
Die zuvor schlechteste Auswärtsmannschaft der 2. Fußball-Bundesliga hat endlich Zähne gezeigt - aber auch mit einer ordentlichen Portion Glück drei Zähler aus dem hohen Norden entführt. Die Statistiken zur zweiten Halbzeit in Kiel zeichnen ein erschreckend eindeutiges Bild. 1:7 Schüsse, und 37 zu 63 Prozent Ballbesitz aus Nürnberger Sicht standen an der Förde zu Buche. Nach dem Seitenwechsel war Holstein die klar bestimmende Mannschaft. Am Ende der Partie stand mit 74 Prozent zudem die niedrigste Passquote, die es in Nürnberg je unter Klose gab. Bei der einzig wichtigen Statistik – der Anzahl der Tore – lag aber der 1. FC Nürnberg vorne. Wie kann das sein?
Eigentlich ganz einfach - die Klose-Truppe zeigte etwas, von dem man große Teile der Saison nur träumen konnte: eine ungewohnt gnadenlose Effizienz vor dem gegnerischen Kasten. Zwei gute Angriffe in 22 Minuten und es steht 2:0 für den „Ruhmreichen“. Zahllose Ballverluste, die äußerst luftige Definition des Begriffs Verteidigungsarbeit und 26 Spielminuten später hatten die Kieler ausgeglichen, die Nürnberger Führung war so schnell Geschichte, wie sie entstanden war. Ein aufkommender Gegner, der sich an den Schwächen des Clubs berauscht, ein wieder einmal verspielter Vorsprung und hängende Köpfe: eigentlich alle Symptome für einen bevorstehenden Nürnberger Einbruch in Hälfte zwei - doch es kommt anders.
Der einzige Abschluss im zweiten Durchgang bringt die Entscheidung - eiskalt verwandelt Mohamed Ali Zoma eine Halbchance zum vielleicht entscheidenden Wendepunkt der Club-Saison. Erst acht Zähler hatte der FCN bis Samstag auswärts eingefahren, an der Ostsee gelang der erste Dreier auf fremdem Platz seit dem Sieg in Dresden Anfang November letzten Jahres. Die Suche nach Konstanz bleibt die vielleicht drängendste im zweiten Klose-Jahr - individuell wie kollektiv. Doch Offensiv kristallisieren sich in der heißen Phase der Saison zwei Spieler als absolute Unterschiedskicker immer mehr heraus.
Julian Justvan, der seinen zweiten Doppelpack in den letzten fünf Partien schnüren konnte, und bereits genannter Mohamed Ali Zoma, mit zehn Treffern bester Torschütze in schwarz und rot. Seit er seinen Auswärtsfluch vor knapp einem Monat in Bochum gebrochen hat, scheint der Italiener aufzublühen. Zusammen kommen sie auf unglaublich 26 Scorerpunkte - 34 Tore hat der FCN in dieser Spielzeit bisher erzielt. Dafür hat der Club 316 Torschüsse gebraucht, das macht einen Schnitt von 9,3 pro Tor. In Kiel waren es drei Treffer aus fünf Versuchen - ein Schnitt von 1,7 Schüssen für einen Torerfolg.
Blaupause für den Endspurt?
Der Auftritt in Kiel kann aus mehreren Perspektiven als Blaupause für den Rest der Saison gelten. Behält sich die Mannschat von Miroslav Klose diese überragende Effizienz bei, wäre der Abstiegskampf schnell komplett abgehakt. Auch die Spielidee war nach wenigen Minuten klar erkennbar: nach Balleroberungen das Feld schnell vertikal überbrücken und das Tempo hoch halten. Kein Schnörkel, keine großes Tiki-Taka, keine Verwendung für viel Ballbesitz - den Gegner machen lassen und dann blitzschnell kontern. Mit dieser simplen Taktik fährt der FCN gut, solange er nicht selbst das Spiel machen muss.
Dazu kommt, dass Miroslav Klose die Zweikampf-Könige der Liga trainiert, kein Team gewinnt mehr Duelle. Wenn dann auch noch „die Basics“ stimmen, also „Laufarbeit, Zweikampfstärke und Kommunikation“, spricht viel für den Club. Nachholbedarf besteht wie erwähnt, wenn vom FCN kreative Lösungen erwartet werden, beispielsweise wenn Gegner tief stehen. Auch die Laufbereitschaft könnte höher sein: Bei der Distanz gelaufener Kilometer belegt der Club den vorletzten Platz, über 200 Kilometer sind die Nürnberger Profis weniger gelaufen als Fleiß-Spitzenreiter Dresden. Dass auch Gastgeber Kiel am Wochenende insgesamt sechs Kilometer mehr abspulte, wäre bei einem anderen Spielausgang vielleicht noch einmal Thema geworden.
Am kommenden Samstag empfängt der FCN vor heimischer Kulisse den 1. FC Kaiserslautern - der offensivstark aber auch anfällig agiert. Ein Gegentor mehr als der Club haben sich die „roten Teufel“ bisher gefangen. Auch die Ausgangslage dürfte dem FCN in die Karten spielen. Die Rheinland-Pfälzer werden große Teile der Spielanlage an sich reißen, der FCN kann seine in Kiel gezeigte Paraderolle einnehmen - kontern und bestenfalls effektiv zuschlagen.