
Brooke George wollte eigentlich nur nach Hause, stattdessen befindet sich die 23-jährige TikTokerin aus Gravesend in Kent (Großbritannien) seit dem 22. Juni in einem Polizeirevier in Dubai in Haft. Die Anklage lautet auf vorsätzlichen Mord - ihr droht deshalb die Todesstrafe durch ein Erschießungskommando.
Was in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni in einer Wohnung in Dubai passiert ist, ist Gegenstand zweier grundverschiedener Erzählungen. Die Staatsanwaltschaft Dubai bestätigte laut BBC, sie habe Ermittlungen wegen eines Mordes aufgenommen, bei dem eine britische Staatsangehörige einen lettischen Mann mehrfach mit einem Messer in die Brust gestochen haben soll. George selbst sagt: Sie habe aus Notwehr gehandelt, nachdem ihr Freund sie angegriffen habe.
Kennengelernt hatten sich die beiden auf Facebook. George reiste zunächst für einen ersten Besuch nach Dubai und erlebte dort eine Zeit, die sie laut der Menschenrechtsorganisation Detained in Dubai als „die beste Zeit meines Lebens“ beschrieb. Beim zweiten Besuch allerdings war alles anders.
Schläge und ein versteckter Pass
Laut Detained in Dubai, die George unterstützt, hatte der Mann ihr nur ein Ticket für den Hinflug gebucht und nach ihrer Ankunft ihren Pass versteckt. Sein Verhalten habe sich verändert, er sei zunehmend kontrollierend und gewalttätig geworden. In der Tatnacht seien die beiden zuvor in einer Bar gewesen. Danach, so Georges Darstellung, habe er sie in der Wohnung angegriffen und geschlagen.
Ihre Mutter Thereza George schilderte gegenüber Detained in Dubai, was sie in dieser Nacht am Telefon erlebt hat: „Ich habe meine Tochter noch nie so verängstigt gesehen. Sie weinte unkontrolliert, und ich konnte sehen, dass ein Auge stark angeschwollen war.“ George habe versucht, einen Heimflug zu organisieren und ihren Pass zurückzubekommen, doch als sie dafür in die Wohnung zurückkehrte, eskalierte die Situation ihrer Aussage nach. „Brooke sagt, sie fürchtete um ihr Leben und griff nach einem Küchenmesser, das in Reichweite lag“, so Radha Stirling, Geschäftsführerin von Detained in Dubai, gegenüber der BBC.
Kurz darauf wurde George am Flughafen verhaftet, als sie versuchte, das Land zu verlassen. Seitdem sitzt sie im Polizeirevier Bur Dubai in Haft. Dabei handelt es sich um das Revier, in dem 2011 der britische Tourist Lee Bradley Brown in Polizeigewahrsam ums Leben kam.
Nackt vor männlichen Beamten
Laut Detained in Dubai wurde George gezwungen, sich vor männlichen Beamten ohne weibliche Aufsicht nackt auszuziehen - etwas, das sie als „zutiefst demütigend“ empfunden habe. Außerdem habe sie Aussagen ohne Anwalt machen müssen und keinen Zugang zur britischen Botschaft erhalten. Das britische Außenministerium bestätigte laut BBC, mit George in Kontakt zu stehen und sie und ihre Familie zu unterstützen.
Vorsätzlicher Mord hat in den Vereinigten Arabischen Emiraten die Todesstrafe zur Folge. Der britische Menschenrechtsaktivist David Haigh, der selbst 22 Monate in Dubai inhaftiert war, warnte gegenüber dem Mirror, dass eine Notwehr-Argumentation im Rechtssystem der Vereinigten Arabischen Emirate erhebliche Hürden überwinden müsse. Gleichzeitig betonte er, dass Hinrichtungen westlicher Staatsbürger in der Praxis selten seien - ausgeschlossen sind sie aber nicht.
Detained in Dubai fordert Georges Freilassung auf Kaution sowie eine unabhängige Untersuchung, die auch die Frage häuslicher Gewalt einschließt. Der Fall, so Stirling, „wirft ernsthafte Fragen über den Schutz von Frauen, das Recht auf Selbstverteidigung und ein faires Verfahren auf.“