München - Am Samstagnachmittag rast eine Boeing 787 der Vietnam Airlines beim Start in München über das Bahnende hinaus und hebt erst dahinter ab. Ein Video zeigt nun, wie knapp der Flughafen einer Katastrophe entgangen ist.

Kurz vor 14 Uhr am Samstagnachmittag rollt Flug VN34 auf die Südbahn 26L des Münchner Flughafens. Rund 259 Menschen, so Bild, sitzen in der Boeing 787-9 der Vietnam Airlines, die nach Hanoi fliegen soll. Die Piloten geben Schub, doch der Dreamliner beschleunigt zwar, kommt aber einfach nicht hoch. Die Boeing nutzt die gesamte rund vier Kilometer lange Startbahn aus, ohne abzuheben, schießt anschließend über das Bahnende hinaus, wirbelt eine gewaltige Staubwolke auf - und hebt dann erst ab. Festgehalten haben den dramatischen Start Planespotter in einem Video.

Laut dem auf Luftfahrtzwischenfälle spezialisierten Portal Aviation Herald, das nach eigenen Angaben Fotomaterial ausgewertet hat, befand sich die Maschine beim Abheben bereits rund 120 Meter hinter dem Bahnende und nach vorläufigen Informationen bereits in Höhe der ersten Reihe der Anflugbefeuerung, die dabei beschädigt wurde. Was die Staubwolke im Video zunächst nur andeutet, bestätigt die Deutsche Flugsicherung (DFS) später: Die Maschine war jenseits der befestigten Bahn, auf unbefestigtem Untergrund. Hinter der Südbahn 26L liegen eine Bundesstraße und landwirtschaftliche Flächen. Wäre die 787 nicht in letzter Sekunde abgehoben, wäre das Resultat eine Katastrophe gewesen.

Nach dem Abheben bricht die Crew den Steigflug ab. Über Funk melden die Piloten Probleme mit dem Reifendruck eines Fahrwerks - ein Hinweis darauf, dass beim Start etwas Gravierendes passiert sein muss. Aviation Herald berichtet zudem von einem sogenannten Tailstrike: Das Heck der Maschine soll beim Abheben den Boden berührt haben. Offiziell bestätigt ist das bislang allerdings nicht.

Die Maschine dreht anschließend Schleifen über dem Erdinger Moos und Oberbayern, um Treibstoff abzulassen und so leicht wie möglich landen zu können. Zweimal überfliegt der Dreamliner dabei im Tiefflug die Nordbahn 26R, damit das Bodenpersonal Rumpf und Fahrwerk von unten begutachten kann. Erst danach fällt die Entscheidung zur Landung.

Auch die verläuft alles andere als sanft: Mehrere Reifen des linken Hauptfahrwerks gehen beim Aufsetzen kaputt, das Hauptfahrwerk raucht stark, die Flughafenfeuerwehr steht mit mehreren Fahrzeugen bereit. Die Maschine kann die Nordbahn nicht mehr aus eigener Kraft verlassen und blockiert die Piste. Die 259 Passagiere steigen über Fluggasttreppen aus und werden mit Bussen ins Terminal gebracht. Verletzt wird niemand.

In der Nacht wird der Dreamliner in einen Hangar geschleppt, Reifenteile werden von der Fahrbahn aufgesammelt, leichte Schäden an der Nordbahn werden umgehend beseitigt. Am Sonntagmorgen um sieben Uhr gibt der Flughafen München die Nordbahn schließlich wieder frei.

Warum hob die Maschine nicht rechtzeitig ab?

Genau das ist die zentrale Frage, mit der sich jetzt die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) aus Braunschweig befasst. Ermittler sind laut RTL bereits vor Ort. Warum eine Boeing 787-9 - ein modernes Großraumflugzeug, das beim Start unter normalen Umständen nach etwa 2,5 Kilometern abhebt - die gesamte vier Kilometer lange Bahn ausschöpft und trotzdem nicht rechtzeitig in die Luft kommt, ist bislang offiziell ungeklärt.

Aus der Luftfahrtbranche kursieren Spekulationen: Ein falsches Startgewicht in der Berechnung der Piloten, ein technisches Problem mit den Triebwerken oder ein Fehler bei der Schubeinstellung könnten theoretisch eine Rolle spielen. Licht ins Dunkel bringen könnte die Fluggesellschaft, doch Vietnam Airlines hat sich zu dem Vorgang bislang nicht geäußert.