Nürnberg - Augenkontakt wird in unserer Gesellschaft nicht nur aufgrund der Rechtschreibung großgeschrieben. Hält eine Person keinen Augenkontakt, unterstellen wir oftmals Desinteresse – wobei die Gründe weitaus vielfältiger sind.

Den Mythos, dass man Menschen beim Lügen daran erkennt, dass sie beim Reden keinen Augenkontakt halten, kennen sicherlich viele. Laut dem Spiegel wird sogar in Kommunikationskursen gelehrt, in welche Richtung Leute blicken, wenn sie lügen. Caroline Watt von der University of Edinburgh entgegnet dem Spiegel auf diese Aussage hin, dass es an der Zeit sei, diesen Ansatz zu verwerfen.

Auch Psychologin Anne Böckler-Raettig erklärt in einem Interview der Taz, dass es verschiedene Gründe geben könne, weshalb Menschen keinen Augenkontakt halten würden. Oftmals könne ein Blick auch unangenehm sein oder Nähe schaffen, die in manchen Situationen unpassend sei. Wenn beispielsweise das Gegenüber eine sehr traurige oder persönliche Erfahrung teilt, bedeutet ein Blick zum Boden nicht unbedingt Desinteresse, sondern kann auch eine gewisse Distanz schaffen, mit der sich alle Beteiligten wohler fühlen.

Wichtig bei der Beurteilung, weshalb Menschen Augenkontakt halten oder nicht, sei laut Anne Böckler-Raettig auch die kulturelle Prägung der Menschen. Eine Studie aus dem Jahr 2015 stellt die These auf, dass in Japan weniger Blickkontakt mit fremden Personen gehalten wird, als vergleichsweise in europäischen Ländern. Konkret haben Forschende bei der Studie untersucht, wie unterschiedlich japanische und finnische Teilnehmende Gesichtsausdrücke und Blicke von gezeigten Gesichtern am Computer wahrnehmen. Da die japanischen Teilnehmenden deutlich öfter angaben, angesehen zu werden, gehen die Forschenden davon aus, dass es bei der Wahrnehmung von Blickkontakt kulturelle Unterschiede gibt.

Ein Ansatz in der Forschung ist auch, dass Personen bei besonders herausfordernden Antworten den Blick abwenden.

Blickkontakt bei neurodivergenten Personen

Auch laut dem Deutschen Ärzteblatt kann fehlender Blickkontakt als Desinteresse wahrgenommen werden. In der Forschung ist allerdings schon länger bekannt, dass besonders neurodivergente Personen, zum Beispiel Menschen, die sich auf dem Autismusspektrum befinden, direkten Blickkontakt oftmals vermeiden.

Eine Studie von 2017 hat den Grund dafür genauer untersucht und herausgefunden, dass Personen auf dem Spektrum bei Blickkontakt mehr Stress empfinden als Personen ohne Autismus. Ein Ansatz, weshalb Personen mit Autismus den Augenkontakt nicht aufrechterhalten oder sogar vermeiden, könnte daher eine Überstimulierung sein.

Unsicherheit bei fehlendem Blickkontakt?

Wer sich also fragt, weshalb der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin einen nicht ansieht, sollte nicht sofort von den schlimmsten Ursachen ausgehen. Es gibt sehr viele Gründe, weshalb Menschen – ob neurodivergent oder nicht – einem beim Gespräch nicht in die Augen schauen. Nicht immer gibt es negative Begründungen dafür, wie Desinteresse oder Lügen. Wer in solchen Situationen sehr unsicher ist, kann auf die äußerst bewährte Methode zurückgreifen: einfach einmal nachfragen.