
Ein Mann sieht, offenbar in einem dunklen Möbelhaus, einen dünnen leuchtenden Streifen in einer ansonsten dunklen Wand. Er geht darauf zu, der Streifen verschwindet, der Mann untersucht die Wand - und plötzlich findet er sich in einer Art Büroraum wieder. Die Wände sind in fragwürdigem Pastellgelb gestrichen, der Boden hat die gleiche Farbe. Fenster gibt es keine, dafür wird der Raum von einzelnen Neonlampen erhellt. Der Raum ist leer, bis auf einen Haufen aufgetürmter Möbel in der Mitte. So beginnt der Trailer des am 4. Juni in den Kinos startenden Films „Backrooms“. Die große Frage lautet: Wie kam er dort hin - und wo ist er eigentlich gelandet?
Der Film stellt den (vorläufigen) Höhepunkt eines Internet-Phänomens dar, das seinen Anfang vor fast genau sieben Jahren nahm. Mitte Mai 2019 bat ein Nutzer des Imageboards 4chan um „beunruhigenden Bildern, die sich nicht gut anfühlen“. Eines der nach dieser Bitte geposteten Fotos zeigte einen leeren Gang in gelblicher Farbe, spätere Kommentare ergänzten, dass man sich dazu noch den Geruch von feuchtem Teppich und das Geräusch summender Neonröhren vorstellen müsse.
Auch wie man den Ort erreichen könnte, wurde beschrieben: Wenn man in der Realität „noclippt“, also wie in einem fehlerhaft programmierten Videospiel versehentlich durch Wände läuft oder durch den Boden fällt, landet man in einem solchen Bereich. In endlosen, monotonen Räumen, aus denen es kein Entkommen gibt. Der Name dieses Bereichs ist „Backrooms“ - ein Wort, das in der deutschen Übersetzung so viel wie „die Hinterzimmer“ bedeuten würde, was dem Sachverhalt aber nicht ansatzweise gerecht wird.
Schnell verselbständigte sich diese Internet-Horror-Legende durch ausführliche Geschichten oder Memes, bis die Sache dann 2021 regelrecht explodierte: Der YouTuber Kane Pixels veröffentlichte mehrere Videos im „Found Footage“-Stil (wie beispielsweise in Horrorfilmen wie „Blair Witch Project“ oder „Paranormal Activity“) zu dem Thema und erreichte damit ein Millionenpublikum. Im Prinzip erschuf er aus einem 4chan-Bild eine pseudo-dokumentarische Horrorwelt mit eigener Dramaturgie.
Parallel dazu eroberten die Backrooms TikTok, vor allem in kurzen Clips: POV-Aufnahmen leerer Räume, begleitet vom Summen der Neonröhren. Auch Videospiele griffen das Konzept auf - oft ohne klassische Gegner oder Ziele, stattdessen mit Fokus auf Atmosphäre, Sounddesign und Orientierungslosigkeit.
Der Horror der Backrooms entsteht dabei fast vollständig ohne klassische Bedrohungen wie beispielsweise Monster (obwohl es dort dann doch gelegentlich welche zu geben scheint): Stattdessen entsteht ein subtiles, ständiges Unbehagen aus der Endlosigkeit und der monotonen Wiederholung gleichförmiger Räume ohne Fenster, ohne Ausgänge und ohne klare Struktur - und besonders ohne jeden erkennbaren Sinn. Wer schon einmal durch ein leeres Bürogebäude kurz vor dem Abriss gegangen ist, kennt das Gefühl vermutlich.