
Ein schönes, warmes Wochenende neigt sich dem Ende zu, zusammen mit Freunden wurde gewandert und gebadet, ehe die Rückreise aus Garmisch-Partenkirchen nach Nürnberg losging. Während sich die Gruppe noch dort nach und nach aufteilt und in verschiedene Richtungen oder mit verschiedenen Verkehrsmitteln weiterfährt, wird es bereits am Hauptbahnhof München stressig für mich und meine drei Begleiterinnen.
Nicht nur, dass wieder einmal eine Verspätung für Stress sorgt: Am Gleis angekommen, auf dem der RE1 von München in Richtung Nürnberg - unserem finalen Ziel in einer Stunde und 46 Minuten - um 16.09 Uhr abfahren soll, herrscht enormer Trubel. Vor einer Absperrung aufgrund eines in der Breite eingeschränkten Bahnsteiges müssen die Passagiere, die scheinbar soeben erst angekommen sind, erst einmal herauskommen, ehe das große Gedrängel in den Zug beginnt. Um 16.24 Uhr fahren wir letztlich ab, ankommen sollen wir dennoch um 17.53 Uhr, wie geplant.
Auch, wenn schon einige Wagons voll besetzt sind, finden wir noch etwas zum Sitzen. „Gut“, denken wir uns, „den Zug geschafft, einen Sitzplatz bekommen und bald haben wir es nach einem aufregenden Wochenende alle nach Hause geschafft.“ So die Theorie.
Plötzlich steht der Zug still: Stundenlange Ungewissheit ohne Klimaanlage im vollbesetzten Zug
Zwischen weiteren Gesprächen und ein paar Gummibärchen bemerken wir erst nach kurzer Zeit, dass unser Regionalexpress mitten im Nirgendwo stehen geblieben ist. Warm ist uns da schon. In Sicht: Weit und Breit nur Grün und das gegenüber liegende Gleis. Noch sind wir guter Dinge: Bestimmt nur ein kurzer Stopp für eine Überholung oder Ähnliches. Die Unterhaltungen gehen weiter, wir merken aber: Es wird immer heißer. Mit den Caps wird sich Luft zu gefächert, Kinder im gleichen Zugabteil fangen langsam an zu Jammern. Irgendwann zeigt der Blick auf die Uhr: Wir stehen bereits seit einer halben Stunde - ohne Klimaanlage. Von einer Durchsage bislang nichts zu hören. Wir stehen ohne jegliche Information da.
Dann kommt es noch schlimmer: Die Lichter gehen aus, die Anzeigen ebenso. Jemand versucht auf die Toilette zu gehen. Die Türen sind verschlossen, die Toiletten offenbar defekt. Kurz vor Beginn des Stillstands war das noch nicht der Fall.
Unmut entwickelt sich - wann oder wie geht es weiter?
Langsam nimmt die Gelassenheit ab. Die Wärme nimmt zu, man sieht jedem an, dass die Hitze zu schaffen macht, genauso die Ungeduld. Ständig versucht jemand erneut auf die Toilette zu gehen, die Türen irgendwie zu entriegeln. Die Zeit zieht sich, mehrere Personen an Bord haben offenbar keinen Empfang, um sich über Anschlussmöglichkeiten zu informieren oder um Bekannten beziehungsweise Verwandten über die Verspätung zu informieren. Die, die Empfang haben, tauschen sich mit anderen aus, in der DB-App gibt es allerdings kaum Informationen. Dort ist lediglich von einer technischen Störung die Rede. Der Zug solle um 19.11 Uhr ankommen.
Plötzlich will jemand Gerüchte gehört haben, dass der Zug zurück nach Ingolstadt abgeschleppt werden soll. Wie es dann weitergeht sei aber unklar. Zu diesem Zeitpunkt stehen wir laut meines WhatsApp-Verlaufs, über den ich meine Familie auf dem Laufenden halte - glücklicherweise hatte ich Empfang - bereits seit einer Stunde und 15 Minuten Stunden ohne Klimaanlage. Eine Durchsage ging bislang weiterhin nicht durch - zumindest nicht in unserem Teil des Zuges. Denn: Auf einem kurzen Abstecher in einen vorderen Teil, hören wir plötzlich eine Durchsage: Die Feuerwehr sei auf dem Weg, um die Türen zu öffnen. Passagiere sollten den Zug aber nicht verlassen.
Nach über zwei Stunden, gegen 19.15 Uhr, ist es dann endlich so weit: Die Türen gehen auf, alle versammeln sich davor, um frische Luft und vor allem etwas Wind abzubekommen. Ein Mann aus unserem Abteil hält seinen Hund in den Armen, der offenbar dringend aufs Klo muss. Feuerwehrleute laufen außerhalb des Zuges an den Türen vorbei, weisen nochmals darauf hin, dass niemand den Zug verlassen solle - aus Sicherheitsgründen. Auch wird an jeder Tür gefragt, ob eine medizinische Versorgung einer Person benötigt wird. Genauso laufen Feuerwehrleute durch den Zug und sehen sich selbst noch einmal genauer um, ob Hilfe benötigt wird. Auf Nachfrage erklärt einer von ihnen: Die Feuerwehr wurde erst gegen 19 Uhr alarmiert - als der Zug bereits über eine Stunde und 45 Minuten stand.
Irgendwann ist jedoch kein Halten mehr: Die Menschen springen entgegen der Anweisungen aus dem Zug, glücklicherweise auf der Seite der Böschung, nicht auf der des gegenüberliegenden Gleises. Nach zwei Stunden eingeschlossen bei 29 Grad Temperatur im Schatten, einem vollgestopften Zug und ohne Klimaanlage kein Wunder. Das empfinden offenbar auch die Einsatzkräfte so: Ermahnt wird hier niemand.
Es folgen weitere Einsatzkräfte, Rettungsdienst und die Polizei. Es wird für Wasser gesorgt und schließlich öffnen sich auch die gegenüberliegenden Türen auf der Seite des anderen Gleises. Mittlerweile ist die Strecke für den Zugverkehr gesperrt, sodass auf dem Parallelgleis keine Gefahr durch herannahende Züge zu befürchten ist. Die Einsatzkräfte erklären, dass der Zug evakuiert werden müsse. Die, die ihr Gepäck drinnen stehen lassen haben, klettern wieder hinauf, sammeln ihre Sachen ein und steigen mithilfe der Einsatzkräfte auf der anderen Seite wieder aus. Dann laufen wir direkt über das andere Gleis.
Das Ziel: Eine Wiese, direkt zwischen der Bahnstrecke und der A9, auf der bereits zahlreiche Kräfte mit Getränkeversorgung warten. Die Zeit vergeht weiter, zwischenzeitlich wird erklärt, dass ein erster Bus unterwegs sei, um ältere Menschen und Familien mit Kindern nach Feucht zu fahren. Wir sind irritiert, denn das eigentliche Ziel der Reise ist der Nürnberger Hauptbahnhof. Die Passagiere müssen dann offenbar von Feucht zum Nürnberger Hauptbahnhof gelangen. Ein weiterer Bus soll bald folgen, in dem eine ähnliche Personengruppe fahren darf, mit dem gleichen Ziel.
Gedränge an den Bussen: Einsatzkräfte müssen einschreiten und die Situation ordnen
Als die Busse ankommen, wird das Gedränge beide Male groß, mehrfach hört man ein lautes „Zurück“ - offenbar versuchen Personen, die nicht zur priorisierten Personengruppe gehören, in die Busse zu gelangen. Dann fahren die ersten beiden Busse weg und noch immer stehen zahlreiche Personen etwas ratlos, aber gar nicht mal so unbeholfen auf dem Feld. Man hat sich mit der Situation abgefunden.
Die Leute versuchen nun, das beste aus der Situation zu machen: Es wird sich mit fremden Personen unterhalten, ein paar Leute packen teils alkoholische Getränke aus, weitere Personen wiederum Bälle. Bei Unterhaltungen fällt immer wieder der Satz: „Fast wie auf einem Festival“. Auch nach Powerbanks oder dem Nutzen eines Telefons fragen sich die auf der Wiese gestrandeten Menschen. Ebenfalls immer wieder hilfreich: Die Durchsagen zu neuen Informationen sind schlecht zu hören, andere, die währenddessen weiter vorne stehen, zu fragen, ist aber niemals ein Problem. So helfen sich alle gegenseitig.
3,5 Stunden später, gegen 20.45 Uhr, die nächste Überraschung: Zahlreiche Krankenwagen kommen auf der A9 angefahren. Ist etwas passiert? Die Aufklärung folgt: Da keine weiteren Busse durch die Gefahr des Anhaltens auf der A9 und des Einsteigens der oft drängelnden Passagiere direkt auf der Autobahn geplant sind, gibt es nun andere Wege. Eines der Feuerwehrfahrzeuge werde im Schritttempo in das nahe gelegene Appertshofen fahren, dort wurde eine Sammelstelle eingerichtet. Mehrere Personen folgen dem Fahrzeug zu Fuß, die restlichen Personen werden mit den angefahrenen Rettungswagen zu der Sammelstelle gebracht.
Ungewissheit vor Ort: Sitzen wir hier nun weiter fest?
Dort angekommen, um circa 21.20 Uhr, erklärt eine Einsatzkraft, dass nicht klar sei, wie lange sich alles noch ziehen werde und vermutlich Zelte aufgebaut werden. Dann aber doch eine schnelle Erlösung: Um 21.35 Uhr kommen zwei große Reisebusse an, die direkt den Hauptbahnhof Nürnberg ansteuern. Wieder ist die Erleichterung groß, bis es in dem ersten Bus, in dem wir sitzen, heißt: „Es sind zwei Personen zu viel drin, so können wir nicht losfahren.“ Es sollen sich Freiwillige melden, andernfalls werde die Polizei zwei Personen auswählen. Nach kurzer Zeit klärt sich die Situation im vorderen Teil des Busses - wie genau, erfahren wir nicht. Vor Abfahrt noch der Hinweis: Es gilt Anschnallpflicht - und so schnell habe ich noch nie zahlreiche Personen in einem Bus tatsächlich nach dem Anschnallgurt greifen sehen beziehungsweise hören.
Endlich, nach über 4 Stunden Wartezeit, davon zwei in einem überhitzten Zugabteil, sitzen wir in dem Bus in unsere Heimatstadt - auch, wenn noch immer eine Stunde Fahrt vor uns liegt, sind wir erleichtert. Um circa 22.50 Uhr, also 5 Stunden nach der ursprünglich geplanten Ankunftszeit, sind wir in Nürnberg angekommen. Und vor allem eines: Dankbar für die Hilfe und den Einsatz der gesamten Kräfte vor Ort!

