Engadin - Wo der Inn noch „En“ heißt und Thomas Mann von der schönsten Landschaft schwärmte: Das Engadin verzaubert Langläufer mit Arvenwäldern, zugefrorenen Seen und alpiner Ruhe. Von Simons Corner bis zur österreichischen Grenze ist hier pure Winterromantik.

Zur Liebe ist es manchmal ein langer Lauf. Doch die Liebe zum Langlauf kann ihn verkürzen. Wie dürfen wir das sonst verstehen, dass die Sportlerin vor mir in der Loipe zwischen Pontresina und Samedan unübersehbar ein Schild hinten auf dem Rucksack trägt, mit dem sie fragt: „Wo ist die große Liebe?“ Die Loipe als Kontaktanzeige? Der Wintersport als Weg ins Glück? Es gibt unromantischere Orte auf der Welt als hier dieses Schweizer Hochtal. Wo nicht nur 240 präparierte Langlaufpistenkilometer, sondern auch durchschnittliche 1800 Höhenmeter über dem Meeresspiegel die Herzen ohnehin schon höher schlagen lassen.

Als die sportliche Dame als wandelnde Kontaktanzeige vorbeischwingt, reckt sich sogar Simon Willy unter dem hölzernen Vordach seines Loipenwärterhäuschens hervor, um ein Handyfoto zu machen. Und das will was heißen. Denn Simon, selbst beschwingte 77 Jahre alt, 34 davon „auf der Piste“, hat hier schon manchen Schneemann und manche Schneefrau vorbeiwatscheln sehen. Jede Skisaison ist der Landwirt als Loipenpassverkäufer im Winter täglich zwischen zehn und 16 Uhr an der Samedaner Holzhütte am Punt Muragl anzutreffen. Sich ums Touristenrudel zu kümmern, hält er so zuverlässig ein wie ganzjährig den allmorgendlichen Gang in den Stall.

„Simons Corner“ steht an seiner Schutzhütte und was dieser Mann aus den Bergen da am Loipenrand vollbärtig betreibt, ist ein Nehmen und Geben - nicht nur weil er für Kundschaft mit einem regionalen Riecher auch selbsthergestellten Bergkäse und Schinken dabei hätte. Gratis gibt er für jeden kontrollierten Loipenpass, Stammgäste wissen es längst, einen lockeren Spruch auf Schwyzerdütsch mit auf den weißen Weg. Von wegen alte Skisocke! „Ich bin zwar alt, aber modern“, betont er, was seinen inzwischen auch digital praktizierten Check der Langlaufausweise betrifft. Wobei ihm die „old school“-Variante, wenn die Leute ihre Pässe sichtbar am Skianorak tragen, „scho liaber“ sei, wie er nuschelt.

Umgerechnet 13 Euro kostet der „Cross-Ski-Pass“ im Engadin als Tagesticket, etwa 43 Euro als Wochenpass. Was den Brettlspass, egal ob im klassischen Langlaufstil oder als Skater, weitaus erschwinglicher macht, als die Skipässe für die alpinen Abfahrtspisten. Gerade für Familien. Hunde zahlen gar nichts und sind überdies willkommen. In Samedan, Bever und Zuoz zum Beispiel gibt es Hundeloipen, wo die Vierbeiner schwanzwedelnd den Schneesport ihrer Zweibeiner beschleunigen dürfen.

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Skizpitzen voraus durch Maloja. Nach dem Gebäude führt die Loipe über den zugefrorenen Silser See. © Christian Mückl

Es muss ja nicht immer gleich Marathon sein. Aber, immerhin, es könnte. Das Schöne an der Engadiner Weitlaufloipe der Profis mit ihren 42 Kilometern zwischen Maloja und S-charl ist, dass die Strecke danach für Hinz und Kunz, also dich und mich, offen steht. Ab Ende Januar. Und noch schöner: Wir Nicht-Profis dürfen die Weitlanglaufdistanz vergleichsweise unbeschwert meistern. Wo es doch das Angebot des mehrtägigen Gepäcktransports gibt, in diesem Hochtal mit seiner vielgerühmten Weite und seinem klaren, südlichen Licht. Selbst nobelpreistrainierte Sprachsportler wie Thomas Mann verausgabten sich medaillenverdächtig mit Liebesbekundungen für die Gegend. Es sei „die schönste Landschaft, die er je gesehen habe“, liebkoste der kühle Nordmann die Engadiner Welt. Er war nicht der Einzige, der frohlockte. Auch Friedrich Nietzsche, Max Frisch, Hermann Hesse, Erich Kästner oder Annemarie Schwarzenbach strahlten gerne in die hiesigen UV-Strahlen.

Wer will, kann das Engadin über die Marathon-Distanz hinaus vom Scheitel oben in Maloja bis zur Zehenspitze des Unterengadins in Martina auf Langlaufskiern durchmessen. Blicke auf das legendäre Luxushotel Waldhaus in Sils sind dabei ebenso zu erhaschen, wie die alpine Glatteisdiele der Natur sich auf den zugefrorenen Seen eröffnet, die von den Pistenraupen schon frühmorgens beloipt werden. Eine unglaubliche Ruhe ist sonst der stundenlange Begleiter.

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Loipenwart Simon Willy, 77, hat alles im Blick. © Christian Mückl

Davos mag seinen „Zauberberg“ haben, die Engadin-Loipe schlängelt sich durch Zauberwälder aus Arven und Lärchen. Selten, dass es so steil wird wie über Pontresina, wo selbst Profi-Langläufer mitunter „den Boden küssen“, wie es heißt. Die Stelle im Stelzenwald lässt sich indessen locker umgehen. Ansonsten ist die Strecke leicht bis mittelschwer und die Rhätische Bahn überall eine rettende Schiene mit regelmäßigen Stopps. Ein steter Begleiter Richtung Zuoz, Scuol und Martina ist der Inn. „En“ nennen sie den plätschernden Schlingel in Graubünden, der auf gut 2400 Metern Höhe bei Maloja entspringt und seine Schüchternheit bald verliert. Gerade bei Sonnenlicht verleiht er dem Hochtal eine malerische Note und weist der Loipe den verschlungenen Weg bis hinunter zur Landesgrenze nach Österreich.

Reisegrafik Engadin
© gute reise infografik

Mehr Informationen:

Engadin Tourismus, 7500 St. Moritz, Tel. +41 81 830 00 01 www.engadin.ch oder Graubünden Ferien, Alexanderstrasse 24, 7001 Chur, Tel. +41 81 254 24 24 www.graubuenden.ch

Anreise: Bahn ab Nürnberg über Landquart nach Maloja ca. 8 Stunden. Auto über Chur nach Maloja ca. 7 Stunden.

Langlaufsaison: Die Loipenzeit beginnt etwa Ende November, die Marathon-Strecke von Maloja bis S-charl ist ab Ende Januar befahrbar.

Anbieter: Weitlanglauf-Gepäcktransport und Übernachtungen z. B. www.tour-explorer.ch bzw. Tour-Explorer, Mülistrasse 16, 7076 Parpan, Schweiz. Tel. +41 81 356 22 44.

Redaktioneller Hinweis: Die Recherche für manche Artikel in dieser Ausgabe wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt.

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