
„Geh erst mal arbeiten.“ „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, wahlweise auch ein weinerliches „man darf ja nichts mehr sagen.“ „Früher war alles besser.“ „Uns hat das damals auch nicht geschadet.“ - wenn solche Sprüche fallen, ist ein Boomer (die Generation, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurde) in seiner klischeehaft negativen Form, auch bekannt als „alter weißer Mann“, normalerweise nicht weit. Entsprechend häufig kracht es zwischen solchen älteren und jungen Menschen, die (wenig überraschend) meist nicht allzu viel von herablassender Besserwisserei halten. Oder auch von der latent toxischen Männlichkeit, die damit oft verbunden ist.
Dass das auch anders geht, zeigt der Sänger Herbert Grönemeyer. Seit 1979 ist er musikalisch aktiv und hat nicht nur kürzlich seinen 70. Geburtstag gefeiert, sondern es auch geschafft, von einer Generation gefeiert zu werden, die eigentlich mit TikTok und Rap‑Ästhetik aufgewachsen ist - der Gen Z, also den Angehörigen der Jahrgänge von 1995 bis 2010.
Mitverantwortlich für den derzeitigen Hype um den Sänger war die Berliner Rapperin Ikkimel. Die für eine sehr explizite Ausdrucksweise bekannte, selbsternannte „Fotzenrapperin“ lobte Grönemeyer ungewöhnlich offensiv als positives Gegenbeispiel zu vielen älteren prominenten Männern: Während sich viele prominente Vertreter seiner Generation als Opfer von „Cancel Culture“ inszenieren oder ganz bewusst polarisieren, bleibt Grönemeyer bei seiner seit Jahrzehnten offen vertretenen Linie gegen Rechts, für Demokratie und Toleranz, gegen Ausgrenzung - und all das völlig unaufgeregt und ohne kalkulierte Empörung.
Verletzlichkeit als zentrales Motiv
Dazu kommt ein Aspekt, der in aktuellen Pop‑Diskursen eine große Rolle spielt: der Umgang mit Männlichkeit. Grönemeyers Musik ist seit Jahrzehnten geprägt von Verlusten, Unsicherheiten und Ängsten, und spätestens seit dem Album „Mensch“ ist das Thema „Verletzlichkeit“ ein zentrales Motiv. Lange wurden seine Songs deswegen als „Betroffenheitspop“ belächelt (oder auch verspottet), inzwischen werden sie eher als eine wohltuende Form authentischer emotionaler Offenheit wahrgenommen.
In einer Zeit, in der Männlichkeitsbilder zunehmend hinterfragt werden - nicht zuletzt durch geradezu monströse Skandale wie den Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein oder auch die mutmaßliche digitale sexuelle Gewalt gegen Collien Fernandes -, erscheint diese Offenheit rückblickend erstaunlich modern. Kein Wunder, dass besonders Grönemeyers 1984 veröffentlichter Song „Männer“, in dem das Klischee von Männlichkeit (und die dabei entstehenden Widersprüche) auf sehr reflektierte Weise seziert wird, derzeit wieder deutlich häufiger in den Timelines der sozialen Netzwerke zu sehen und zu hören ist.
Doch Herbert Grönemeyer begeistert junge Menschen auch auf andere Weise: In den sozialen Medien taucht er ebenso leise und unauffällig auf, wie er seiner Linie der Toleranz folgt. Er spricht über Musik, über Politik, über den Alltag und bringt das Kunststück fertig, jüngere Künstlerinnen und Künstler zu loben, ohne sich dabei anzubiedern. Nicht umsonst nannte Der Spiegel den Sänger im Juni 2024 „Deutschlands unboomerigsten Boomer“.
Eigentlich der Mindeststandard
Allerdings gibt es durchaus auch Kritik am derzeitigen Hype um den Sänger: Gerade junge Stimmen weisen darauf hin, dass vieles, was Grönemeyer heute positiv angerechnet wird, eigentlich der Mindeststandard sein sollte - und die Tatsache, dass das eben oft nicht der Fall ist, viel über den Zustand der Gesellschaft aussagt.
Letztlich ist Grönemeyer einfach ein netter Kerl. Ein Mann, der gealtert ist, ohne verbittert zu sein, und der sich politisch klar positioniert, ohne zu belehren oder missionarisch zu wirken. Und das ist sehr selten geworden in seiner Generation.