
In den Wohnzimmern blicken die Menschen schockiert auf ihre Fernseher, in den Büros erstarren die Beschäftigten. Für weiße Amerikaner, sagt die Stimme aus dem Off, war es einfach nur eine weitere großartige Woche - bis diese Meldung wie der Weltuntergang über sie hereinbrach: „Beyoncé“, heißt es in den Nachrichten, „ist schwarz“. Am Ende sind vermeintliche Gewissheiten so stark erschüttert, dass ein verängstigtes Kind seine Mutter beim Zubettgehen fragt: „Mami... aber Taylor Swift ist doch noch weiß, oder?“.
Der Sketch der US-Show „Saturday Night Life“ im Stil eines apokalyptischen Science-Fiction-Films, zehn Jahre alt, spielt darauf an, dass Beyoncé ihre Haut in Werbekampagnen und Fotoshootings wiederholt aufhellen ließ, offenbar, um einem weißen Ideal zu entsprechen. Dann kam 2016. Dann kam „Formation“, ein aggressives Musikvideo im Black-Power-Style - Beyoncés Bekenntnis zu ihrem schwarzen Erbe. Weitere folgten.
Seine Taylor-Swift-Seminare machten den Bambeger Kulturwissenschaftler Jörn Glasenapp bundesweit bekannt
Jörn Glasenapp, Inhaber des Lehrstuhls für Literatur und Medien an der Universität Bamberg und wegen seiner Seminare sowie eines bei Reclam erschienenen Buches bundesweit als Taylor-Swift-Professor bekanntgewordener Forscher, schildert die Episode in seinem neuen Buch „Beyoncé und Taylor Swift“. Das, wie der Titel schon andeutet, ein Doppelporträt der beiden amerikanischen Ikonen ist.
Hier erzählt aber niemand bloß zwei Künstlerinnenbiographien nach (wie es zunehmend besser auch eine KI könnte), hier verortet ein Kulturwissenschaftler Beyoncé und Swift quellen- und kenntnisreich in den Kulturkämpfen der USA um Feminismus, ethnische Zugehörigkeit und kulturelle Aneignung. Betrachtet sie, so schreibt Glasenapp selbst, „im Spiegel der jeweils anderen“.
Und hat Mut dabei, Widersprüche hinzunehmen. Etwa, wenn Glasenapp Taylor Swifts Weg vom „Albtraum für den Feminismus“ zur Vorkämpferin für echte Gleichberechtigung nachzeichnet. Albtraum deshalb, weil sich Swift für Feminismus erst - darauf deuten Interviewäußerungen hin - nicht so recht interessierte und sich dann auf das beschränkte, was Kritiker eine „abgeflachte, neoliberale Form von Feminismus nennen, die strukturelle Ungleichheiten ausblende, systematische Problemlagen völlig unangetastet lasse und für die Intersektionalität ein Fremdwort sei“. Anders formuliert: Swift als Girlboss-Feministin, ein Vorbild dafür, dass es jede Frau schaffen könne, wenn sie sich nur genügend anstrenge. Was da unbewusst mitschwingt: Man solle sich mal nicht so anstellen und sich das Klagen über strukturelle Benachteiligung sparen.
Die Taylor Swift von heute ist längst weiter, war nicht völlig zu Unrecht auf dem „Time“-Cover als Galionsfigur der #MeToo-Bewegung. 2017 hatte sie einen übergriffigen Radiomoderator vor Gericht gezogen. Um Geld ging es ihr dabei nicht, Swift forderte (und bekam) nur einen Dollar symbolisches Schmerzensgeld.
Amerikas Rechte jubelte: Verlässt Taylor Swift die „Insel der Woken“?
Dennoch lässt sich manche ihrer Inszenierungen auch ganz anders deuten - als Angebot in Richtung konservativer bis reaktionärer Haltungen, wie jüngst bei der Verkündung ihrer Verlobung, begleitet von einem Foto, das Swift und Footballstar Travis Kelce in einem romantischen Garten zeigte: „Er, der hünenhafte Footballspieler, kniet in ordnungsgemäßer Willst-du-mich-heiraten-Poste vor ihr; sie, als Inbegriff von Anmut und klassischer Weiblichkeit, empfängt stehend seinen Antrag und schaut zu ihm herab, die linke Hand an seiner Wange“, schreibt Glasenapp und ergänzt, das Foto würde auch in den Instagram-Feed einer Tradwife passen - gemeint sind Frauen, die das glückliche Leben als Hausfrau und Mutter inszenieren. Zum Jubel rechter Hardliner wie des erschossenen Charlie Kirk übrigens, der hoffte, dass Swift die „Insel der Woken“ verlassen würde.
Jörn Glasenapp ist bekennender Fan von Beyoncé und Swift - was die Begeisterung erklärt, mit der er schreibt. Doch das Fanboytum lässt ihn nicht die Augen verschließen vor solch kontroversen Episoden. Sein differenziertes Fazit: Beyoncé und Swift sind zweifelsohne „Leitfiguren für eine neue Generation von Frauen, Ikonen weiblicher Selbstermächtigung“ - aber auch erheblich angepasster und vorsichtiger, als es einst Madonna war.
Für all diejenigen Leserinnen und Leser, die nicht von vornherein dem Irrglauben aufsitzen, dass Taylor Swift Plastikpop und Beyoncé überschätzt sei, ist Glasenapps Buch: eine intellektuelle Bereicherung.
Jörn Glasenapp, Beyoncé und Taylor Swift, Wallstein-Verlag, 116 Seiten, 20 Euro.


