
Der Wind streicht kühl über den Grat, während die Abendsonne die Königsspitze in warmes Gold taucht. Fast 2.900 Meter über dem Meer klammert sich das „Rifugio Quinto Alpini“ wie ein Adlernest an einen Felsvorsprung über dem Val Zebrù. Drinnen knistert der Holzofen, aus der Küche duftet es nach Pilzrisotto und Polenta mit Ragout.
Doch zwischen den liebevoll dekorierten Holzwänden, den geblümten Bettdecken und der herzlichen Atmosphäre ist die Vergangenheit stets präsent. Schwarz-Weiß-Fotografien, alte Dokumente und eine schlichte Gedenkschale mit Stacheldraht erinnern daran, dass dieser Ort einst ein Militärstützpunkt war. Im Ersten Weltkrieg kämpften und starben hier oben Soldaten – nicht nur durch Kugeln, sondern oft auch durch Lawinen, Kälte und Erschöpfung.
„Viele vergessen, wie hart das Leben hier damals war“, sagt Hüttenwirtin Elena Bariselli und legt ein Schwarz-Weiß-Foto auf den Tisch. Zu sehen sind Männer in schweren Wollmänteln, knietief im Schnee. „Heute kommen die Menschen wegen der Schönheit der Berge. Damals bedeuteten dieselben Berge Entbehrung.“
Rifugio Quinto Alpini: Karger Alltag auf 2.877 Metern Höhe
Gemeinsam mit ihrem Mann Michele führt sie die Hütte mit spürbarer Leidenschaft. Michele träumte schon als Jugendlicher davon, Hüttenwirt zu werden und übernahm das Rifugio mit gerade einmal 18 Jahren. Elena, eigentlich Designerin, bringt ihre Liebe zum Detail in jedes Zimmer ein. Drei Monate im Jahr tauschen die beiden ihr Leben im Tal gegen den kargen Alltag auf 2.877 Metern Höhe. Dank Materialseilbahn und Solaranlagen ist vieles leichter geworden, doch Wetter, Versorgung und Wasser bleiben tägliche Herausforderungen. „Wir möchten, dass sich unsere Gäste hier wie zu Hause fühlen“, sagt Elena. Das gelingt erstaunlich gut.
Die Hütte liegt am anspruchsvollen Ortler-Höhenweg, einer siebentägigen Tour für erfahrene Bergwanderer. Doch Elena und Michele haben eine Alternative entwickelt: den Giro del Confinale. Die zwei- bis viertägige Runde erschließt die beeindruckende Hochgebirgslandschaft im Nationalpark Stilfserjoch auch Wanderern, die keine ganze Woche unterwegs sein möchten.
Unser Weg beginnt im Ortsteil Niblogo oberhalb von Bormio. Durch das Val Zebrù steigen wir in vier bis fünf Stunden rund 1.250 Höhenmeter hinauf zur Quinto-Alpini-Hütte. Wer Kräfte sparen möchte, nimmt das Geländewagen-Taxi bis zur Baita del Pastore und halbiert Aufstieg und Gehzeit. Schon unterwegs verändert sich die Landschaft ständig: dichte Lärchenwälder, rauschende Bergbäche, weite Almen und schließlich eine karge Moränenlandschaft aus Fels und Geröll.
Nach einer Nacht unter einem Sternenhimmel, wie man ihn nur fernab jeder Zivilisation erlebt, führt der Weg am nächsten Morgen mit Bergwanderführer Massimiliano Radice, den alle nur Max nennen, zum knapp 3.000 Meter hohen Zebrù-Pass. Der junge Naturwissenschaftler kennt hier oben jeden Stein. Er erklärt vulkanisches Gestein, erzählt von den Spuren des schwindenden Eises und zeigt auf einen gewaltigen Bartgeier, der lautlos in der Thermik kreist. „Früher wurden sie fast ausgerottet“, sagt Max. „Heute leben wieder rund zwei Dutzend dieser beeindruckenden Vögel im Nationalpark.“ Wenig später grasen Steinböcke nur wenige Meter neben dem Weg. Sie scheinen die Wanderer kaum zu beachten. Zwischen den Felsen leuchten Edelweiß, perfekt an das raue Hochgebirgsklima angepasst.
Vom Zebrù-Pass blickt man auf unzählige vergletscherte Gipfel im Ortler-Gebiet
Oben am Pass öffnet sich ein Panorama, das den langen Anstieg augenblicklich vergessen lässt. Vergletscherte Dreitausender reihen sich bis zum Horizont, während tief unten bereits das Valle dei Forni wartet. Der lange Abstieg endet am Rifugio Forni. Von dort führt die Runde gemütlich durch das Valle Confinale zurück nach Niblogo – oder sportliche Wanderer nehmen noch den 3.370 Meter hohen Monte Confinale mit.
Nach Tagen in der Hochgebirgswelt fühlt sich Bormio beinahe mediterran an. Die Altstadt lädt mit engen Gassen, Boutiquen und Trattorien zum Verweilen ein. In einer Manufaktur in der Fußgängerzone wird gezeigt, wie der Kräuterlikör Braulio hergestellt wird. Das verdauungsfördernde Elixier kann dort auch verkostet werden.
Wer nach den Strapazen der Wanderung entspannen möchte, taucht in einem der drei Thermalbäder ab. Die heißen Quellen entspringen im Val Zebrù und wurden schon in römischer Zeit von Plinius dem Älteren für ihre Heilwirkung gelobt. Im Zentrum von Bormio gibt es ein familienfreundliches Bad mit Rutschen und Spaßbecken. Echte Wellnesstempel sind die historischen Bäder Bagni Vecchi und Bagni Nuovi, die am Rande der Stadt liegen.
Mehr Informationen
https://www.bormio.eu
Anreise: Die Fahrt von Nürnberg nach Bormio führt über rund 450 Kilometer und dauert etwa fünfeinhalb Stunden mit dem Auto. Für die Bahnanreise muss man mindestens zehn Stunden einplanen, am schönsten ist die Verbindung mit dem Bernina-Express über die Schweiz.
Redaktioneller Hinweis: Die Recherche für manche Artikel in dieser Ausgabe wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt.


