Nürnberg - Stricken galt lange als Oma-Hobby. Inzwischen ist es auch wieder bei jungen Menschen beliebt. Warum Handarbeit nicht nur beim Strick-Kino in Nürnberg Gemeinschaft schafft, sondern auch gut für die Gesundheit ist.

Schon in der Schule hat man Handarbeiten wie Stricken und Häkeln gelernt. Was damals eher ein Muss war und zu seltsam geformten Topflappen oder kratzigen Schals geführt hat, ist heute ein Hobby, das gerade bei jungen Menschen wieder beliebt geworden ist. In den sozialen Medien teilen Nutzerinnen und Nutzer zahlreiche Fotos von gestrickten Cardigans, bunten Pullovern und geringelten Socken. Unter dem Trend „Granny Lifestyle“ zelebriert die Generation Z bewusst entschleunigende Aktivitäten wie Backen, Lesen oder eben Stricken.

Auch die 22-jährige Lilly und die 25-jährige Julia Schwarzkopf aus Aschaffenburg zählen zu den sogenannten „Strickfluencerinnen“. Auf ihrem Instagram-Account „lesfillesducoeur“ teilen die Schwestern Strickprojekte, Anleitungen und Einblicke in ihren Alltag. Rund 151.000 Menschen folgen ihnen dort inzwischen (Stand 14. Mai 2026).

Warum junge Menschen wieder zur Wolle greifen - Handarbeit als Ausgleich im Alltag

Warum Stricken gerade wieder so beliebt ist, erklären sie mit mehreren Faktoren. „In der heutigen Zeit spielt sich der Großteil des Alltags hinter digitalen Endgeräten ab - der Wunsch nach analogem Schaffen wird größer“, sagt Julia Schwarzkopf auf Nachfrage unserer Redaktion. „Man schafft etwas mit den eigenen Händen, kann sich dadurch ausdrücken und kann es zudem auch in Gemeinschaft tun.“

Eine große Rolle spiele dabei auch Social Media. Trends können sich dort besonders schnell verbreiten. „Wenn ein Video oder Foto von einem bunten gestrickten Cardigan viral geht, dann möchten diesen viele Leute nachstricken“, erklärt Schwarzkopf. Gleichzeitig entstünden online Gemeinschaften, denen Menschen angehören möchten.

Zur Handarbeit kamen die Schwestern über ihre Großmütter, von denen sie zunächst Nähen und Häkeln lernten. Später entstand bei Lilly der Wunsch, eigene Kleidung herzustellen. Mithilfe von YouTube-Videos und Strickanleitungen brachte sie sich das Stricken selbst bei. „Lilly könnte 24 Stunden am Tag stricken, ohne dass ihr langweilig wird“, sagt Julia Schwarzkopf schmunzelnd. Heute entwerfen die beiden Schwestern eigene Modelle, veröffentlichen Strickanleitungen und haben inzwischen sogar ein Buch herausgebracht.

Für die Schwestern liegt der Reiz des Strickens aber nicht nur im fertigen Kleidungsstück. „Man findet darin ein Hobby, das einen handwerklich fordert, Entschleunigung bringen kann und gleichzeitig individuelle Stücke für den eigenen Kleiderschrank schafft“, sagt Julia Schwarzkopf. Gerade in einer digitalen und schnelllebigen Welt könne Stricken vielen Menschen helfen, bewusst zur Ruhe zu kommen. „Man konzentriert sich auf diese eine Sache. Das tut gut, weil im Alltag meist alles gleichzeitig auf einen einprasselt“, erklärt sie.

Nicht nur ein Hobby: Warum Stricken gut für die Gesundheit ist

Was viele oft überrascht: Stricken ist nicht nur ein Hobby für gemütliche Abende auf dem Sofa, sondern kann sich auch positiv auf Wohlbefinden und Gesundheit auswirken. Laut der AOK kann Stricken kognitive Fähigkeiten fördern. Dazu zählen unter anderem die räumliche und visuelle Wahrnehmung sowie Konzentration und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig kann die Tätigkeit helfen, Ablenkbarkeit zu reduzieren.

Auch psychisch kann sich Handarbeit positiv auswirken: Die rhythmischen, sich wiederholenden Bewegungen beider Hände beanspruchen beide Gehirnhälften und können eine beruhigende, fast meditative Wirkung entfalten - ähnlich wie Yoga. Dadurch können Stress reduziert, der Blutdruck gesenkt und Ängste gemindert werden. Zudem sorgt die Beschäftigung mit Maschen und Mustern dafür, dass die Gedanken nicht abschweifen: Der Fokus ist auf das Strickprojekt gerichtet, was Ängsten und Sorgen weniger Raum bietet. Gerade für Menschen mit Angststörungen kann dies als unterstützende Ablenkung dienen.

Bettina Kuhnert, Vorstandsmitglied des deutschen Verbands der Ergotherapeuten, betont gegenüber Bayern 1 außerdem den entspannenden Effekt automatisierter Bewegungsabläufe. Anfangs sei Stricken noch stark kognitiv geprägt, mit zunehmender Übung werde es jedoch zu einer automatisierten Tätigkeit. Dadurch entstehe Freiraum für Gespräche, Kreativität oder Gedankenpausen.

Hilft Stricken gegen Demenz? Das sagen Expertinnen und Experten

Auch in der Forschung wird Handarbeit zunehmend im Zusammenhang mit mentaler Gesundheit und kognitiven Alterungsprozessen betrachtet. Der Neurobiologe Thomas Klausberger vom Zentrum für Hirnforschung an der Med-Uni Wien erklärt gegenüber dem Standard, dass Menschen, die handwerken oder andere kreative Tätigkeiten ausüben, tendenziell „ein geringeres Demenzrisiko haben“ und der geistige Abbau oft langsamer verlaufe.

Die Neuropsychologin Iris-Katharina Penner betont allerdings, dass Stricken kein Allheilmittel gegen Demenz ist. Gegenüber Bayern 1 beschreibt sie die sogenannte „kognitive Reserve“. Dabei handelt es sich um einen geistigen Puffer, der sich aus Erfahrungen und erlernten Fähigkeiten im Laufe des Lebens aufbaut - etwa durch Sprachen, Lesen, Musik oder auch Handarbeiten. Je ausgeprägter dieser „Lebensrucksack“ sei, desto besser könne das Gehirn neurodegenerativen Prozessen entgegenwirken.

Kinos in Nürnberg greifen Trend auf: Hier finden Strick-Kinos statt

Auch Kinos in der Region greifen den Trend inzwischen auf. In Nürnberg bieten unter anderem das Cinecittà Nürnberg sowie das Casablanca Filmkunsttheater spezielle Strick-Kino-Veranstaltungen an. Während im Cinecittà regelmäßig entsprechende Filmvorstellungen stattfinden, läuft die Reihe im Casablanca unter dem Namen „Faserblanca“ und findet dort einmal im Monat statt.

Nicole Heim, Pressesprecherin des Cinecittàs, erklärt auf Nachfrage unserer Redaktion, dass die Idee ursprünglich aus England kam. Bereits die ersten Veranstaltungen 2024 seien gut angenommen worden. „Mittlerweile sind wir im größten Deluxe-Saal des Hauses angelangt, den wir auch ausverkaufen“, so Heim. Die Nachfrage sei groß und die Termine beliebt.

Strick-Kinos seien grundsätzlich ganz normale Filmvorstellungen - „mit dem Unterschied, dass auch während des Hauptfilms das Licht gedimmt bleibt, wie zum Einlass“, erklärt Heim. Für die Pressesprecherin liegt gerade darin der Erfolg des Formats: „Die Community hat Spaß, aktuelle Filme und einen Treff, der zu einem gemütlichen Austausch unter Gleichgesinnten wird.“