Geheimtipps statt Bestsellerliste! Richtig gute Bücher für den Mai 2026
05.05.2026, 12:41 Uhr
Liest man Stewart O'Nan, muss man keine Angst vor dem Altern haben. Und was war da eigentlich mit Serge Gainsbourg und Jane Birkin und "Je t'aime"? Unsere Buchtipps für Romane und andere spannende Bücher im Mai.

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1/12 - Wie setzt sich Wahrheit zusammen, was bestimmt unser Leben, wenn wir ständig gleichzeitig in verschiedenen analogen und virtuellen Räumen kommunizieren? Solche Fragen sind charakteristisch für das reflexive Oeuvre des US-Autors Ben Lerner, und die Antwort, die der 47-Jährige in seinem Roman „Transkription“ (Suhrkamp, 24 Euro) gibt, ist so unterhaltsam wie geistreich. Der Erzähler reist für ein letztes Interview zu seinem hochbetagten Mentor, eine Größe der Geisteswelt, die gewisse Ähnlichkeiten mit Alexander Kluge aufweist (Lerner kannte ihn tatsächlich). Leider kommt dem Erzähler vor dem Interview sein Smartphone abhanden: ein Supergau in unserer technisierten Welt. Die Kettenreaktionen - sind hochkomisch und überraschend! Thomas Heinold © Suhrkamp; kalhh/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

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2/12 - Natürlich macht dieses Buch Lust, wieder zum Original zu greifen: Steffen Kopetzkys „Die Harzreise“ (Rowohlt, 23 Euro) legt man erstmal zur Seite und verliert sich zum x-ten Mal in Heinrich Heines gleichnamigem Stück voll galliger Satire und schmerzender Wahrheiten über Deutschland vor 200 Jahren. Aber auch der Text des nachwandernden Zeitgenossen hat seinen Reiz, wenn er heute die Sehnsuchtsorte durchstreift, die blanke Natur entdeckt. Freilich geht es der an den Kragen und auch die politischen Verhältnisse sind wenig vernünftiger als zu Heines Zeiten. Kopetzky macht daraus ein atmosphärisch dichtes Leseabenteuer, eine Seelenerkundung am Rand der bedrohten Idylle. Bernd Noack © Rowohlt; Sven Lachmann/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

3 / 12
3/12 - Wenn man denkt, was für ein Scheißtag, hilft diese erheiternde Lektüre garantiert. Der österreichische Autor und Dramatiker Franzobel ist jedenfalls ganz in seinem Element: "In Klos tritt man ein, um auszutreten", schreibt er augenzwinkernd. "Sie zeigen unsere Angst davor, Mensch zu sein. Sie lehren uns Entspannung und machen die Entleerung spannend." In der hübschen kleinen Reihe "Dinge des Alltags" durfte Franzobel sich eben "Das Klo" aussuchen - und lässt es in seiner glossierenden Glorifizierung (Klorifizierung wäre seine Wortwahl) des sonst so verschämten Stuhlgangs geradezu kabarettreif krachen... Ja, auch Kalauer haben etwas Befreiendes - es muss dann einfach raus! (Residenz Verlag, 15 Euro) Wolf Ebersberger © Residenz Verlag; Filmbetrachter/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

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4/12 - Stewart O’Nan ist nun selbst 65 – und schreibt so einfühlsam und eindringlich über das Altern und seine Begleiterscheinungen wie er es vor vielen Jahren etwa über die College-Zeit oder die Rollen als Eltern getan hat. „Abendlied“ (Rowohlt, 26 Euro) heißt das neue Werk, und der US-Schriftsteller erzählt darin so unspektakulär von vier Freundinnen, die ihren Lebensabend damit verbringen, Bridge zu spielen und anderen Hochbetagten zu helfen. Sie erledigen Einkäufe, begleiten zu Ärzten, machen Krankenhausbesuche und kümmern sich sogar um Beerdigungen. So, das denkt man sich beim Lesen, möchte man auch gerne mal 70, 80 oder 90 werden. Sharon Chaffin © Rowohlt; Arachne Kennedy/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

5 / 12
5/12 - Während sich unsereins um Wal Timmy sorgt, klagt Herman Melville, dass sein "Moby Dick" gerade feststeckt... Kriegt er ihn wieder ins offene Wasser? An Wortgewalt mangelt es ihm aber auch hier nicht, im Brief an den Kollegen Hawthorne. Zu finden ist dieser in dem überwältigenden Band 'I Have a Dream", mit dem Horst Lauinger und Stefan Wagner 250 Jahre USA anregend Revue passieren lassen, mal literarisch, mal eher historisch, von der Lincoln-Rede zum Dylan-Song. Alle großen Namen sind vertreten, Freiheit, Demokratie und Vielfalt die Aufhänger. Schade, dass ausgerechnet so ein schlechter Präsident wie Donald Trump das Jubiläum feiern darf. Dieser dicke deutsche Beitrag setzt ein würdevolles Gegengewicht. (Manesse, 40 Euro) Wolf Ebersberger © Manesse; Frank Nürnberger/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

6 / 12
6/12 - Dieses Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes ernüchternd. Christoph Peters beschreibt in seinem Roman „Entzug“ (Luchterhand, 24 Euro) die Qualen eines schwer trinkenden Schriftstellers. Der Rausch von über zwei Promille täglich 20 Jahre lang zählt ebenso zu den Höllenqualen wie die Therapie in einer Berliner Entzugsklinik. Der 59-Jährige bleibt auch hier seinem präzise beobachtenden Realismus treu. Die Läuterung, die religiöse Dimension liegt in der fundamentalen Größe des Abschieds und der Katharsis, die jeder Trinker durchlaufen muss, will er von seinem einzigen Gott, dem Alkohol, loskommen. Peters beschönigt nichts, auch nicht das Resultat: Das Leben danach werde todlangweilig sein. Aber immerhin, es ist das Leben. Thomas Heinold © Luchterhand; TheresaMuth/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

7 / 12
7/12 - Christoph Sator: La vie en rose. Kiepenheuer & Witsch - Nur frei im Rahmen der Berichterstattung über die Buchvorstellung. © Kiepenheuer & Witsch; tomwieden/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

8 / 12
8/12 - Wer um einen geliebten Menschen trauert, sucht mitunter Nähe in Alltagsgegenständen – Kleidungsstücke, in denen noch der vertraute Geruch hängt, Kalender, Fotos. So geht es auch der 37-jährigen Poppy, die ihre ältere Schwester verloren hat: In deren Wohnung sucht Poppy immer wieder Zuflucht, schläft dort und entdeckt auf dem Handy der Schwester eine Nachricht von einem Mann, die sie neugierig macht. Sie antwortet – und es entwickelt sich eine eigentümliche Romanze. Mit ihrem Debütroman "Alle lieben Dandelion, aber sie ist tot" hat die Engländerin Rosie Storey ein bezauberndes Werk geschaffen. Einerseits Liebesroman, andererseits auch ein einfühlsam geschriebenes Buch übers Trauern, Durchhalten und Loslassen. (dtv, 23 Euro) Sabine Ebinger © dtv; Erika Varga/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

9 / 12
9/12 - Was, wenn Du Adhs und Probleme in der Schule hast? Und dann – ausgerechnet, wenn Du endlich den 1,2-Zeugnisschnitt erreichst – dummerweise einen Hasen tötest? Dann verschwindet noch deine Oma in den Bergen und die Tante bringt dich, anstatt ins Sommercamp, in ihre alternative Aussteigerkommune... Dabei möchte dieser Oz doch nur eines: der Mutter alles beichten, auf dass sie ihm verzeihen und die Hand reichen möge. Was hörst er dann? "Unsere Nerven, beharrlich und stur. Hier gibt es noch etwas zu tun." Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher vollendet in ihrem neuen Roman "Sie wollen uns erzählen" ein atmosphärisch-dichtes Portrait einer einzigartigen Mutter-Sohn-Beziehung. Zauberhaft und stark! (Zsolnay, 24 Euro) Regina Heider © Zsolnay; Stefan Schweihofer/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

10 / 12
10/12 - Es ist eine groteske Entdeckung, die Tilda macht: Die Fotografin und Geschäftsfrau stellt mit 52 fest, dass ihr kleiner Finger weg ist. Sie spürt ihn zwar, aber er ist nicht mehr zu sehen – und weitere Körperteile verschwinden. Ganz buchstäblich beschreibt Jane Tara in ihrem Roman "Mit anderen Augen", wie Frauen ab einem gewissen Alter unsichtbar werden. Als Schauspielerinnen seltener gebucht, bei Beförderungen übergangen... Stück für Stück setzt sich Tilda mit dem seltsamen Leiden auseinander, Seite für Seite erkennt man, wie weit verbreitet das Problem ist. Witzig und mit leichter Feder benennt die australische Autorin ein Ärgernis, das uns alle angeht – und lässt das Selbstbewusstsein hochleben... (Diogenes, 25 Euro) Sabine Ebinger © Diogenes; Robert Krajewski/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

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11/12 - Wer ist, wer war diese Ann, die hoch betagt einen Schlaganfall erlitt und durch das Labyrinth der Pariser Pflegeeinrichtungen geschickt wird? Was aus der englischen Vergangenheit hat sie ihrer Tochter verschwiegen? Was kann sie ihr in der verbleibenden Lebenszeit noch offenbaren, da ihre Sprache auf ein Minimum reduziert ist? "Die Kategorien des Realen und der Fiktion sind nicht so deutlich getrennt. Und an der Kreuzung dieser Achsen befindet sich DIE WAHRHEIT." Genau der versucht die Erzählerin Julia auf die Spur zu kommen. Aber wie viele Wahrheiten gibt es? Julia Decks eleganter autobiographischer Roman löst das Enigma ihrer Familiengeschichte nicht final auf - und eben darin liegt der Reiz. (Nagel und Kimche, 24 Euro) Regina Heider © Nagel und Kimche; Gabriele/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

12 / 12
12/12 - Ein Block schneeweißen Marmors, erblickt auf einer Fähre im Mittelmeer, steht am Anfang: eine Art göttliche Erscheinung - und schon beginnt eine weitere Reise, eben im Kopf von Judith Schalansky. "Marmor, Quecksilber, Nebel" nennt sich das neue Buch der außergewöhnlichen Autorin ("Der Hals der Giraffe") und Herausgeberin ("Naturkunden"), und führt in drei Stoff-Exkursionen durch Welt, Kunst und Geschichte. Man denkt an W. G. Sebald und seine melancholischen Wege, auch hier sind der Steinbruch von Carrara, die Staatsbibliothek Berlin als Schreibort wie das KZ Flossenbürg mit seinen Arbeitssklaven nur einen Gedankensprung weit entfernt. Blitzgescheit und blendend formuliert: mit dem Stift als Meißel. (Suhrkamp, 24 Euro) Wolf Ebersberger © Suhrkamp; Jens-Uwe/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid
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