Nürnberg - Sechs deutsche Vereine hat Jens Keller während seiner Trainerkarriere betreut - mal spielte seine Mannschaft international, mal ging es gegen den Abstieg. Doch was macht der Ex-FCN-Coach eigentlich heute?

Nicht einmal sieben Monate lang war er Trainer beim 1. FC Nürnberg, der sich nach Ende der Ägide von Jens Keller unter Interimscoach Michael Wiesinger doch noch spektakulär rettete. Dieses Engagement liegt bereits über ein halbes Jahrzehnt zurück. Trotzdem könnte man Keller bei einem Spaziergang durch die Innenstadt begegnen, denn sein Zweitwohnsitz liegt seit 2020 nach wie vor in Nürnberg. Geneigte Clubfans fragen sich vielleicht, was den ehemaligen Übungsleiter an die Stadt bindet. Spekuliert Keller vielleicht auf eine weitere Amtszeit beim FCN? Keineswegs: In einem Podcast hat der gebürtige Stuttgarter ungewohnt offen über seine Erfahrungen im Fußball und sein Leben danach gesprochen.

Mit einem Punkteschnitt von 1,1 Zählern pro Partie war Jens Kellers Bilanz die schwächste aller Trainer, die den FCN seit dem Abstieg aus der Bundesliga 2018/19 betreut haben. Insgesamt 21 Spiele dauerte seine Amtszeit zwischen November 2019 und Juni 2020. Nach dem 34. Spieltag wurde er freigestellt, der Club musste in die Relegation, der Rest ist Nürnberger Fußballgeschichte, für immer untrennbar mit dem Namen Fabian Schleusener verbunden. Über sechs Jahre später spricht Keller im Podcast „Football Finance“ ausführlich über die Schattenseiten des Geschäfts, bezahlte Auszeit und warum er mit der Entlassung beim „Ruhmreichen“ die Lust verlor.

Jens Keller ist durch mit dem Profifußball - mehr oder weniger: „Man ist nur noch im Tunnel, lebt ein Jahr da, zwei Jahre dort, wird ständig aus dem sozialen Umfeld gerissen. Irgendwann ist das Geld nicht mehr wichtig, sondern die Lebensqualität. Ich bin mittlerweile 55 Jahre alt und habe keine Lust mehr, mein Leben von Woche zu Woche zu gestalten. Gewinnst du, hast du eine gute Woche, verlierst du, ist sie nicht so gut. Verlierst du zum zweiten Mal, ist es ne Scheiß-Woche und beim dritten mal kannst du schon wieder anfangen zu packen. Da bin ich mir mittlerweile zu schade für“, erklärt er. Seit Mai 2024 stand Keller nicht mehr an der Seitenlinie - und wird es wohl auch nie wieder im Profibereich. Mit einer Ausnahme: „Wenn etwas spannendes im Ausland kommen würde, würde ich das vielleicht noch machen.“

Mittlerweile lebt er ein anderes Leben, bewegt sich nach eigener Aussage im Bereich Finanzen und Immobilien. Und tatsächlich: wirft man die Suchmaschine des Vertrauens an und tippt seinen Namen ein, erscheint Jens Kellers Profil unter der Immobiliengesellschaft Engel und Völkers. Dort ist er offenbar als selbstständiger Senior-Immobilienberater tätig. Wohn-, Anlage- und Luxusimmobilien, sowie Villen, Verkäufe und Bewertungen rund um Eckental, Nürnberg, Lauf und Heroldsberg weist die Seite als seine Expertise aus. Doch wie wurde aus einem ehemaligen Bundesliga-Trainer mit Champions-League-Erfahrung ein Immobilienexperte? Wann ist der Reiz am Trainerjob verloren gegangen?

„Spaß verloren gegangen“

„Nach der Station in Nürnberg“, antwortet Keller. „Die Corona-Nummer war schwierig, dann war die Situation in Nürnberg allgemein schwierig. Da habe ich gemerkt, dass mir der Spaß verloren gegangen ist.“ Nürnberg habe er „sehr sehr gerne noch gemacht, ein Traditionsklub, auf den ich mich sehr gefreut hatte“, blickt der ehemalige Coach zurück. Die Zeit sei nicht von Erfolg geprägt gewesen, wobei er seiner Mannschaft teilweise guten Fußball attestiert. „Wir haben die Bayern 5:2 in der Wintervorbereitung weggehauen, im Trainingslager alles weggehauen, spielen überragend gegen St. Pauli und machen aus fünf 100-prozentigen Chancen das Tor nicht - und verlieren das Spiel nach einem Konter sogar mit 0:1. Und dann ist die ganze Euphorie aus der Vorbereitung zusammengebrochen.“

Der Trainer sei sicherlich die wichtigste Personalie im Verein, gibt Keller zu bedenken, „das wird aber nicht immer ganz so gelebt. Wenn man Erfolg hat, heißt es ,wir als Verein sind erfolgreich‘, aber bei Misserfolg bist du es als Trainer. Wenn der Trainer so wichtig wäre, würde man länger an ihm festhalten und ihm das Vertrauen schenken. Der Trainer ist das einfachste Glied, das ausgewechselt wird.“ Er erinnere sich noch gut an die Relegation gegen Ingolstadt. „Ich habe den Fernseher aus Wut ausgemacht, weil es 3:0 für Ingolstadt stand - und dann machte Schleusener das Tor in der Nachspielzeit, das habe ich aber nicht mehr gesehen.“

Relegations-Anrufe und „Schmerzensgeld“

Einige Spieler hätten nach Abpfiff noch in der Sporthose über Facetime angerufen und gesagt: „Trainer du hast das hier mit geschafft“, erzählt Keller heute. Namentlich erwähnt er Christian Mathenia, Enrico Valentini und Hanno Behrens. „Da sieht man, dass man viel richtig gemacht hat.“ Kellers Vertrag lief durch den Klassenerhalt trotz Freistellung ein Jahr weiter. Wie es sich anfühlt bezahlt zu werden, ohne weiter für den Verein zu arbeiten, wird er gefragt - und entgegnet: „Warum soll sich das schlecht anfühlen? Man wird ja auch einfach mal so rausgeschmissen, dann ist das eben das Schmerzensgeld, das man bekommt.“

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