Nürnberg - Die deutsche Nationalmannschaft startete mit einem 7:1-Sieg gegen Curacao in die Weltmeisterschaft 2026. Beim Auftaktsieg offenbarte das Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann Licht und Schatten. Eine Analyse.

„Dass man zwei Jahre warten muss, dass man Weltmeister wird, tut weh“, sagte Julian Nagelsmann unmittelbar nach dem tragischen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft. Nun ist die Wartezeit vorbei, die Weltmeisterschaft läuft – und Deutschland startete mit einem 7:1-Auftaktsieg gegen Curacao erfolgreich in das Turnier. Natürlich ist der Kantersieg im Hinblick auf die Gegner-Qualität einzuordnen, dennoch lassen sich bereits im ersten Spiel Anzeichen erkennen, was für Deutschland drin ist – und was nicht.

Stärken der DFB-Elf

Variabilität: Sechs verschiedene DFB-Spieler durften sich in die Torschützenliste eintragen, acht Spieler sammelten direkten Torbeteiligungen. Das spricht für die Ausgeglichenheit und Unberechenbarkeit des deutschen Kaders, sorgt aber auch dafür, dass der Großteil der Startelf direkt zu Turnierbeginn – losgelöst vom Mannschaftserfolg – persönliche Erfolgserlebnisse sammeln durfte.

Zentrumsfokussierung als Trumpf: Im eigenen Ballbesitz geben einzig der hoch aufgerückte Linksverteidiger Nathaniel Brown und der rechte Flügel Leroy Sané dem deutschen Spiel Breite, während sich der Großteil der Truppe in der Zentrumsspur ballt und insbesondere der Zehnerraum belagert wird. Dieses Prinzip der minimal nötigen Breite ist typisch für Mannschaften von Bundestrainer Julian Nagelsmann, und bietet mehrere Vorteile: Erstens erlaubt es den hochveranlagten und spielintelligenten Offensivkräften kleinteilige Kombinationen auf engem Raum, darunter auch Ablagen, wie man es insbesondere gegen Curacao mehrmals gesehen hat. Sollte der Gegner, wie es zu erwarten ist, darauf reagieren und sich im Zentrum zusammenziehen, öffnen sich weite Räume für die beiden Breitengeber. Zweitens bietet die Zentrumsfokussierung eine herausragende Ausgangslage im Gegenpressing, um nach Ballverlusten direkt Druck zu geben und einen kontrollierten Angriff des Gegners frühzeitig zu unterbinden – dieser Vorteil ist elementar und wird mit einem Blick auf die Schwächen der DFB-Elf besonders relevant.

Standards: Standards können den Unterschied bei großen Turnieren machen, bei der Weltmeisterschaft 2014 etwa erzielte die DFB-Elf ganze fünf Tore in Folge von Freistößen oder Ecken – unter anderem das Siegtor im Viertelfinale gegen Frankreich resultierte aus einem ruhenden Ball. Nachdem die Standards in der jüngeren Vergangenheit zu den Schwächen der Nationalmannschaft zählten, strahlte das Team gegen Curacao große Gefahr nach Ecken (siehe das Tor von Nico Schlotterbeck zum zwischenzeitlichen 2:1) und Freistößen aus. Zudem waren mitunter clevere Varianten zu sehen, wenngleich etwa der Versuch beim Stand von 7:1 in der Nachspielzeit vielleicht eher das Muster für zukünftige Gegner entlarvt hat.

Schwächen der DFB-Elf

Löchriges Pressing: Selbst WM-Novize Curacao schaffte es, gegen die deutsche Mannschaft die erste Pressinglinie und im Anschluss das Mittelfeld mitunter leicht zu überspielen. Dafür zog die Mannschaft von Trainer Dick Advocaat die deutsche Truppe, die mannorientiert vorging, weit auseinander, um damit das Zentrum freizuziehen. Mitunter genügten einfache Klatsch-Aktionen, um auf die letzte Kette zudribbeln zu können. Das Problem: Das deutsche mannorientierte Pressing greift nur, wenn alle Spieler und insbesondere die Offensivspieler diszipliniert an ihren Gegenspielern bleiben – andernfalls wird das Pressing leicht ausgehebelt und wirkt dann eher unkoordiniert. Angesichts der Schwierigkeiten, die das deutsche Team sowohl im hohen Anlaufen als auch im ohnehin weniger präferierten tiefen Block offenbart, wird der Erfolg der Truppe auch maßgeblich davon abhängen, mehr Ballbesitz als ihre Gegner zu haben.

Anfällige Restverteidigung: Restverteidigung bezeichnet die Positionierung der deutschen Spieler im eigenen Ballbesitz, um bei einem Ballverlust sofort ins Gegenpressing zu gehen (was gut klappt) oder gegnerische Konter abzusichern (was nicht gut klappt). Mehrmals stand die deutsche Absicherung, die noch dazu nicht mit maximalem Tempo gesegnet ist, bei möglichen Kontersituationen in Gleich- oder sogar Unterzahl und profitierte davon, dass Curacao viele der Ansätze schlichtweg nicht sauber ausspielte. Insbesondere gegen die Elfenbeinküste, die unter Anderem mit dem Leipziger Yan Diomandé einen herausragenden, pfeilschnellen Konterspieler in ihren Reihen weiß, kann dieses Defizit der deutschen Nationalmannschaft zum Verhängnis werden.

Form: Letztendlich könnte die Form sowohl bei den Stärken als auch bei den Schwächen stehen. Die beiden Unterschiedsspieler im deutschen Kader, Jamal Musiala und Florian Wirtz, kommen beide aus einer – aus unterschiedlichen Gründen – schwierigen Saison 2025/26. Beim Auftaktspiel aber glänzte Florian Wirtz als kreativer Dreh- und Angelpunkt im deutschen Spiel, auch Musiala deutete in einigen starken, typisch-schlangenartigen Aktionen seine Qualität an. Ein weiteres Fragezeichen steht hinter Manuel Neuer, der im gehobenen Alter ein überraschendes Comeback gibt, und hinter Leroy Sané: Der umstrittene Offensivspieler durfte gegen Curacao durchspielen, verpasste aber den für ihn so wichtigen Erfolgsmoment – seine Aktionen blieben überwiegend unvollendet. Insgesamt aber ist die Qualität im deutschen Kader unumstritten, reicht aber – zumindest auf dem Papier – nicht an die Spitzenteams aus Frankreich, Spanien und Portugal heran.

Fazit

In Summe wird für die deutsche Mannschaft einiges vom Turnierbaum abhängen, wo früh das Aufeinandertreffen mit Frankreich droht. Die DFB-Elf ist gut, offenbart aber (noch) gefährliche Schwächen, die gegen qualitativ besser besetzte Gegner zum Verhängnis werden kann. Eine erste Bewährungsprobe steht beim Duell mit der Elfenbeinküste am Samstag (Anpfiff um 22 Uhr) an.