
Der Auftrag an Joti Chatzialexiou war klar: Den aufgedunsenen Kader abspecken und Fehlinvestitionen korrigieren. Rein numerisch gesehen hat der Sportvorstand sein Ziel erfüllt: Neun Spieler hat der Club währen des Winter-Transferfensters abgegeben.
An dieser Stelle wären zum einen die Vertragsauflösungen mit Robin Knoche und Ondřej Karafiát zu nennen. Beide kann man als routinierte Zweitliga-Profis bezeichnen, beide waren zweitweise solide Stammkräfte in der Nürnberger Defensive - und beide rutschen nach starken Phasen zuletzt in die Bedeutungslosigkeit in den Weiten des Club-Kaders. Außerdem hat der FCN gleich drei Leihen beenden müssen: Neben Pape Demba Diop und Tim Drexler muss auch Artem Stepanov nach nur weniger Monaten in Nürnberg seine Koffer packen. Nicht in allen drei Fällen lag die Entscheidung beim Verein, gerade Tim Drexler hätte man dem Vernehmen nach gerne behalten. Als letztes fallen in die Abgangs-Aufstellung vier Leihen zu anderen Vereinen, darunter auch das enttäuschende Kapitel von Samir Telalovic, jedoch kehren diese Profis zum Saisonende wieder zurück.
Auf der Gegenseite stehen drei Neuzugänge: Rabby Nzingoula ist auf Leihbasis zum 1. FC Nürnberg gewechselt. Der französische U20-Nationalspieler gilt als physisch und defensiv starker Sechser, der auch als Rechtsverteidiger auflaufen kann. Vom FC Bayern hat sich der Club „Mini-Schweinsteiger“ Javier Fernandez geliehen, der sowohl auf der Sechserposition als auch als Box-to-Box-Spieler einsetzbar sein soll. Zu guter Letzt verkündete der FCN am Deadline-Day noch den Transfer von Styopa Mkrtchyan. Der armenischer Nationalspieler soll die Abwehr komplettieren. Die Scoutingabteilung habe den jungen Mann „voller Überzeugung empfohlen“, kommentierte Joti Chatzalexiou den Wechsel.
Vor allem auf der Zugangsseite hat man sich das beim Club anders vorgestellt. Unter anderem der geplatzte Wechsel von Immanuel Pherai stößt sauer auf. Den langjährigen HSV-Profi zog es stattdessen zur SV Elversberg - zum Unmut von FCN-Trainer Miroslav Klose. „Wir hätten gerne noch Qualität dazugewonnen, vor allem mit dem Spieler“, erklärt er gegenüber der Bild. Doch wie ist es nun um den Nürnberger Kader und realistische Ambitionen bestellt?
Offensive Baustelle
Besonders deutlich wird das Nürnberger Dilemma beim Blick auf einige Statistiken: Mit gerade einmal 23 erzielten Toren verfügt der FCN aktuell über die drittschlechteste Offensive der Liga. Manch aufmerksamer Beobachter möchte nun einwerfen „aber was ist mit Spitzenreiter Schalke? Die haben auch nur einen Treffer mehr erzielt.“ Das mag sein, doch dafür haben die Knappen nur die Hälfte der Gegentore (14) kassiert. Mit dieser Effizienz geht die Aufstiegsrechnung in Königsblau möglicherweise auf.
Dabei spielt sich der Club eigentlich genügend Gelegenheiten heraus. Bei den abgegebenen Torschüssen belegt der FCN Platz 8 (265) in der Statistik, bei geschossenen Toren jedoch nur Rang 16. Die Chancenverwertung - das ist nicht erst seit dem Remis gegen gegen Preußen Münster offensichtlich - ist in dieser Saiosn die große Schwachstelle beim Club. Bezeichnend, dass die besten Torschützen in der Klose-Profiklasse von 2025/26 die eigentlich nicht primär fürs Toreschießen bezahlten Mohamed Ali Zoma und Rafael Lubach sind.
Mangelnde Alternativen
Generell fällt auf: der Nürnberger Kader ist extrem jung. Die aktuell 29 Spieler ergeben ein Durchschnittsalter von 23,5 Jahren, lediglich zwei Profis sind über 30 Jahre alt (Mathenia 33, Soares 34). Der Club stellt damit den jüngsten Kader im Fußball-Unterhaus. Eine an sich nachvollziehbare, aber auch riskante Strategie.
Fabio Gruber (23) und Sommerneuzugang Luka Lochoshvili (27) bilden die unangefochtene Stamm-Innenverteidigung, Styopa Mkrtchyan (22) soll für Konkurrenz sorgen. Er wird beweisen müssen, dass er die prominenten, aber vor allem erfahrenen Abgänge Knoche (33) und Karafiat (31) vergessen machen kann.
Adam Markhiev ist Ruhepol und alternativloser Gestalter im Mittelfeld. Neuzugang Rabby Nzingoula (20) könnte neben ihm für defensive Stabilität sorgen, hat aber reichlich interne Konkurrenz auf seiner Position zu befürchten. Finn Becker (25) und Julian Justvan (27) sind die Akteure, die den Angriff inszenieren sollen, mit Javier Fernandez (19) bekommen sie filigranen Zuwachs, der sich aber erst entwickeln und beweisen muss - eher keine Soforthilfe.
Angriff oder Stillstand?
Bleibt die Frage, wen sollen sie füttern? Am drängendsten sind die Sorgen auf der Position, die überraschenderweise unberührt geblieben ist - im Sturmzentrum. Dem Club fehlt nach wie vor ein effektiver Angreifer vom Typ klassische Neun. Von Youngster Piet Scobel (20) ist nicht auf Dauer zu erwarten, alles in Liga zwei kurz und klein zu schießen und aus dem Alternativ-Trio Biron, Grimaldi und Maboulou tut sich ebenfalls kein Kandidat entscheidend hervor. Mit Daferner, Wintzheimer, Telalovic, Biron und Grimaldi lassen sich allein fünf der letzten sieben Stürmer-Neuzugänge als gescheitert ansehen - lediglich Emreli und vor allem Tzimas schlugen ein.
Miroslav Klose fehlen echte Alternativen auf der Bank - besonders im Angriff. Trotz hoher Ambitionen droht dem FCN eine Saison im Niemandsland der Tabelle, ein Angriff vom neunten Tabellenplatz Richtung Relegationsrang scheint angesichts der offensiven Defizite eher unrealistisch - dagegen sind es lediglich sechs Zähler Vorsprung auf Rang 16. Brisant zudem: Noch immer hat der ehemalige Weltklasse-Stürmer keinen neuen Vertrag unterschrieben. Ob daran die eher unbefriedigende Transferbilanz oder das Wegfallen vieler Leistungsträger durch Verkäufe - auch in der Sommerpause - einen Anteil haben, ist nicht eindeutig belegbar, dürfte aber in Kloses Entscheidungsprozess einfließen.
Keine Neuigkeiten zum Club mehr verpassen? Über unseren WhatsApp-Kanal erfahren Sie alle FCN-News aus erster Hand. Hier geht es direkt zum WhatsApp-Channel.