
Den Begriff „Denial-of-Service“-Angriff, abgekürzt DoS, haben vermutlich die meisten Menschen schon einmal gehört: Dabei handelt es sich um eine Methode aus der Welt der Cyberkriminalität, bei der ein Server mit so vielen sinnlosen Anfragen bombardiert wird, bis er einfach aufgibt und nicht mehr reagiert. Dass das nicht nur bei Servern, sondern auch bei Menschen funktioniert, haben auch Trolle schnell erkannt. Die Methode hat sogar einen eigenen Namen: „Sealioning“, abgeleitet vom englischen Wort für Seelöwe.
Der zunächst ziemlich skurril wirkende Begriff stammt aus einem Comic, den der amerikanische Zeichner David Malki am 19. September 2014 auf seiner Seite Wondermark veröffentlicht hat. Der Comic trägt den Titel „The Terrible Sea Lion“. Darin erklärt eine Frau beiläufig, sie könne gut auf Seelöwen verzichten, woraufhin ein Seelöwe auftaucht und sie gleichermaßen höflich wie gnadenlos bittet, diese Ablehnung mit Fakten zu belegen. Dabei folgt er ihr durch die Stadt, ins Haus und sogar ins Schlafzimmer und gibt einfach keine Ruhe.
„Die treffendste Beschreibung von Twitter, die es je geben wird“, schrieb The Independent über den Comic, während sich das Wort „sealioning“ innerhalb weniger Wochen als Synonym für besonders perfides Trollen im Netz verbreitete.
Freundliche, harmlose Maskerade
Was Sealioning von gewöhnlichem Trolling unterscheidet, ist die freundliche, harmlose Maskerade. Der Sealioner greift nicht an oder beleidigt, sondern er fragt immer wieder nach und fordert Belege, Erklärungen oder Quellen - teilweise auch für Dinge, die bereits erklärt wurden oder auch einfach selbstverständlich sind. Das Ziel ist dabei kein Erkenntnisgewinn, sondern schlicht die Erschöpfung des Gegenübers - und wenn der befragte Mensch die Unterhaltung schließlich irgendwann genervt beendet oder gar laut wird, hat er „die Debatte verweigert“ oder ist „nicht in der Lage, seine Behauptungen zu belegen“. Der Sealioner hat auf diese Weise gleich zwei Ziele erreicht: Er hat nicht nur vermeintlich die Diskussion gewonnen, sondern ist auch in der perfekten Position, um sich als Opfer zu inszenieren. Schließlich hat er ja nur Fragen gestellt.
Besonders perfide ist die Methode, weil sie für Außenstehende nur schwer als das erkennbar ist, was sie ist: Wer ein solches Frage-Antwort-Spielchen von außen sieht, beispielsweise bei einer Podiumsdiskussion oder bei einer Diskussion im Internet, sieht eine Person, die vermeintlich interessiert ist und Fragen stellt, während eine andere Person dicht macht oder wütend wird. In den Köpfen der Beobachtenden findet also quasi automatisch eine Art Täter-Opfer-Umkehr statt. Doch nicht nur deswegen ist Sealioning eine besonders gefährliche Form des Trollings.
Amy Johnson vom Berkman Klein Center der Harvard University beschreibt in ihrem Essay „The Multiple Harms of Sea Lions“, wie die Methode gleich auf zwei verschiedenen Ebenen ihre schädliche Wirkung entfaltet: Sealioning verbraucht nicht nur die Zeit, Aufmerksamkeit und kommunikative Energie des Opfers, sondern stellt es gleichzeitig als unvernünftig oder unwillig dar. Über einen längeren Zeitraum führen beide Effekte dazu, dass jemand, der oft genug gesealioned wurde, sich irgendwann einfach nicht mehr öffentlich äußert - was nicht an fehlenden Argumenten liegt, sondern daran, dass der Aufwand schlicht zu groß wird.
Besonders Wissenschaftler und Experten wie Klimaforscher, Mediziner oder Epidemiologen kennen das Muster: Eine sachliche Aussage hat eine Flut höflicher Nachfragen nach Quellen, Methoden oder Finanzierungen zur Folge - oder sie werden mit vermeintlichen Gegenstudien konfrontiert, die der Troll irgendwo im Internet aufgetrieben hat. Wird eine Frage beantwortet, folgt die nächste. Und so weiter, und so weiter, und so weiter.
Was kann man dagegen tun?
Wer Sealioning erkennt, hat bereits den wichtigsten Schritt getan. Danach kann helfen:
- Das Muster benennen: Wer das Verhalten klar als das bezeichnet, was es ist, entzieht ihm direkt einen Teil seiner Wirkung. „Das ist Sealioning“ ist in dem Kontext eine vollständige Antwort.
- Einmal antworten, nicht öfter: Eine sachliche Reaktion ist legitim. Wer danach weiter auf jede neue Frage eingeht, spielt das Spiel mit. Der Seelöwe gewinnt durch Ausdauer, nicht durch Argumente.
- Keine unnötigen Rechtfertigungen: Wer beispielsweise auf wissenschaftlichem Konsens besteht, muss sich dafür nicht rechtfertigen oder Belege liefern, die ohnehin nicht akzeptiert werden würden, sondern direkt als Anlass für die nächste Frage herhalten müssten.
Abbrechen ohne schlechtes Gewissen: Eine Diskussion zu beenden, ist kein Eingeständnis von Schuld oder Versagen, sondern Selbstschutz. Der Seelöwe wird das natürlich trotzdem als Sieg verbuchen, aber das wird er ohnehin immer tun, auch nach einer mehrstündigen Diskussion.