Fürth/Nürnberg - Laut einer Analyse der aktuellen Inzidenzen von HIV-Infektionen soll Fürth der bundesweite Spitzenreiter sein, Nürnberg landet unter den Top 10. Die Gesundheitsämter erklären nun, welche Gründe dahinterstecken könnten.

Das Portal Erobella.com führte eigenen Angaben nach eine Analyse der aktuellen Inzidenzen von Syphilis, HIV und Gonorrhoe in deutschen Städten durch. Der sogenannte STD City Index Germany soll zeigen, in welchen deutschen Städten sexuell übertragbare Krankheiten besonders häufig auftreten.

Für die Erstellung der Analyse habe das Portal die vom Robert Koch Institut (RKI) für das Jahr 2025 gemeldeten Inzidenzen pro 100.000 Einwohner für die jeweilige Erkrankung herangezogen. Betrachtet wurden 70 Städte in Deutschland.

Dabei hat sich gezeigt, dass Fürth mit einer Inzidenz von 19,69 Fällen pro 100.000 Einwohner bundesweit den höchsten Wert der HIV-Infektionen aufweist. Auf Platz zwei folgt Chemnitz mit einer Inzidenz von 10,59, gefolgt von Berlin-Mitte mit einer Inzidenz von 10,42. München liegt mit einer Inzidenz von 9,83 auf Platz fünf. Die Frankenmetropole Nürnberg schließt das Ranking mit einer Inzidenz von 8,31 auf Platz 10 ab.

Bei den Gonorrhoe-Infektionen liegt Nürnberg auf Platz 8 mit einer Inzidenz von 5,67. Berlin Friedrichshain-Kreuzberg führt in dieser Kategorie mit einer Inzidenz von 10,13.

Hohe Inzidenz bei HIV-Infektionen in Fürth und Nürnberg - Gesundheitsämter gehen auf Ranking ein

Auf Anfrage der Redaktion gingen die Gesundheitsämter Nürnberg und Fürth auf die Ergebnisse der beschriebenen Analyse ein.

In dem Zusammenhang wies das Gesundheitsamt Fürth darauf hin, dass es sich bei den in der Analyse beschriebenen Inzidenzen vom RKI vermutlich vielmehr um Prävalenzen handelt. Demnach beschreiben Inzidenzen die Zahl der Neuerkrankungen pro einen definierten Zeitraum, während Prävalenzen die Gesamtzahl aller bestehenden Fälle erfassen. Dem Gesundheitsamt würden jedoch keine Zahlen zu den Inzidenzen und Prävalenzen vorliegen, da Labornachweise von HIV gegenüber dem RKI meldepflichtig sind, nicht aber gegenüber den Gesundheitsämtern.

Zudem weist das Gesundheitsamt Fürth darauf hin, das Ranking habe nur eine eingeschränkte Aussagekraft. So könnten grundsätzlich beispielsweise HIV-Schwerpunktzentren mit überregionalem Patientenbezug zu erhöhten Zahlen beitragen. Auch das Nürnberger Gesundheitsamt weist darauf hin, dass die Höhe der Infektionszahlen in der Analyse Faktoren, wie eine Kleinstadt mit einer Schwerpunktpraxis für HIV nicht berücksichtigen würde. Wird lediglich die Einwohnerzahl mit der Inzidenz betrachtet, kann es zu Verzerrungen führen.

So befindet sich in Fürth eine HIV-Schwerpunktpraxis mit überregionalem Patientenbezug, der teilweise auch über Nordbayern hinausgehen würde, erklärt das Gesundheitsamt Fürth.

Darauf geht auch Manfred Schmidt, Fachvorstand der Aids-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth, ein. In einem Interview erklärt er gegenüber der Redaktion, HIV sei in Deutschland nur anonym meldepflichtig. Das würde dazu führen, dass in die Labormeldung an das RKI oftmals die Postleitzahl der Praxis eingetragen wird, weil die Postleitzahl der Patienten nicht bekannt ist, heißt es auch seitens des Gesundheitsamtes Nürnberg. Daher würden viele HIV-Meldungen Fürth zugeordnet werden.

Hohe Inzidenz bei HIV-Infektionen in Fürth und Nürnberg - Was steckt dahinter?

Es gäbe zudem noch einen weiteren Unterschied zwischen Nürnberg und Fürth, welcher sich in den höheren Zahlen widerspiegeln würde, erklärte das Gesundheitsamt Fürth. Demnach befinde sich im Zuständigkeitsbereich des Fürther Gesundheitsamtes die zentrale Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende in Zirndorf. Diese würde eine deutlich höhere Prävalenz für HIV aufweisen. Laut dem Amt würden viele Asylsuchende mit einer bereits bestehenden, teils nicht vorbekannten HIV-Infektion ankommen.

Michael Eckert, der Leiter der Fachstelle sexuelle Gesundheit und stellvertretende Bereichsleitung Infektionsschutz vom Gesundheitsamt Nürnberg, erklärte zudem, dass je mehr Menschen das Angebot zur Testung auf HIV und andere STI nutzen, desto mehr Infektionen auch tatsächlich festgestellt werden können. Dies bedeute aber nicht, dass mehr nachgewiesene Infektionen auch eine stärkere Verbreitung der STI ergeben.

Dem Gesundheitsamt würden jedoch keine Daten vorliegen, ob und wie städtische Faktoren wie Nachtleben oder Tourismus die Entwicklung der einzelnen STI beeinflussen würden.

Grundsätzlich gäbe es beim Gesundheitsamt zudem kein Ranking der besonders relevanten Infektionen. Alle STI hätten Relevanz, jedoch beobachte das Gesundheitsamt aktuell einen Anstieg der Chlamydien-Infektionen, besonders bei jüngeren Menschen.

Hohe HIV-Zahlen in Städten - Wer ist besonders von Infektionen betroffen?

Auch Manfred Schmidt spricht von den häufiger auftretenden bakteriellen Infektionen wie Syphilis, Chlamydien und Tripper. Bei HIV hingegen seien die Zahlen relativ stabil und würden tendenziell eher zurückgehen.

Dabei lässt sich bei HIV ein Unterschied zwischen Großstädten und dem ländlichen Bereich erkennen, so Schmidt. Betroffene würden öfter in Städten leben, unter anderem, weil es in städtischer Umgebung einfacher ist, medizinische Versorgung zu erhalten. Zudem sei es in Städten einfacher, Treffpunkte, Austauschmöglichkeiten und Beratungsstellen zu finden. Dabei seien auch in Deutschland nach wie vor Männer, die mit Männern Sex haben, häufiger von HIV betroffen. Dies zeigt auch ein Bericht des RKI aus dem Jahr 2024. Daraus wird ersichtlich, dass Ende 2024 etwa 89.600 Menschen in Deutschland mit einer HIV-Diagnose gelebt haben. Etwa 71.100 von ihnen waren Männer. 53.100 der Betroffenen hätten laut RKI Sex zwischen Männern.

Schutz gegen Geschlechtskrankheiten - Was tun im Falle einer Infektion?

Grundsätzlich sei das Kondom ein sehr wirksamer Schutz bei HIV, vorausgesetzt, es wird richtig benutzt, also von Anfang bis Ende, so Schmidt. Und insgesamt sei der Kondomgebrauch in Deutschland aktuell so hoch wie noch nie, gerade bei jungen Leuten. Doch Tripper und Chlamydien seien viel leichter übertragbar, beispielsweise durch Schmierinfektionen über Hände, Speichel oder Oralsex. In diesem Fall bietet auch die konsequente Nutzung von Kondomen keinen 100-prozentigen Schutz. Zudem warnt Schmidt vor dem Verzicht auf Kondome bei Einnahme vorbeugender Medikamente gegen HIV. Diese können zwar vor der Infektion schützen, das Verzichten auf Kondome könne dann hingegen zu anderen Infektionen führen.

Schmidt weist abschließend darauf hin, dass sich Menschen im Falle einer Infektion nicht schämen sollten. „Das ist kein Drama“, erklärt er. Ist man bereits infiziert oder vermutet man eine Infektion, sollte man dies abklären lassen. „Das kann jedem und jeder passieren. Das Schlimme ist eher, dass man sofort fragt: Wer ist schuld?“, diese Einstellung würde die Situation nur verkomplizieren, so Schmidt.

Bei Fragen, Problemen und Unklarheiten können Menschen sich jederzeit an Beratungsstellen wie die Aids-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth wenden.