Rock City - Rock City ist ... ein Dings auf einem Berg in einer Höhle unter einem zerklüfteten Felsplateau. Nach Nashville aka Music City erwartete mich in Georgia ein schaurig-schönes Schwarzlicht-Märchenland.

Rock City klingt wie der rebellische jüngere Bruder von Music City, ist aber weder eine Stadt, noch hat es im Kern etwas mit Musik zu tun. Rock City ist ein … Dings auf einem Berg. Ein … Dings auf einem zerklüfteten Felsplateau. Ein … Dings auf einem Berg in einer Höhle unter einem zerklüfteten Felsplateau. Falls das für den Leser nicht den geringsten Sinn ergibt, keine Sorge. Für mich tat es das ebenfalls nicht. Und um ehrlich zu sein, hat sich daran seither auch kaum etwas geändert.

Zuallererst einmal wiegt einen dieser absurde, absurde Ort in trügerischer Sicherheit. Man wandert auf angelegten Wegen über und durch schroffe Felsformationen, die sich bisweilen zu Schluchten verengen, mit so ulkigen Namen wie Lover‘s Leap und Fat Man‘s Squeeze. Am Rande des Plateaus stürzt ein Wasserfall gute 40 Meter in die Tiefe. Wer auf milden Nervenkitzel steht, kann sich der Gegenwart seiner eigenen Höhenangst auf einer zuverlässig unter den Füßen hin und her schaukelnden Hängebrücke rückversichern. Vom Rand der Klippe hat man einen recht netten Ausblick auf einen orange-bräunlichen Herbstwald. In der Ferne dampft ein Atomkraftwerk vor sich hin.

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Wer auf milden Nervenkitzel steht, kann sich der Gegenwart seiner eigenen Höhenangst auf einer zuverlässig unter den Füßen hin und her schaukelnden Hängebrücke rückversichern. © Stefan Besner

Das klingt nicht sonderlich spektakulär und das ist es auch nicht. Nett, zweifelsohne, aber unspektakulär. Nie und nimmer wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass das Mint-Julep-Mobil (ein schwarzer Kleinbus mit 15 Sitzen und Mint-Julep-Aufdruck, Cocktailglas inklusive, in dem wir Journalisten von A nach B zockelten) nicht nur die Grenze von South Carolina nach Georgia überquert und in eine andere Zeitzone gewechselt hatte, sondern am Scheideweg der Wirklichkeit unmerklich ausgeschwenkt war. Statt auf dem sicheren Boden der Tatsachen zu verbleiben, waren wir auf den unbefestigten Pass rechts daneben abgebogen … Kurve um Kurve hatten wir uns den Lookout Mountain nach oben geschraubt, bis in jene schwindelerregenden Höhen, wo die Luft dünn ist und der Blick sich trübt …

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Am Rande des Plateaus stürzt ein Wasserfall gute 40 Meter in die Tiefe. © Stefan Besner

Auf den geheimen Pfaden der Gnome

Die Anzeichen waren von Anfang an dagewesen. Ich stieß mich an gewissen Dingen, die einfach nicht ins Bild passen wollten, tat sie aber als kauzige Eigenheiten der Eingeborenen ab. So waren die Stämme der Bäume spiralförmig umwickelt mit blauen und roten Leuchtgirlanden. Torbögen spannten sich über den verwinkelten Pfad mit Türen, in die unten eine weitere Miniaturtür montiert war. Nicht etwa für streunende Katzen oder Qualzüchtungen, sondern „für Gnome“, wie man uns mit solcher Selbstverständlichkeit mitteilte, dass ich mir für einen Moment vorkam wie der letzte Ignorant, weil in meiner Wohnung keine gnomgerechten Anpassungen existierten … Und es wurde noch sonderbarer. Immer wieder spürte ich stechende Blicke in meinem Nacken. Unvermittelt blieb ich stehen, kniff die Augen zusammen. Aber da war niemand. Ich ging weiter, schüttelte den Kopf. Doch dann passierte es wieder. Und ich blieb erneut stehen. Ich begann allmählich ernsthaft an meiner geistigen Verfassung zu zweifeln … bis ich wenige Meter entfernt von mir einen Gartenzwerg mit roter Zipfelmütze auf einem flachen Kieselstein entdeckte, der mich direkt, und ich schwöre, direkt anstarrte. Wäre es nur der eine geblieben, ich hätte den Vorfall vermutlich längst ad acta gelegt.

Aber es war nicht nur der eine.

Nach jeder Wegbiegung warteten sie bereits auf mich, hockten auf Felsvorsprüngen und Ästen, lugten halbverborgen hinter dürrem Buschwerk hervor, beobachteten mich aus ihren feisten, kleinen Zwergenvisagen … Und es schienen ihrer ständig mehr zu werden. Als dann auch noch Musik an mein Ohr drang, wäre es beinah um mich geschehen gewesen.

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Torbögen spannten sich über den verwinkelten Pfad mit Türen, in die unten eine weitere Miniaturtür montiert war. © Stefan Besner

In der Halle des Bergkönigs

Ich kannte das Stück. Auf leisen Sohlen pirschten sich die Celli und Fagotte von Griegs Peer Gynt – In der Halle des Bergkönigs an mich heran. Mit jedem Schritt schwoll das Thema weiter an, immer schneller und immer lauter, bis die Oktaven sich auftürmten und ineinander droschen wie apokalyptische Naturgewalten und krachende Cymbals und ekstatische Paukenwirbel in einem diatonischen Herzanfall kulminierten …

Ich trat um einen Felsvorsprung und erblickte einen Troll, der den Gipfel des Berges schulterte wie Atlas die Welt. Daneben öffnete sich der Fels. Ein Schlund führte in die Tiefe, aus dem schummriges rotes Licht drang.

„Dieser verzauberte Pfad führt durch fabelhafte Höhlen, wo Kinderreime und Märchen in lebendigen Darstellungen zum Leben erwachen …“, erklärte eine Rock-City-Angestellte. „Am Ende des Trails befindet sich ein Souvenirshop, wo Sie Andenken kaufen können.“

Wäre ich für den reibungslosen Ablauf beim Einchecken in der Hölle zuständig, dachte ich, ich würde den Neuankömmlingen auch sowas in der Art erzählen …

Tiefer und tiefer führte der verschlungene Gang in den Berg. In unregelmäßigen Abständen waren links und rechts Gitter angebracht. Dahinter erstreckten sich verliesartige Grotten, in denen bizarre Korallenstrukturen wucherten und in verschiedenen Farben geisterhaft fluoreszierten. Zu den Korallen gesellten sich winzige Figürchen mit kruden Plastikgesichtern, die verschiedene Szenen aus Grimms Märchen nachstellten. Hier Der Rattenfänger von Hameln mit seiner Flöte, deren Klang eine ganze Generation auf Ewig ins Gebirge gefolgt war, dort die Drei Bären mit aufgesperrten Mäulern, die einem panisch fliehenden Goldlöckchen gierig hinterhergrinsten und überall Zwerge und noch mehr verdammte Zwerge … Darunter selbstverständlich die homoerotische Zipfelmützenbande um Schneewittchen, aber auch ein paar andere, weitaus besorgniserregendere Exemplare, die ich keinem mir bekannten Märchen zuordnen konnte.

Hinter einem rustikalen Holzfenster stand eine sinistre Gestalt in Wams und Jagdhose. Der graumelierte Rauschebart reichte ihm bis über den Bauchnabel. Die Augen leuchteten in fahlem Türkis. Von seinem erhöhten Standpunkt aus konnte er problemlos alles überblicken. Er wurde flankiert von zwei schweinsgesichtigen blonden Püppchen, die gleichermaßen devot und lasziv zur Seite schauten; als würden sie ihn sowohl fürchten als auch verehren. Und egal, wo ich mich hinstellte oder aus welchem Winkel ich ihn beäugte – unverwandt folgte mir sein Silberblick durch den Raum. Als wär etwas in der kalten starren Leere seiner Pupillen weniger starr und leer, als es hätte sein sollen.

„Siehst du diesen Zwerg da?“, fragte ich eine Kollegin, die für Seazen schrieb, ein Reisemagazin mit Sitz in Zürich.

„Oh ja! Das muss für Kinder ganz toll sein hier.“, antwortete sie begeistert.

„Tja also.“, sagte ich und nickte verdrossen. „Das Erlebnis werden sie bestimmt, äh, nicht so schnell vergessen.“

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Hinter einem rustikalen Holzfenster stand eine sinistre Gestalt in Wams und Jagdhose. © Stefan Besner

Durch einen schmalen Gang, der sich weiter in die Tiefe schlängelte, gelangte ich in eine große natürliche Höhle mit steilen Wänden und einer hohen Decke. Nahezu das gesamte Gewölbe wurde vom Mother Goose Village eingenommen, einem riesigen, rechteckigen Diorama, vielleicht fünfzehn Meter lang und sieben breit. Unter dem stygischen Schummer von an der Decke angebrachten Schwarzlicht-Neonröhren tummelten sich darauf weitere Märchengestalten … Ein vollgefressener Wolf mit bedenklich langer Schnauze streckte die Zunge raus … Die schaukelnde Little Miss Muffet riss den Mund zu einem stummen Schrei auf, während sich eine Spinne abseilte, groß genug, um ihr mit einem einzigen Zucken ihrer Chelizeren den Kopf abzubeißen … Auf einem grünen Berg thronte ein verwaistes Schloss aus bunten Steinchen, in dessen Nähe sich nichts und niemand wagte … An seinem Fuße harrten die drei kleinen Schweinchen in banger Erwartung des Wolfes, der gerade noch die Großmutter verdaute … Überall standen Fachwerkhäuschen rum, in denen weiß Gott was hauste – vielleicht Humpty Dumpty, dieser deformierte Homunkulus mit einem Grinsen im Gesicht, das in etwa so vertrauenserweckend wirkte wie Ed Gein, der im Schein einer Lampe aus Menschenhaut ein Buch mit dem Titel Die moderne Küche las … Und von überall und nirgendwo träufelten einem in einer Endlosschleife Kinderlieder wie Twinkle twinkle little Star ins Ohr. Hätte Stephen King als junger Mann anstelle der Schreiberei ein Faible für Modellbau entwickelt, dieses Diorama könnte direkt seiner Fantasie entstammen. Es hätte mich nicht weiter verwundert, wäre Pennywise, der tanzende Clown, um die Ecke gekommen, in der Hand einen roten Luftballon.

… aber natürlich wissen wir alle, dass ES Derry nicht verlassen kann.

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Die schaukelnde Little Miss Muffet riss den Mund zu einem stummen Schrei auf, während sich eine Spinne abseilte, groß genug, um ihr mit einem einzigen Zucken ihrer Chelizeren den Kopf abzubeißen … © Stefan Besner

Ein Dings auf einem Berg in einer Höhle unter einem zerklüfteten Felsplateau

Auf dem Weg nach draußen versuchte ich, mehr über die Hintergründe und die Geschichte der Fairyland Caverns herauszufinden. Nicht den Sermon, der aus irgendwelchen historischen Quellen hervorgeht, sondern die Geschichte hinter der Geschichte. Was trieb einen Menschen dazu, einen derartigen Aufwand zu veranstalten? Es musste Jahre an mühseliger Kleinstarbeit gekostet haben, allein die Figuren herbeizuschaffen beziehungsweise selbst zu basteln, die Landschaft aus Gips zu modellieren, zu bemalen, Tableaus zu arrangieren und eine spukhafte Traumwelt aus der eigenen Vorstellungskraft in sichtbare, berührbare Realität zu gießen. Ein solcher Akt schöpferischer Gewalt findet wohl kaum in einem luftleeren Raum statt …

Da ich von offizieller Stelle keine Antworten auf Fragen erhielt, die über die Gründung in den 1920er Jahren durch Garnet und Frieda Carter sowie die Umwandlung Rock Citys zur Touristenaktion Anfang der 1930er hinausgingen, redete ich anschließend mit jedem, der auf mich auch nur im Entferntesten den Eindruck erweckte, als würde er von Zeit zu Zeit mit Gnomen konferieren. Zumeist erntete ich dabei ein Schulterzucken, gelegentlich erweitert von der Theorie, dass bewusstseinserweiternde Substanzen eine Rolle gespielt haben könnten …

Was nicht völlig abwegig erscheint, bedenkt man, dass, der kreative Geist hinter den Fairyland Caverns es nicht nur für eine faszinierende Idee hielt, Szenen von giftmischenden Stiefmüttern, mörderischen Bestien und kannibalischen Einsiedlerinnen mit Heißhunger auf kleine Jungs in der Finsternis eines Stollens nachzustellen, sondern das ganze auch noch mit Schwarzlicht anzustrahlen. Fügt man dann noch ein paar halluzinogene Drogen hinzu, ist das Bild perfekt – Frieda und Garnet tanzen splitterfasernackt und völlig enthemmt im Widerschein ihrer schwarzen Sonne unter dem Berg, stimmen Kinderlieder an, die von den Höhlenwänden in schaurigem Mehrklang zurückgeworfen werden, die wüsten Popanze um sie herum erwachen zu fremdartigem Leben, kriechen zwischen den Gitterstäben hindurch aus ihren Felsverliesen und blasen zur Jagd auf verirrte Kinder: Horrido!

… oder Frieda brauchte schlichtweg eine Nachmittagsbeschäftigung. Während ihr Mann wie ein von der Tarantel gestochener Staubsaugervertreter kreuz und quer durch das ganze Land brauste, Scheunendächer in mannshohen Lettern mit See Rock City bepinselte und in blinder Hoffnung darauf vertraute, so endlich Touristen anzulocken (mit Erfolg), hatte sie die Nase gestrichen voll von dem netten Ausblick. Der Name Lover‘s Leap ging ihr auch gehörig auf den Keks. Also stellte sie brutale Mittelaltergeschichten nach – und dachte dabei an ihren Mann.

Letzten Endes können wir nur spekulieren. Rock City behält seine Geheimnisse für sich. Es ist und bleibt somit …

Ein Dings auf einem Berg in einer Höhle unter einem zerklüfteten Felsplateau.

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Rock City behält seine Geheimnisse für sich. Es ist und bleibt somit … Ein Dings auf einem Berg in einer Höhle unter einem zerklüfteten Felsplateau. © Stefan Besner