
Vor über hundert Jahren hatte der Deutsche Joseph Hubertus Pilates das Pilatestraining entwickelt, das sowohl Muskelkraft, Flexibilität als auch Gleichgewicht trainieren soll. Es gilt als geheimer Gamechanger, auf den insbesondere Frauen seit Jahren schwören - nun ist der Hype um den Sport regelrecht explodiert.
Besonders Reformer-Pilates, also die Variante des Pilates auf einem „Reformer“-Gerät, liegt aktuell stark im Trend. Für diese Form wird gewissermaßen ein Schlitten auf Schienen verwendet, der durch Seilzüge verstellbaren Widerstand erzeugt.
Neu ist das Gerät keinesfalls. Bereits 1924 hatte Joseph Pilates, Gründervater der Sportart, ein Patent für seinen Apparat angemeldet. „Dieses Gerät gibt es schon sehr lange, es war aber bislang keine Massenerscheinung, weil es sehr teuer ist und auch bei Einsteigerinnen und Einsteigern eine enge Betreuung notwendig ist“, erklärt Tessa Temme, Dozentin am Institut für Tanz- und Bewegungskultur der Deutschen Sporthochschule Köln, im Gespräch mit der Apotheken Umschau.
Das Reformer-Gerät ist inzwischen längst nicht mehr unzugänglich, denn immer mehr Studios bieten diese Geräte für ihre Kurse an. Nachdem man sich auf Social Media kaum noch vor Pilates-Influencern retten konnte, ist Reformer-Pilates mittlerweile der neue Trend. Auch Stars wie Kim Kardashian und Harry Styles trainieren an den Geräten.
Gerade Reformer‑Pilates zielt auf die Stärkung der Rumpfmuskulatur ab - also von Bauch, Beckenboden und Rücken. Der Einstieg in den Sport fällt mit dem Gerät zwar leichter, ist jedoch nicht ganz ohne Risiken.
Verletzungsrisiko durch Reformer-Pilates
In Deutschland gibt es inzwischen vermehrt Pilatesstudios, die auch die Reformer-Variante anbieten. Auch in Franken ist der Hype angekommen. Studios vor Ort stellen teilweise jedoch keine Trainerinnen und Trainer ein, sondern greifen ausschließlich auf Trainingsvideoformate zurück, mithilfe derer sich Kundinnen und Kunden selbst durch die Pilatesstunde führen sollen. Diese Trainingsform ist jedoch nicht für alle ungefährlich. Besonders bei Anfängerinnen und Anfängern besteht ein erhöhtes Verletzungsrisiko.
Der britische Dachverband EMD UK erklärt, dass die Pilates-Methode ab einer bestimmten Teilnehmerzahl einfach nicht mehr effektiv sei und ein Kurs dann eher „zu einem Gruppenfitnesskurs auf dem Reformer als zu einem Kurs nach der Pilates-Methode“ werde. Das hänge aber stark von der Qualifikation der Trainerinnen und Trainer ab.
Ohne die richtige Kontrolle birgt gerade diese Pilates-Variante jedoch ein erhöhtes Verletzungsrisiko, warnt der Verband. Die Federspannung könne bei falscher Belastung zu Verletzungen führen - und auch der Schlitten, die Schulterstütze und die Kopfstütze können falsch eingestellt sein.
Der Hersteller Pilates&Me warnt, dass sich Körperhaltungsprobleme bei falscher Ausführung sogar verschlimmern können. Deshalb empfiehlt auch das Unternehmen ausdrücklich ein Training unter Anleitung einer fachkundigen Person.
Das Journal of Alternative, Complementary & Integrative Medicine berichtet derweil, dass das Gerät unter anderem mit Rückenverletzungen, Liquorverlust - also einem Leck in der harten Hirnhaut, meist an der Wirbelsäule, das zu Unterdruck im Schädel führt - sowie mit dem Auskugeln des Oberarmkopfes in Verbindung gebracht wurde.
Pilates ist kein Allzweck-Helfer
Marcus Schiltenwolf, Sportmediziner am Universitätsklinikum Heidelberg, erklärte gegenüber der ARD, dass die positiven Gesundheitseffekte von Pilates vor allem auf die Bewegung zurückzuführen seien, nicht aber auf Pilates selbst: „Keine Studie hat gezeigt, dass Pilates in irgendeiner Weise anderen Bewegungsformen überlegen ist“, betont der Wissenschaftler.