man sich abspricht und für alle klar ist, wenn so ein Überholmanöver gemacht wird. Im Video ist dies nicht der Fall. Der Bergführer springt einfach vorbei – ohne Rücksicht auf die anderen Bergsteiger.

Die Sicherungstechnik im Video wirkt riskant. War das Vorgehen des Bergführers tatsächlich regelkonform?

Wanner: Die im Video angewandte Sicherungstechnik widerspricht allen Regeln. Beim Abstieg geht der Gast vor, der Bergführer ist hinten und kann einen Rutscher im Falle durch das Seil stabilisieren. Im Video ist dies nicht der Fall – der Bergführer springt voran.

Wie beurteilen Sie die Situation insgesamt? Liegt rücksichtsloses oder gefährliches Verhalten vor?

Wanner: Rücksichtsloses Verhalten liegt mit Sicherheit vor. Das ist indiskutabel. Als besonders gefährlich würde ich es aber nicht einstufen. Der versicherte Abstieg von der Adlersruhe beinhaltet ausgesetzte Stellen, die gefährlich sind und die man auch mit dem Klettersteigset begehen kann (wie die Dame im Video). In der Regel reicht eine einfache Sicherung mittels kurzem Seil aber aus, da es sich meist um kurze Stürze oder Blöcke handelt. Für eine unangenehme Verletzung würde die Stelle im Video sicherlich ausreichen. Ein wirklicher Absturz ist aber nur schwer denkbar. Das erklärt auch die saloppe Sicherungstechnik des Bergführers.

Wie bewerten Sie das emotionale Verhalten des Bergführers?

Wanner: Die verbalen und handgreiflichen Anfeindungen des Bergführers brauche ich nicht weiter erörtern. Das hat am Berg nichts verloren und schon gar nicht von einer Führungsperson, die ein Vorbild sein sollte.

Kommt es am Großglockner häufiger zu solchen Konflikten?

Wanner: Es kommt regelmäßig zu Überholmanövern, die in der Regel aber gut und professionell abgehandelt werden. Auch kommt es am Grat zwischen Eisleitl und Gipfel gelegentlich zu Meinungsverschiedenheiten, wenn Seilschaften mit viel zu langem Seil sämtliche Sicherungsstangen blockieren. Da werden die Töne schon mal etwas rauher. Zu direkten Anfeindungen kommt es aber normal nicht, zumindest habe ich es nie erlebt oder von Dritten erfahren.

Wie sollte man sich als Außenstehender verhalten, wenn man derartige Vorfälle bemerkt?

Wanner: Ich denke nicht, dass es eine Empfehlung für den Umgang mit wildgewordenen Bergführern braucht. In Österreich gibt es 1500 Bergführer. Da ist natürlich der ein oder andere Spezialkandidat dabei. Der Bergführerstand in Summe hat aber einen sehr guten Ruf und ausgezeichnete Führer.