
Wer eine pinkfarben schillernde Plastikmuschel aufklappt, rechnet vermutlich mit vielem - aber mit Sicherheit nicht mit einem kleinen Bildschirm und einer ebenso kleinen Tastatur. Doch genau das findet man in der Muschel, die eine junge Frau namens Claudia gebaut hat und auf ihrem Blog Bimbo Tech auch anderen Frauen erklärt, wie so etwas geht.
Was zunächst wie ein verspieltes Bastelprojekt wirkt, ist in Wirklichkeit eine wachsende Protestbewegung: Seit Anfang 2026 bauen immer mehr Frauen auf TikTok und Instagram sogenannte Cyberdecks: selbstgebaute, tragbare Minicomputer, die in allem stecken können - neben Muschelhandtaschen auch in Make-up-Paletten, Barbie-Puppenhäusern oder Clutches. Die Bewegung nennt sich „Cyberdeck Girls“, hat bereits Millionen Aufrufe erreicht und wird inzwischen von Medien wie TechCrunch, Wired und der Zeit als ernstzunehmender Kulturtrend eingeordnet.
Den Anstoß gab laut TechCrunch das 22-jährige Ex-Model und Musikerin Annike Tan, die auf TikTok unter dem Namen @ubeboobey ihr erstes selbstgebautes Gerät vorstellte: Ihr Cyberdeck steckt in einer ovalen, bronzefarbenen Clutch mit goldenem Verschluss. Den Bauprozess dokumentierte Tan Schritt für Schritt, und die Resonanz war überwältigend.
Was steckt technisch dahinter?
Der Begriff „Cyberdeck“ stammt aus der Science-Fiction: William Gibson erfand ihn 1984 in seinem Roman „Neuromancer“, wo solche Geräte zum Hacken von Konzernen dienten. Als der Raspberry Pi in den 2010er-Jahren auf den Markt kam, begannen Hardware-Enthusiasten in Nischenforen wie Reddit und GitHub, echte Cyberdecks zu bauen. Bis vor wenigen Monaten war das ein Hobby für Techniknerds - dann wurden die Geräte bunt, verspielt und betont weiblich.
Im Kern besteht ein Cyberdeck aus wenigen Komponenten: einem Raspberry Pi, also einer Elektronikplatine in der Größe einer Kreditkarte, die als vollwertiger Computer funktioniert, einem kleinen Bildschirm, einer Tastatur, einem Akku und einem selbst gewählten Gehäuse. Die Software ist Open Source, also frei zugänglich und veränderbar. Viele Geräte laufen darüber hinaus ohne Internetverbindung.
Und was kann man damit machen?
Claudia, die Frau hinter Bimbo Tech, nutzt ihr Muschelgerät gleichzeitig als E-Reader, Notizblock, Tamagotchi und Terminal, der mit ihren eigenen Servern verbunden ist. Andere speichern darauf ihre Musiksammlung als MP3s, schauen Filme, schreiben Texte oder spielen Retro-Videospiele. Wer möchte, kann sogar ein einfaches KI-Sprachmodell darauf betreiben, das nur auf dem eigenen Gerät läuft und keine Daten nach außen schickt.
Die Einschränkungen gehören dabei zum Konzept. Ein Cyberdeck kann in der Regel nicht das, was ein modernes Smartphone kann - aber es kann genau das, was seine Erbauerin will. Und auch bewusst nur das, denn dass die Mini-Computer der „Cyberdeck Girls“ ein bisschen langsam, ein bisschen unpraktisch und in ihren Möglichkeiten begrenzt sind, ist kein Zufall, sondern eine ganz bewusste Entscheidung: In einer Welt, in der Silicon Valley jedes Gerät auf maximale Effizienz trimmt, ist ein absichtlich ineffizienter Minicomputer ein Statement gegen die großen Techkonzerne und ihre enorme Macht.
Katrin aus Stuttgart, die auf Instagram unter dem Namen @miss.molerat ihre Cyberdecks teilt, bringt es gegenüber der taz auf den Punkt: „Ja, die Cyberdecks sind rosa, aber sie sind auch ein Signal gegen den grauen Techeinheitsbrei, gegen Massenkonsum und gegen große Techkonzerne.“ Für sie ist das, was gerade in den sozialen Medien passiert, kein Trend, sondern eine cyberfeministische Bewegung.
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Tatsächlich findet der Protest auf mehreren Ebenen gleichzeitig statt: Zum einen richtet er sich gegen die sogenannte „Tech-Broligarchie“, also gegen Männer wie Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Sam Altman, die mit ihren Konzernen einen Großteil der digitalen Infrastruktur kontrollieren - und das auf teils extrem rücksichtslose Weise. Zum anderen bricht die verspielte, feminine Ästhetik der Cyberdecks mit der traditionell maskulinen, oft militärisch anmutenden Optik früherer Selbstbauprojekte aus der Hackerszene.
Abgesehen vom Protest-Aspekt hat die Bewegung aber auch eine ganz praktische Seite: Wer sein Gerät selbst baut, weiß, was darin steckt. Es gibt keine versteckten Datenzugriffe und keine Algorithmen, die entscheiden, was man sieht. Stattdessen hat frau die volle Kontrolle über die Technologie - ein Zustand, den die meisten dauervernetzten Menschen gar nicht mehr kennen.
