
Neulich wurde Friedrich Kautz auf dem Wertstoffhof nicht als Musiker erkannt, sondern „als der Typ, der coole Schränke baut“. Das war ein neues, schönes Gefühl“, sagt er gegenüber dem Spiegel. Für einen Mann, der seit fast drei Jahrzehnten unter dem Namen Prinz Pi zu den bekanntesten Rappern Deutschlands gehört, ist das eine bemerkenswerte Aussage.
Kautz, 46, geboren 1979 in West-Berlin, beendet seine Musikkarriere. Nach seiner Abschiedstournee im Oktober - mit Stationen unter anderem in Hamburg, Berlin, München und Nürnberg - wird er unter seinem Künstlernamen keine Konzerte mehr spielen und keine neuen Alben mehr veröffentlichen. Im Interview mit dem Stern sprach er ausführlich über die Hintergründe: „Für Künstler meiner Größenordnung ist das System in der heutigen Musikindustrie kollabiert.“
Sein Rückzug, betont Kautz, geschehe weder aus Unlust noch aus freiem Willen. Es sei schlicht finanzielle Notwendigkeit: „Als Vater und hauptsächlicher Ernährer kommt meine Familie an erster Stelle - wenn meine Beschäftigung nicht mehr genügend einbringt, muss ich wohl oder übel wechseln.“ Das Paradoxe daran: Prinz Pi hat Hörer. Ziemlich viele sogar. Doch das spiegelt sich laut Kautz kaum noch auf dem Konto wider. „Gute Chartplatzierungen und hohe monatliche Hörerzahlen bringen einem in der heutigen Streaming-Realität finanziell nicht mehr viel“, sagt er gegenüber dem Stern.
Auch YouTube helfe kaum noch: „Um die Kosten für ein einzelnes Musikvideo hereinzuholen, brauche ich mehrere Millionen Klicks. Das schaffe ich nur ganz selten.“ Dazu kommen drastisch gestiegene Kosten im Livebereich, beispielsweise für Personal, Logistik und Hallenmieten. „Früher lag der Break-even einer Tour vielleicht bei 50 Prozent Auslastung. Heute schreiben wir erst ab 80 Prozent eine schwarze Null.“ Eine Schwelle, die für viele Künstler seiner Größenordnung kaum noch erreichbar sei.
Alleine ist Kautz dabei nicht: Dass das Musikgeschäft für Künstler im mittleren Segment zunehmend unwirtschaftlich wird, ist ein strukturelles Problem, das die Branche seit Jahren beschäftigt. Streaming-Plattformen wie Spotify zahlen pro Abruf Bruchteile eines Cents - wer also nicht zu den ganz Großen gehört, verdient damit kaum genug zum Leben.
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„Einen Batzen 15-Sekunden-Häppchen“
Neben den Finanzen stört Kautz die inhaltliche Verflachung, die er mit dem Aufstieg von TikTok und Instagram Reels verbindet. „Heute verlangt der Markt den Hook in den ersten zwei Sekunden eines Reels oder TikToks, sonst wird einfach weitergewischt.“ Die Konsequenz für die Musikproduktion sei fatal: „Man produziert keine Alben mehr, sondern einen Batzen 15-Sekunden-Häppchen in der Hoffnung, dass eines davon viral geht.“
Für seine eigene Arbeit lehnt er dieses Prinzip ab. Seine Songs lebten seit jeher von narrativer Tiefe und komplexen Arrangements. „Dieses stumpfe Trial-and-Error-Prinzip und das Herunterbrechen auf schnelle, starke Reize entsprechen nicht meinem Verständnis von Kunst. Das kann ich nicht bedienen.“
Kautz hatte 1998 unter dem Namen Prinz Porno in der Berliner Rap- und Graffiti-Szene begonnen. 2005 benannte er sich in Prinz Pi um und rappte fortan über gesellschaftspolitische Themen, Zukunftsangst und das Erwachsenwerden. Im Laufe seiner Karriere veröffentlichte er 19 Studioalben, drei davon - „Kompass ohne Norden“ (2013), „Im Westen nix Neues“ (2016) und „pp=mc²“ (2015) - stiegen auf Platz eins der deutschen Charts ein. Rückblickend sagt er, er habe zusammen mit Künstlern wie Casper und Tua gezeigt, „dass man im Hip-Hop erfolgreich sein kann, ohne das klassische Klischee des starken, unverletzlichen Mannes zu bedienen.“
Nach dem letzten Konzert im Oktober widmet sich Kautz seinem Designstudio und dem Möbelbau - ein Handwerk, das ihm, wie er sagt, in unruhigen Zeiten etwas Greifbares zurückgebe.