
Mit den ersten beiden Konzerten in der Johan Cruijff ArenA in Amsterdam hat Harry Styles am Wochenende seine neue „Together Together Tour“ eröffnet – und damit eines der meisterwarteten Pop-Comebacks des Jahres geliefert. Deutlich wird, dass sich der Sänger musikalisch weiterentwickeln will, gleichzeitig aber mit den Erwartungen eines riesigen Publikums ringt.
Wer am Samstagabend bei der ersten Show dabei war, hat gleich gemerkt: Diese Tour ist größer, emotionaler und zugleich kontrollierter inszeniert als die Shows in Styles' vergangen Tourneen. Musikalisch ging der 32-jährige Sänger mit seinem im März erschienenen vierten Album „Kiss All the Time. Disco, Occasionally“ neue Wege und entfernte sich damit ein Stück weit von seiner bisherigen Rolle als charismatischer Wohlfühl-Popstar. Die neuen Songs sind introspektiver und wirken stellenweise deutlich ernster, atmosphärischer und auch mutiger.
Denn Styles experimentiert mit seinem Sound: Er setzt nun mehr auf Synthesizer, Drum Machines und lange, fließende Arrangements statt auf klassische Popstrukturen. Die erste Single „Aperture“ etwa ist elektronischer Synth-Pop und hat ungewöhnlich lange Instrumentalpassagen. Man hört die Einflüsse der Berliner Clubszene, von der sich der Brite offensichtlich hat inspirieren lassen. „Together Together“ ist das Motto: gemeinsam tanzen, fühlen, loslassen. Eben wie im Club.
Der Kampf um die Tickets – Warum trotzdem noch Karten zu haben sind
Harry Styles' viele Fans hatten schon vor Erscheinen des Albums in langen Online-Warteschlangen um die begehrten Tickets zur Tour gerungen. „Ich hatte 80.000 Leute vor mir in der Schlange“, erzählt ein Fan aus Nürnberg. „Das war eine Zitterpartie – wir waren als Freundesgruppe mit mehreren Handys und Laptops am Start, als der Vorverkauf losging.“ Die Freunde haben es geschafft und Tickets zur ersten Show am Samstag ergattert.
Zehn Konzerte gibt Harry Styles insgesamt in Amsterdam, bevor er weiter nach London, São Paulo, Mexiko City, New York City, Melbourne und Sydney tourt. Für Deutschland sind bisher noch keine Konzerte angekündigt, deshalb reisen aktuell auch viele deutsche Fans in die Niederlande.
Im Bus von Nürnberg nach Amsterdam trifft man am Tag des ersten Konzerts gleich mehrere Grüppchen, die auf dem Weg dorthin sind. Sie nehmen die neunstündige Fahrt gerne auf sich, um am Abend den Tour-Start in der niederländischen Hauptstadt zu erleben: „Wir machen da gleich einen mehrtägigen Mädelstrip nach Amsterdam draus“, erzählt eine Nürnberger Studentin. Der Ticketkauf sei stressig gewesen, aber weil viele Fans „Panikkäufe“ getätigt und viel mehr Tickets gekauft hätten, als sie brauchen, gebe es jetzt trotz des Ansturms auf die Verkaufsseite Ticketmaster noch einige Second-Hand-Karten. „Eine Freundin von mir musste ihr Ticket jetzt für 50 Euro verkaufen, dabei hat sie selbst dafür 200 gezahlt. Ich glaube, viele dachten, sie müssten schnell sein, und haben es mit dem Karten kaufen ein bisschen übertrieben.“
Auf die Frage, warum sich der Aufwand für ein Harry-Styles-Konzert – etwa die hohen Ticketpreise und die Kosten für Anreise und Übernachtung – lohnt, sind sich viele einig: Die Konzerte des Sängers seien legendär und auch nostalgisch. Zahlreiche Fans bleiben Styles seit seinen Tagen als Boyband-Mitglied der 2010 gegründeten Gruppe „One Direction“ treu. Sie kommen immer wieder zu seinen Shows, denn auch seine Solo-Tourneen seien immer besonders gewesen: „Er singt nicht einfach nur, sondern macht auch eine Art Stand-Up-Comedy auf der Bühne und interagiert viel mit den Fans“, erzählt eine Konzertbesucherin aus Augsburg. „Für das Publikum ist es einfach immer ein großes Fest und auch gerade für Frauen und für queere Menschen ein Safe Space. Alle sind richtig ausgelassen und freundlich miteinander, haben extravagante Outfits an und einfach eine gute Zeit.“ Die Erwartungen an die neue Tour sind also groß.
Harry Styles zeigt sich in neuem Licht: So war die erste Show
Vor dem ersten Konzert haben einige Fans stundenlang bei frostigen zehn Grad auf dem Arena-Gelände gewartet, um sich die besten Plätze an der Bühne zu sichern. Die Outfits der Fans, die dann ins Stadion strömen, sind nicht ganz so bunt und schrill wie in den vergangenen Jahren – vielleicht, weil sich einige von ihnen doch für eine Winterjacke statt für ein Glitzer-Top entschieden haben. Als Harry Styles die Bühne betritt und bei seinem ersten Song „Are You Listening Yet?“ einmal quer über die riesige, ins Publikum ragende Bühne rennt, ist die Energie, die man von seinen Konzerten kennt, aber wieder zu spüren. Zwei Stunden lang tanzen die Fans zu neuen Club-Sounds und singen bei den bekannten Klassikern mit. Für einige ruhigere Songs wie „Coming Up Roses“ oder „Matilda“ holt sich Styles sogar ein Streich-Ensemble mit auf die Bühne. Für ein paar neue Tracks hingegen verwandelt er die Bühnenmitte in eine kleine Disco und tanzt ekstatisch mit seiner Band.
Trotz der aufwändigen Produktion und der riesigen, visuell beeindruckenden Bühne schafft es der Sänger, mit seiner Präsenz nie distanziert oder künstlich zu wirken. Er lässt die große Arena intim erscheinen, gleichzeitig hat die Show mehr musikalische Kanten und setzt weniger auf permanente Euphorie, Leichtigkeit und den engen Fan-Kontakt, der seine früheren Shows geprägt hat. In einem Balanceakt zwischen Pop-Spektakel und künstlerischer Eigenwilligkeit kreiert Styles nun eine bewusst erwachsenere Atmosphäre.
Er wirkt hochkonzentriert, kontrolliert und gesteht auch auf der Bühne, dass er am Morgen noch ein bisschen nervös darüber gewesen sei, ob Leute überhaupt kommen würden. Seine musikalische Wende sei aber „erst der Anfang“. Insgesamt kann man nach diesem Tour-Auftakt einen großen Erfolg auch für die restlichen Konzerte erwarten. Und bereits jetzt kursieren Gerüchte, dass Styles womöglich 2027 auf dem Tempelhofer Feld in Berlin auftritt und damit seine Tour bis ins nächste Jahr verlängert.