Nürnberg/Neumarkt - Im März 2025 wurde in Parsberg ein Mann erstochen. Der Täter: Sein Schwager. Das Motiv: Blutrache. Es ging um einen 20 Jahre lang zurückliegenden Mord an einer jungen Frau. Unser Podcast „Abgründe“ schildert eine Zufallsbegegnung, die tödlich endete.

Am 23. März 2025 wurde bei einem kurdischen Neujahrsfest in Parsberg i. d. Oberpfalz ein Mann (39) erstochen. Es war 15.15 Uhr, als Täter Ibrahim H. (44, Name geändert) Selbstjustiz übte - ihm ging es um Rache für ein Verbrechen, das jahrelang zurücklag: Vor 20 Jahren wurde in Damaskus seine Schwester ermordet. Der damalige Täter: sein Schwager und gleichzeitig sein Cousin. Als sich die beiden Männer bei dem Fest in Parsberg begegneten, griff Ibrahim H. zu einem Messer und stieß es dem 39-Jährigen mitten ins Herz. Kurz nach seinem Verbrechen wurde er von Verwandten öffentlich auf Facebook für seine Tat gelobt.

Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth hat Ibrahim H. im Februar 2026 wegen seines heimtückischen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und stellte niedere Beweggründe fest. In der mündlichen Urteilsbegründung wurden die Angehörigen beider Familien vor weiteren Taten gewarnt - denn dieses Strafverfahren hatte deutlich gemacht, was die archaische Logik der Blutrache und die vermeintliche Familienehre vor allem bedeutet: Angst auf allen Seiten.

Selbstjustiz und Blutrache: Angst auf allen Seiten

Etwa 1.000 Menschen waren damals, um das Neujahrsfest in Parsberg zu feiern, angereist. Das spätere Mordopfer war mit zwei Kindern gekommen. Dessen Ehefrau, sie hatte gerade ihr viertes Kind geboren, war geschwächt zu Hause geblieben. Sie erfuhr am Telefon von dem Verbrechen an ihrem Mann: Freunde kontaktierten sie unmittelbar danach und rieten ihr dringend, nach Parsberg zu fahren - um sich von ihrem sterbenden Mann zumindest zu verabschieden. Einer ihrer Söhne hatte den Mord an seinem Vater miterlebt, das Kind leidet bis heute unter Albträumen, schilderte die Mutter als Zeugin vor Gericht. Sie ist mit ihren vier Kindern mittlerweile umgezogen.

Auch die Ehefrau des Täters Ibrahim H. gab nach dem Messerangriff gegenüber der Kripo an, dass sie nun Angst um ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Kinder habe. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die beiden Familien über Generationen weiter befehden werden - auch wenn die Kinder auf beiden Seiten von dieser Tradition im Namen einer vermeintlichen Familienehre bis zum März 2025 nichts wussten.

Was in der Hauptverhandlung auch auffiel: Kein Zeuge wollte den tödlichen Angriff beobachtet haben, einige zogen sich gar auf den Standpunkt zurück, dass es sich bei dem Verbrechen um eine innerfamiliäre Angelegenheit handle, in die man nicht hineingezogen werden wolle.

In der aktuellen Folge unseres True-Crime-Podcasts „Abgründe“ sprechen wir mit Strafverteidiger Maximilian Bär über die Hintergründe dieses Verbrechens, über das staatliche Gewaltmonopol als Gegenentwurf zu Blutrache und ihrer grausamen Gewaltspirale.

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