Nürnberg - Navessa Allens „Lights Out“ sorgt mit maximalem Spice-Level und Dark-Romance-Elementen für Furore auf TikTok. Doch hinter der Viralität stellt sich die Frage: Hält der Roman mehr bereit als seine zahlreichen Sexszenen?

„Lights Out“ ist das Buch, das es aus dem Stand auf die SPIEGEL-Bestsellerliste geschafft hat und Autorin Navessa Allen mittlerweile 329.800 Follower auf TikTok und 280.000 auf Instagram eingebracht hat. Spice-Level 5 von 5, eine Leseempfehlung ab 18 Jahren - das sind eindeutige Hinweise auf den Inhalt.

Im normalen Leben ist Aly Krankenschwester und kümmert sich um andere Menschen. Um sich vom Alltag abzulenken, schaut sie sich am liebsten Videos von maskierten Männern an. Einer hat es ihr besonders angetan, und sie kann nicht anders, als ihn mit verführerischen Kommentaren zu ködern.

Als Josh diese Kommentare sieht, beschließt er, ihre Fantasien wahr werden zu lassen. Die beiden beginnen mit „leichtem“ Stalking und leben ihre dunkelsten Sehnsüchte gemeinsam aus. Was sie nicht ahnen: Aly hat auch noch die Aufmerksamkeit von jemand anderem erregt.

„Lights Out“
von Navessa Allen

  • übersetzt von Vanessa Lamatsch
  • 592 Seiten
  • everlove
  • ISBN: 978‑3‑492‑06731‑7
  • 17 Euro

In „Lights Out“ trifft Dark Romance auf RomCom - die Geschichte ist gleichzeitig düster, gefährlich, erschreckend und witzig. Während bald schon der dritte Teil der „Into Darkness“-Reihe erscheinen soll, hat die Bestsellerautorin zudem bereits die Serien-Adaption ihres ersten Teils angekündigt. Fans sind gehypt - doch ist dieser Hype gerechtfertigt?

Review „Lights Out“: Sex sells!

Bereits auf den ersten Seiten wird der Ton gesetzt: Wir begleiten Aly, eine überarbeitete Krankenschwester, die das Schlimmste vom Schlimmen sieht und sich nur durch die Flucht in Traumwelten eine Auszeit vom Grau gönnen kann. Ihre Traumwelt besteht konkret aus den Thirst Traps Unbekannter im Internet: leicht bekleideten Feuerwehrmännern oder muskulösen Unbekannten in Masken. Aly wie auch die Leserinnen und Leser werden mit Blut, Schmerz und Horror konfrontiert. Gleichzeitig ist sie aber eine nachvollziehbare Figur, die - möglicherweise wie viele Leserinnen und Leser dieses Genres - auf freizügige Eskapaden auf Social Media steht.

Allens Figuren sind deswegen aber keineswegs perfekt - oder überhaupt gut geschrieben: Aly gibt sich aufopferungsvoll ihrer Arbeit hin, meist auf Kosten ihres eigenen Wohlbefindens. Begründet wird dies durch den Verlust ihrer Mutter, als sie 16 Jahre alt war. Es sind lapidare Erzählungen, die die Frage aufwerfen, ob diese Art von Hintergrundgeschichte nötig war, um eine Figur wie Aly glaubwürdig zu erzählen.

Spoiler: Ausarbeitung lässt zu wünschen übrig

Aly ist eine Figur voller Klischees: Sie ist Vollwaise, getrieben davon, ihrer toten Mutter gerecht zu werden - und mehr nicht. Dass ihr Stalker/Freund ihre Traumata innerhalb weniger Seiten und Worte wegrationalisieren kann, zeigt, wie konstruiert und flach die Figuren geschrieben sind. Abgebildet werden weder Realitäten von Menschen, die Traumata erlebt haben, noch die belastenden Lebensumstände vom Gesundheitspersonal, das nebenbei gesagt auch ohne verstorbenen Elternteil regelmäßig an seine Grenzen kommt.

Ob Joshs Hintergrundgeschichte glaubwürdiger ist? Nun, sie ist zumindest origineller. Auch wenn der Sohn, der das Gegenteil seines gewaltvollen Vaters darstellt, nichts Neues ist, machen die genaueren Umstände seine Geschichte interessanter. Während er dabei ist, sich selbst seine Wahrheit einzugestehen, braucht es dennoch Aly, die ihm die finale Bestätigung gibt, dass er nicht wie sein Vater ist. Aly ist Krankenschwester - ob sie sie zur psychosozialen Analyse befähigt, bleibt fraglich. Das Buch erkennt zumindest an, dass sie nicht ausschlaggebend, sondern lediglich das letzte Korn auf der Waage war.

Spice ist spicy in Navessa Allens „Lights Out“

Nun, möglicherweise suchen Leserinnen und Leser von Dark Romance und einem „5 von 5 Spice‑Level“ auch keinen Tiefgang. Vielleicht werden Bücher dieser Art vor allem auf die Sex-Szenen reduziert - und vielleicht ist das auch in Ordnung. „Lights Out“ bietet davon wahrlich viele und wird außen vorgelassen, ob die Charaktere von Aly und Josh gut oder realistisch geschrieben sind, funktionieren ihre Figuren und die daraus entstehende Beziehung.

Denn während Aly alles gibt und sich danach sehnt, die Kontrolle abzugeben, braucht Josh Kontrolle über alles. Beide führen diese Beziehung (zumindest größtenteils) einvernehmlich und gern - auch Sex-Etiquetten werden thematisiert. Zudem harmoniert es zwischen beiden: Sie teilen einen gemeinsamen Sinn für Humor und vertrauen einander (äußerst schnell). Umso bedauerlicher ist es, dass - nachdem die Figuren zueinander finden und auf Augenhöhe sind - es nicht mehr primär um ihre körperliche Beziehung geht, sondern plötzlich ein völlig neuer Handlungsstrang eröffnet wird.

Ist „Lights Out“ von Navessa Allen gut?

Das „Dark“ in diesem Roman bringt vor allem die Umwelt, weniger aber Aly und Josh. Denn nachdem beide sich zu ihrer Beziehung bekennen, müssen sie sich mit Mördern, einer beinahe erfolgten Vergewaltigung und der lokalen Mafia auseinandersetzen. Teile der Handlung geben Josh und Aly zumindest die Möglichkeit, den Beginn ihrer Beziehung zu hinterfragen, doch vieles hinterlässt nur Fragezeichen darüber, wohin die Geschichte führen soll und welche Erzählwelt plötzlich eröffnet wird.

Schlussendlich bleibt die Frage offen: „Ist Lights Out gut?“ Nun - ja und nein, aber eigentlich nicht wirklich. Für viele dürfte der Roman vor allem wegen der Sex-Szenen interessant sein: Davon gibt es viele, doch Sex wie Liebe ist immer Geschmackssache. Ein echtes Manko ist hingegen, dass es im Verhältnis dann doch zu wenige sind für eine Handlung, die sich schließlich in sich selbst verliert. Abseits der sexuellen Szenen gibt es nicht vieles, das wirkliche Unterhaltung verspricht. Bis auf vielleicht den Humor der beiden Charaktere, der doch den ein oder anderen Lacher beim Lesen verspricht.